Schinkel-Wettbewerb

Architekten sagen Verkehrsknoten am Westkreuz den Kampf an

Es ist ein unübersichtliches Gewirr aus Straßen, Brücken und Bahngleisen. Mit einem Wettbewerb wollen Stadtplaner nun Abhilfe schaffen.

Experten sind auf der Suche nach einer "mutigen" Neuordnung zwischen Westkreuz und Funkturm

Experten sind auf der Suche nach einer "mutigen" Neuordnung zwischen Westkreuz und Funkturm

Foto: Getty Images / Moment/Getty Images

Aus der Vogelperspektive betrachtet entfaltet das "Spaghettimonster" aus Bahngleisen, Autobahn und Stadtstraßen rund um Funkturm und S-Bahnhof Westkreuz noch eine gewisse Ästhetik. Am Boden jedoch sorgt das Gewirr aus Asphalt und Gleisen für Dauerstaus, Irrfahrten und zahlreiche Unfälle.

Zudem verschlingt das beeindruckende Knäuel an Verkehrswegen eine Unmenge an zentral gelegenem städtischen Raum, den die wachsende Stadt besser nutzen könnte. Grund genug, den gordischen Knoten zu durchschlagen. Doch wie soll das gehen?

Um das herauszufinden, hat der Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin (AIV) das Gebiet zum Thema für den Schinkel-Wettbewerb 2017 gemacht. "Das Nebeneinander aus Auto- und Bahntrassen zerschneidet das Stadtgefüge, zwischen den angrenzenden Stadtteilen bestehen kaum Verbindungen", beschreibt AIV-Sprecher Jörg Brause das Wettbewerbsgebiet.

Berlin gilt als Paradies für Stadt- und Raumplaner

Selbst der zentral gelegene S-Bahnhof Westkreuz sei schlecht erreichbar. Mit den Verkehrsbauwerken seien nicht nur deutliche Einschränkungen für Mensch und Umwelt verbunden, sie hemmten auch die städtebauliche Entwicklung des Umfeldes.

Der Zeitpunkt des Wettbewerbs ist gut gewählt. Auch im Hause des Stadtentwicklungssenators Andreas Geisel (SPD) ist man mit der Neuordnung des Verkehrs am Funkturm befasst. Eine Machbarkeitsstudie, die die Verwaltung zur "baulichen Optimierung" des Dreiecks Funkturm in Auftrag gegeben hat, liegt inzwischen vor. Eine Veröffentlichung, so Geisels Sprecher Martin Pallgen, werde allerdings erst nach der Begutachtung und Bewertung durch den neuen Senat vorgenommen. "Wir wollen dem Entscheidungsprozess nicht vorgreifen", so der Sprecher.

Brücken sind marode und müssen ersetzt werden

Das Vorhaben, die stauanfällige und baulich marode Verbindung zwischen dem Stadtring (A100) und der Avus (A115) neu zu ordnen, ist längst überfällig: Ursprünglich war der Baubeginn am Dreieck für Ende 2015 vorgesehen. Allerdings wird das Projekt nun noch mehrere Jahre auf sich warten lassen, denn im aktuellen Bundesverkehrswegeplan ist es, anders als vom Berliner Senat angemeldet, nicht enthalten.

Da ohnehin für die Modernisierung von Rampen, Auffahrten und Brücken ein komplettes Planfeststellungsverfahren nötig sein wird, rechnet man in der Senatsverwaltung mit einem Baubeginn erst ab 2022. Die Ideen der Nachwuchsplaner, die der Schinkel-Wettbewerb mit insgesamt 20.000 Euro Preisgeld befördern möchte, kommen da also gerade recht.

Doch die Studierenden und Absolventen aus den Fachsparten Städtebau, Landschaftsarchitektur, Architektur, Verkehrplanung und konstruktiver Ingenieurbau sollen sich nicht ausschließlich mit dem Autobahndreieck beschäftigen, wenngleich der 1963 eröffnete Verkehrsknoten noch nie grundsaniert wurde, seine Substanz besorgniserregend bröckelt und die schwer verständliche Verkehrsführung mit den viel zu kurzen Ausfahrten nicht mehr den heutigen Anforderungen entspricht.

Interview: "Stadtplanung ist ein anregender und aufregender Job"

Handlungsbedarf gibt es auch um den Knoten herum. "Wir haben den Wettbewerbsteilnehmern deshalb die Aufgabe gestellt, die Vernetzung der durch Schienen und Autobahnen getrennten Stadtteile zu verbessern und die Potenziale in den nur schwer zugänglichen Restflächen zu entwickeln", sagte Eva Krapf, Vorsitzende im Schinkelausschuss des AIV.

Das Wettbewerbsgebiet erfasst daher, vom Autobahnkreuz Funkturm ausgehend, der Avus und der A100 über den S-Bahnhof Westkreuz bis hin zur Neuen Kantstraße und der Masurenallee folgend, eine Fläche von rund 140 Hektar. Im Planungsgebiet liegen daher auch Gebäude wie der unter Denkmalschutz stehende Funkturm und das zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierte Messeraumschiff ICC.

Als der Funkturm noch "Funkturm Lietzensee" hieß

Der Wettbewerb solle, so die Planerin, die an der BTU Cottbus-Senftenberg lehrt, eine "Werkstatt der Ideen" in Gang setzen. "Dafür wünschen wir uns von den Teilnehmern Mut und Offenheit", sagt sie.

Einen weiteren Schwerpunkt bildet der aus allen Nähten platzende Zen­trale Berliner Omnibusbahnhof (ZOB). Dieser soll, so die Aufgabenstellung, als Schnittstelle für unterschiedliche Mobilitätsformen weiterentwickelt werden. In seine Neukonzeption soll auch das nähere Umfeld einbezogen werden.

Neue Ideen auch für den Busbahnhof gesucht

Bei diesem Projekt kommt der Schinkel-Wettbewerb jedoch etwas spät: Die 50 Jahre alte Busstation am Messegelände wird in den nächsten drei Jahren ausgebaut, um dem boomenden Fernbusverkehr gerecht zu werden. Das Land Berlin als Eigentümerin des ZOB beziffert die Kosten auf 14,3 Millionen Euro. Eine Antwort auf die Mobilität der Zukunft allerdings gibt der ZOB mit dem jetzt begonnen Ausbau noch nicht.

Erklärtes Ziel des bis März 2017 laufenden Wettbewerbs ist es: "Zukunftsweisende und unkonventionelle Lösungen für die Stadtentwicklung des 21. Jahrhunderts mit der Stadtöffentlichkeit, Fachleuten, Verwaltung und der Politik zu diskutieren."

Beachten Sie zum Thema Mobilität in Berlin unsere Serie "Berlin 2021":

Wie die Mobilität der Zukunft in Berlin aussieht

Berlins Bürgerämter müssen stärker koordiniert werden

Geteiltes Auto, doppelte Freude - Carsharing in Berlin

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.