Schule

Wenn das Lesen zur Qual wird

Jedes zehnte Kind leidet an Legasthenie oder Rechenschwäche. Ein betroffener Vater erzählt.

Foto: Joerg Krauthoefer

Wenn seine Klassenkameraden im Hort Risiko spielen, kickt der elfjährige Lars (Name geändert) lieber mit den Erstklässlern auf dem Schulhof in Tempelhof. Bei dem Risikospiel müsste er die Missionskarten entziffern. Am Nachmittag macht Lars dann die tägliche Leseübung. Der erste Satz geht noch ganz gut. Dann beginnen die Buchstaben vor den Augen des Jungen zu tanzen. Lars schaut aus dem Fenster und gähnt. „Du musst schon hingucken, wenn du lesen willst“, sagt sein Vater Knut Janßen. „Ich gucke hin, Papa, aber es bringt nichts“, antwortet der Sohn.

Lars hat eine ausgeprägte Lese- und Rechtschreibstörung (LRS), jeder Text baut sich vor ihm auf, wie eine riesige Mauer. In Deutschland sind nach Angaben des Bundesverbandes für Legasthenie und Dyskalkulie etwa zehn Prozent aller Kinder von einer Lese- und Rechtschreibschwäche oder von einer Rechenschwäche betroffen. Viele dieser Kinder erreichen nicht den Bildungsabschluss, der ihrer Begabung entsprechen würde, weil die Störung nicht rechtzeitig erkannt wird oder sie nicht ausreichend gefördert werden, kritisiert der Verband.

Betroffene machen Odyssee an Tests und Therapien durch

Nach den ersten Schultagen in der vierten Klasse sei Lars mit leeren Heften nach Hause gekommen, genauso wie in den Schuljahren zuvor auch, erzählt sein Vater. Stattdessen stehe dann im Hausaufgabenheft, was alles nachzuarbeiten ist. Lars hat häufig Kopfschmerzen und Schlafstörungen, sagt Janßen. Nach der Schule seien regelmäßig die Ärmel seines Shirts zerkaut.

Obwohl er als Schüler schon zu Beginn der ersten Klasse Auffälligkeiten zeigte, wurde die Legasthenie erst nach zweieinhalb Jahren erkannt. Bis dahin hatten Vater und Sohn schon eine Odyssee an Tests und Therapien hinter sich. „Zuerst tippte die Lehrerin auf eine Konzentrationsschwäche, denn Lars ließ sich beim Lesen und Schreiben gern ablenken“, sagt Knut Janßen. Intelligenz, Konzentration, Motorik, Hör- und Sehvermögen – so gut wie alles wurde untersucht, jedoch ohne Diagnose. Lars ging zur Logopädie, zur Ergotherapie, sogar das Medikament Ritalin probierten die Ärzte aus. Ohne Erfolg.

Der Vater würde am liebsten die Zeit zurückdrehen

Nachdem er drei statt zwei Jahre in der Schuleingangsphase gelernt hatte und immer noch nicht lesen konnte wie die anderen Mitschüler, drängte der Vater auf einen Legasthenie-Test bei der Schulpsychologie. „Der Test ging ganz schnell und zeigte sofort ein eindeutiges Ergebnis. Könnten wir die Zeit zurückdrehen, dann wäre es unser größter Wunsch, dass die Legasthenie früher erkannt worden wäre“, sagt der Vater.

Damit ist Lars kein Einzelfall. Häufig werden Legasthenie und Dyskalkulie sehr spät erkannt. Das bestätigt auch Professor Michael von Aster, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie der DRK-Kliniken in Berlin. Die Folge seien psychosomatische Erkrankungen. Die Misserfolge in der Schule können zum Beispiel Ängste oder auch Aggressionen hervorrufen.

Erste Anzeichen schom im Vorschulalter

„Frühes Erkennen, sorgfältiges Diagnostizieren und individualisiertes und schulnahes Fördern hilft chronisches Schulscheitern zu verhindern und damit die Chancen für eine gelingende Bildungs- und Persönlichkeitsentwicklung zu verbessern“, sagt der Mediziner. Dabei könnten Anzeichen auf Legasthenie schon im Vorschulalter erkannt werden.

Die Grundschulverordnung in Berlin sieht allerdings einen Legasthenie-Test in der Regel erst nach dem Ende der Schuleingangsphase vor, die je nach Kind zwei oder drei Jahre dauern kann. Und so wurde auch Knut Janßen mit seinem Sohn immer wieder von den Lehrern vertröstet.

Klassenarbeiten unter besonderen Bedingungen

Nicht nur in Deutsch, auch in Mathe oder Sachkunde sei Lars benachteiligt gewesen, weil er die Arbeitsblätter und Aufgaben nicht lesen konnte, sagt Knut Janßen. „Die Zeiten, in denen ein Lehrer vor der Klasse steht und etwas erklärt, sind ja vorbei. Meistens müssen sich die Schüler die Aufgaben mit Hilfe von Arbeitsblättern selbstständig erarbeiten“, hat er beobachtet. Für Kinder wie Lars sei das ein riesiges Problem.

Nachdem die Legasthenie nun bei Lars anerkannt ist, erhält er einen sogenannten Nachteilsausgleich. Das heißt, er kann Tests unter besonderen Bedingungen schreiben und die Rechtschreibung fließt nicht in die Noten mit ein. Mit seiner Lehrerin wurde vereinbart, dass ihm Textaufgaben vorgelesen werden. „In Sachkunde hatte er plötzlich die beste Arbeit seiner Klasse geschrieben. Das konnte er selbst kaum fassen“, erzählt sein Vater. Von der geschulten LRS-Lehrkraft, die es an jeder Grundschule gibt, erhält er nun einmal pro Woche eine zusätzliche Förderung. Geholfen hat Lars beim Üben zu Hause auch technische Hilfsmittel wie das Tablet. Knut Janßen würde sich freuen, wenn sein Sohn das auch im Unterricht benutzen könnte, aber noch hat er diese Möglichkeit nicht.

Im Sportunterricht bekommt er die Anerkennung seiner Mitschüler

Am meisten Spaß hat Lars aber am Sportunterricht. Da ist er richtig gut und kann mit der Anerkennung der Mitschüler rechnen. Dafür trainiert er ehrgeizig. Zweimal pro Woche geht Lars zum Tennis und einmal zum Turnen. Der Ausgleich und die Erfolgserlebnisse seien wichtig, sagt der Vater. Auch er habe das inzwischen verstanden und reduziere das Üben und Nacharbeiten am Nachmittag auf das Nötigste. Stattdessen nutze er die Zeit mit seinem Sohn am Nachmittag lieber für Dinge, die ihm Spaß machen, zum Beispiel auf der Slackline balancieren, kuscheln oder einfach mal ein paar Freunde einladen.