Gedenken am "Gleis 17"

"Keine Nation ist immun gegen Extremismus"

75 Jahre nach dem ersten Transport Berliner Juden vom Bahnhof Grunewald ist der Opfer am „Gleis 17“ gedacht worden.

Besucher haben am Gleis Rosen für die Opfer niedergelegt

Besucher haben am Gleis Rosen für die Opfer niedergelegt

Foto: Rainer Jensen / dpa

Reha Aronsohn, Uri Buonaventura, Tana Tina Finkels, Marion Flanzreich, Gittel Jacobsohn und Tana Wolff waren Babys, als sie am 18. Oktober 1941 mit dem 1. Transport Berliner Juden ins Getto Litzmannstadt (heute Lodz) geschickt wurden. Keines dieser Kinder aus Charlottenburg, Schöneberg und Friedrichshain wurde älter als zwei Jahre.

Der Transport von 1013 Kindern, Frauen und Männern markiert den Beginn der systematischen Verschleppung der Juden in den Osten. Genau 75 Jahre ist das her. Insgesamt wurden bis 1945 aus Berlin mehr als 56.000 Juden in Gettos und Konzentrationslager im Osten gebracht. Deutschlandweit waren es mindestens 130.000. Es waren Züge in den Tod. Am Mahnmal „Gleis 17“ am S-Bahnhof Grunewald wurde am Mittwochmittag mit einer Gedenkstunde an die Opfer der Deportionen erinnert.

Gedenken - Deportation der Berliner Juden vor 75 Jahren

Bundestagspräsident Norbert Lammert und Frank Henkel (beide CDU) in seiner Funktion als Berliner Bürgermeister beschrieben die Geschichte der Transporte, die mitten im wohlhabenden Wilmersdorf begannen und den Berlinern nicht entgangen sein konnten. Eine Geschichte, die gerade vor dem Hintergrund eines erstarkenden Nationalismus und wachsender Fremdenfeindlichkeit nicht vergessen werden dürfe.

„Demokratie allein macht uns nicht immun gegen Extremismus und Faschismus, keine Nation ist immun gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit – auch wir nicht“, sagte Lammert. Deshalb seien Gedenktage so wichtig. Weil sie Respekt vor den Opfern ausdrücken und auch die Verantwortung, die sich daraus für die Zukunft ergibt. „Das Gedenken wirkt selbstzivilisierend“, sagte Frank Henkel, „es ist das Gegenprogramm zur rückwärtsgewandten populistischen Agitation.“ Er dankte besonders den Zeitzeugen, die helfen, Erinnerungslücken zu schließen und die Geschichte lebendig zu halten.

Den Opfern eine Stimme geben

Horst Selbiger, Jahrgang 1928, ist so ein Zeitzeuge. Der Berliner hat den Holocaust überlebt. Er nennt in seiner Ansprache die Namen der sechs Babys stellvertretend für die sechs Millionen durch die Deutschen und ihre Helfer ermordeten Juden. Am Mittwoch spricht er nicht über sich. Er gibt Zeugen der Osttransporte eine Stimme und zeichnet ein eindringliches Bild dessen, was die 1013 Menschen bei ihrer Ankunft in Lodz erwartete.

Es gab weder einen Judenrat, der sich auf Gäste freute, noch Wohnung, Arbeit und Lebensfreude, wie es ihnen in Aussicht gestellt worden war. Stattdessen Gewalt, Kälte, Hunger und Verzweiflung. Im Mai 42 wurden die Berliner zusammen mit anderen Juden nach Chelmno/Kulmhof „ausgesiedelt“ und in Kastenwagen vergast. „Das Vernichtungslager war das Versuchslabor für Auschwitz“, sagte Selbiger. „Bitte sorgen und kämpfen sie mit mir dafür, dass solche industrialisierten Kindermorde nie wieder geschehen können. Faschismus ist keine Meinung, Faschismus ist ein Verbrechen!“