Fintech-Branche

Bankerinnen allein unter Männern

In der Fintech-Branche sind Frauen in Führungspositionen sehr selten. Berliner Gründerinnen zeigen, dass es auch anders geht.

Sarah Drefenstedt prüft die Kreditwürdigkeit von Firmen

Sarah Drefenstedt prüft die Kreditwürdigkeit von Firmen

Foto: Reto Klar

Eigentlich ist es ein Unding, dass im Jahr 2016 die Rolle der Frau in der Gesellschaft noch immer ein so großes Thema ist, dass man darüber Artikel schreibt. Aber noch immer gilt es als besonders, wenn Frauen in Führungspositionen sind oder in männertypischen Bereichen arbeiten. Diese Ansicht zieht sich durch viele Branchen – Politik, Finanzwesen oder Start-up-Szene.

Dort zum Beispiel arbeitet Christine Kiefer. Sie ist eine der wenigen Gründerinnen eines Fintechs. Das sind Start-ups, die sich mit digitaler Finanztechnologie beschäftigen. In diesem Sektor findet man Frauen besonders selten. Kiefers Start-up Pair stammt aus der Berliner Start-up-Schmiede Finleap, die eine Vielzahl an Fintechs gründet. Hier arbeiten rund 260 Leute. Kiefer schätzt, davon seien gerade mal ein Fünftel Frauen. Darunter auch Carolin Gabor, die seit einigen Monaten eine der Geschäftsführerinnen ist.

Kiefers Start-up, das sie gerade großzieht, ist ein Online-Inkassounternehmen. Pair übernimmt dabei die Rolle des Mediators zwischen Unternehmen und Zahler. "Wir wollen kooperativ mit säumigen Zahlern umgehen, da wir davon ausgehen, dass jeder, der mal etwas gekauft hat, auch bezahlen wollte – außer er ist ein Betrüger, aber das sind die wenigsten."

"Wer gut ist, bleibt in Erinnerung"

Mickrige neun Prozent der Technologieunternehmen in Berlin werden von Frauen gegründet. Und das, obwohl im vergangenen Jahr rund 3000 Tech-Start-ups in der Stadt entstanden sind. Fast nur mit Männern zu arbeiten, das kennt Kiefer schon aus ihrem Informatikstudium. Ganz ähnlich ging es dann weiter in ihren ersten Jobs bei Siemens oder Goldman Sachs. "Die Anzahl meiner Kolleginnen war immer überschaubar", erinnert sie sich. Aber, und das kann durchaus auch ein Vorteil dieses Missstands sein: "Wer gut ist, bleibt in Erinnerung, gerade weil es so wenig gleichgeschlechtliche Konkurrenz gibt."

Der Mangel beginnt schon in der Ausbildung. Nur wenig Frauen wählen überhaupt Ingenieurfächer oder BWL mit dem Schwerpunkt Finanzen. Der Mangel an Frauen zeigt sich auch außerhalb der digitalen Welt. Im klassischen Bankgeschäft sind in Vorstandspositionen nur sehr wenig Posten weiblich besetzt. Das bereits bekannt Konservative prägt also offensichtlich auch das Neue. Kiefer bestätigt: "Unter zehn Bewerbern sind neun Männer." Für die Mischung wünsche sie sich natürlich mehr Frauen, aber, und das betont die 35-Jährige: "Die Kandidatinnen müssen auch gut sein, man kann nicht nur aus Gründen der Diversität Frauen einstellen."

Auch wenn das ein Pauschalisieren der Fakten ist, vermutet Kiefer, dass das Ungleichgewicht in diesem Bereich dadurch begründet ist, dass Fintechs weniger greifbare Ergebnisse erzielen würden, was Frauen weniger reizt. Während es zum Beispiel im E-Commerce mehr ums sichtbare Gestalten ginge und Frauen demnach mehr liegt.

Fintech-Ladies ist eine Art Stammtisch für Frauen

Um vom klischeehaften Denken wegzukommen, hat Kiefer im Sommer die Fintech-Ladies ins Leben gerufen. Eine Art Stammtisch für die wenigen Frauen, die in dem Bereich arbeiten und oft glauben, alleine damit zu sein. "Angefangen hat es im kleinen Kreise mit Freundinnen bei einem Glas Wein." Nun findet bald schon das dritte Dinner statt. Auch Studentinnen oder Frauen, die überlegen in der Branche arbeiten zu wollen, schreiben ihr mittlerweile E-Mails. "In unserem Job geht es auch viel um Vernetzung", sagt Kiefer.

Aber, und das findet auch die Gründerin Sarah Drefenstedt, die zu den Fintech-Ladies gehört, in einem Kreis nur aus Frauen würden viel tiefgründigere Gespräche zustande kommen. "Wir unterhalten uns nun mal anders, genau so haben wir ein anderes Risikomanagement oder schätzen Situationen anders ein als es Männer tun", sagt die 29-Jährige.

Drefenstedt hat Meteorologie studiert. Nun ist sie Gründerin des Nachhaltigkeitsbewertungssystems Pillend in Berlin, das die Kreditwürdigkeit mittelständischer Unternehmen prüft. Dabei dringt es in den Kern ein und bewertet die jeweilige Firma digital. Es ergänzt die normale Bonitätsbewertung, an denen sich private oder institutionelle Investoren online orientieren können.

Im Segelfliegen wurde sie deutsche Meisterin

Wieso sich so wenig Frauen an Führungspositionen trauen, erklärt Drefen­stedt mit der gesellschaftlichen Prägung: "Da ist immer das Gefühl einer latenten Unterschätzung von seinem Gegenüber." Dass die Frau körperlich grundsätzlich schwächer ist als der Mann, sei kein Geheimnis. Und auch, dass die meisten Frauen kritischer und zweifelnder seien. "Aber das sollte man eher als Stärke sehen", sagt sie. Drefenstedt hat davon schon früh mitbekommen. Seit sie 14 Jahre alt ist, ist sie Segelfliegerin. In dieser Männerdomäne wurde sie sogar deutsche Meisterin. Die junge Frau wirkt selbst ganz und gar nicht so, aber eine gewisse Großspurigkeit, wie sie viele Männer an den Tag legen, solle man sich durchaus antrainieren, findet sie.

Auch Kiefer rät ihren Mitarbeiterinnen, eine Aufgabe einfach mal zu machen, ohne sich und anderen vorher zu viele Fragen zu stellen. "Männer haben in der Regel ein Ziel und preschen los, während Frauen abwägen, anstatt genau so straight reinzugehen wie ihre Kollegen", sagt Kiefer. Das halte unnötig auf und vor allem ab.

Das Treffen der Fintech-Ladies sei genau dazu da, um zu motivieren und Kolleginnen und denen, die es noch werden wollen, zu sagen, dass man ohne Selbstzweifel leistungsfähiger ist. Besonders interessant wird es beim leidigen Thema Kind und Karriere. Denn auch da zeigt sich in der Masse, dass das funktionieren kann. Kiefer und Drefenstedt sind da sehr zuversichtlich, auch, was ihre persönliche Familienplanung betrifft. Wenn auch für sie der richtige Moment noch nicht gekommen ist.

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