Reisen

Warum der Fernbus wie eine Wundertüte ist

Sina Pousset fährt Fernbus. Manchmal sogar mehrmals in der Woche. Über ihre Erlebnisse hat sie jetzt ein Buch geschrieben.

Der ZOB in Berlin ist für Sina Pousset immer wieder ein Abenteuer. Nicht immer findet sie rechtzeitig zur Abfahrt den richtigen Bus

Der ZOB in Berlin ist für Sina Pousset immer wieder ein Abenteuer. Nicht immer findet sie rechtzeitig zur Abfahrt den richtigen Bus

Foto: Inken Rauch / BM

Das Treffen mit Sina Pousset findet kurz vor ihrer Abfahrt nach Heidelberg statt. Acht Stunden im Bus liegen vor ihr. Aber sie scheint das nicht zu schrecken. Ist ja auch nicht ihre erste Fahrt mit dem Fernbus. Rechts neben ihr steht eine große Ledertasche, aus der oben ein Zahnbürstenkopf hervorlugt, daneben ein überdimensionierter Schal, links eine Papiertüte, aus der eine Wasserflasche ragt. "Vorbereitung ist alles", sagt die 26-Jährige, und da sind wir auch schon mitten im Thema. Dem Reisen im Fernbus.

Das betreibt sie regelmäßig, manchmal mehrfach in der Woche. Viel hat sie dabei schon erlebt, so viel, dass sie über ihre Erlebnisse im Fernbus ein Buch geschrieben hat, das an diesem Montag erscheint. Es geht darin um schnarchende und krümelnde Sitznachbarn, um Orientierungslosigkeit am Busbahnhof, das vergebliche Bemühen, eine Schlafposition zu finden, um das gewisse Örtchen und eben die richtige Organisation vor der Reise. "Der Bus ist eine Wundertüte", schreibt sie, irgendetwas ist immer abenteuerlich und unvorhersehbar.

"Der Bus ist ein rollendes Sofa"

Aus der anfänglichen Hassliebe – "es ist wie bei einer durchzechten Nacht, man sagt: nie wieder und dann ist man doch wieder dabei" – sei inzwischen mehr Liebe geworden, sagt Sina Pousset: "Der Bus ist ein rollendes Sofa." Und sie ergänzt: "Die Busse sind besser geworden, es gibt W LAN und mehr Beinfreiheit, aber ich bin auch besser geworden, vor allem beim Packen". Heute sind bei ihr alle technischen Geräte voll aufgeladen, bevor sie in den Bus steigt und auch das Packen hat System. "Anfangs habe ich immer etwas im Gepäckraum vergessen, heute habe ich alles, was ich vielleicht brauchen könnte, bei mir". Und das sind vor allem der Schal, wahlweise genutzt als Kissen, Decke, Putzlappen oder Sichtschutz, die Wasserflasche und die Kopfhörer – fürs eigene Entertainment und vor allem um nicht die Musikvorlieben und sonstigen Geräusche des Nachbarn hören zu müssen.

Das Abenteuer fängt schon bei der Suche nach dem richtigen Bus an

Sina Pousset gehört zu den inzwischen 20 Millionen Fahrgästen, die im vergangenen Jahr laut Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer mit einem Fernbus gefahren sind. Im Jahr 2013, als der Fernbusmarkt gerade liberalisiert wurde, waren es noch acht Millionen Reisende. Damals stieg auch Pousset auf den Bus um. "Als Student hat man viel Zeit und wenig Geld." Erst hat die gebürtige Heidelbergerin in Karlsruhe Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte studiert, später in München und Oxford, jetzt lebt sie in Berlin. Und meist ging es mit dem Bus von einem Ort zum anderen. Dabei hat sie viel über ihre Mitreisenden gelernt.

Für Sina Pousset ist meist auf den ersten Blick klar, wer zum ersten Mal dabei ist. Das fange schon bei der Sucherei nach dem richtigen Bus an. Manche laufen von Bucht zu Bucht und versuchen herauszufinden, wohin welcher Bus fährt. Tatsächlich ein schwieriges Unterfangen, "ich habe das System auch immer noch nicht richtig kapiert", gibt sie zu, "besonders der ZOB in Berlin ist für mich immer noch ein Mysterium". Das sei hier ein Gewühl wie auf einem großen internationalen Flughafen, nur viel chaotischer. Und zurechtfinden würde man sich auch kaum noch, weil inzwischen fast alle Busse grün sind.

Stimmung irgendwo zwischen Großfamilie und Klassenfahrt

Um doch zum Ziel zu gelangen, sei ein gewisses Tempo gefragt. Auch beim Aufspüren des richtigen Platzes. Innerhalb von Augenblicken müsse man erkennen, neben welchem Menschen man es die nächsten Stunden aushalten kann. Die Intimität sei schließlich im Bus viel größer als im Zug. "Die Bahn ist etablierter und mehr Berufspendler sind hier unterwegs, die , da redet man nicht so viel miteinander."

Im Bus liege die Stimmung irgendwo zwischen Großfamilie und Klassenfahrt. Über eine Fahrt von vielen Stunden seine Würde zu wahren, sei fast nicht möglich. Darum würden es viele erst gar nicht versuchen und steigen gleich mit Jogginghose ein. Eine Idee, auf die Reisende in der Bahn viel seltener kommen, allein schon für den Fall, man würde das Bordrestaurant besuchen. "Aber hier drin? Da sind wir unter uns. So wie wir sind, ganz ungeschminkt und gammelig. Der Reisemodus der Busfahrt ist kein Date, sondern die Ehe", schreibt sie im Buch.

Wenn man zu Füßen des Mitreisenden herumkrabbelt, ist es mit der Eleganz vorbei

Auch Sina Pousset trägt am liebsten diesen Bequemlook, allerdings darüber einen Mantel, um die Gemütlichkeit zumindest auf dem Weg zum Bus zu kaschieren. Aber dem Sitznachbarn im Bus könne man ja nichts vorspielen, "spätestens wenn ich zu seinen Füßen herumkrabbele, um mein heruntergefallenes Handy zu suchen, wenn ich ihn und mich vollgekrümelt habe oder wenn ich über ihn hinwegsteige, um zur Toilette zu gelangen, ist es mit der Eleganz vorbei". Wobei sie den Gang zur Toilette tunlichst zu vermeiden versucht und lieber bis zum nächsten Halt auf dem Rastplatz ausharrt.

Ein Thema, das weniger appetitliche Bilder hervorruft. Aber es gibt auch die schönen Erinnerungen. "Meine beste Busfahrt war von Oxford nach London, damals habe ich meinen Freund kennengelernt", verrät sie. Jetzt hat sie noch mehr Grund Fernbus zu fahren. Von vielen anderen spannenden Begegnungen im Bus könnte sie erzählen, aber jetzt muss sie sich beeilen, denn sonst fährt ihr Bus nach Heidelberg ohne sie ab. Also schnappt sie sich Tüte, Tasche und Schal und zieht los – auf der abenteuerlichen Suche nach der richtigen Bucht.

Sina Pousset: "Keine Ahnung, wo wir hier gerade sind", Goldmann Verlag, 12,99 Euro

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