Kein Lohn, Pass weg

Ghanaerin klagt über Ausbeutung bei Diplomatin in Berlin

Die Frau arbeitet in Dahlem bei einer Diplomatin aus Ghana. Ihr Vorwurf: Die Chefin missachte grob deutsche Gesetze.

Die Frau mit dem Pseudonym Akosua Asabea in der Koordinations- und Beratungsstelle gegen Menschenhandel in Berlin. Diplomaten in Berlin, die Angestellte aus ihren Heimatländern beschäftigen, halten sich manchmal nicht an die Standards

Die Frau mit dem Pseudonym Akosua Asabea in der Koordinations- und Beratungsstelle gegen Menschenhandel in Berlin. Diplomaten in Berlin, die Angestellte aus ihren Heimatländern beschäftigen, halten sich manchmal nicht an die Standards

Foto: Jutta Schütz / dpa

Mit leiser, stockender Stimme berichtet die 52-Jährige aus Ghana von ihrem Schicksal in Berlin. „Seit vier Jahren war ich nicht beim Arzt, ich durfte nie allein raus, ich habe immer nur gearbeitet, ich habe keinen Lohn bekommen“, sagt die Frau mit dem Pseudonym Akosua Asabea am Mittwoch in der Beratungsstelle gegen Menschenhandel Ban Ying. Projektkoordinatorin Paula Riedemann spricht von einem Fall „extremer Ausbeutung“ in einem Diplomatenhaushalt in der Hauptstadt.

Die Hausangestellte habe in Berlin-Dahlem bei einer Botschaftsrätin aus ihrem Heimatland geschuftet. Früher sei sie die Nanny ihrer Arbeitgeberin gewesen und 2012 mit ihr nach Berlin gekommen. Der Angestellten sei der Pass abgenommen worden, ebenso die Karte für die Krankenversicherung. Sie habe auch kein eigenes Zimmer bewohnt. Zwar sei das offizielle Monatsgehalt von 950 Euro auf ein Konto überwiesen worden, doch die Arbeitgeberin habe es „verwaltet“ - das Geld sei verschwunden.

„Ich kann nicht mit leeren Händen zurück“, sagt die Frau, die in Ghana Kinder und Enkel hat. Sie habe Angst vor der einflussreichen Familie ihrer Arbeitgeberin, für die sie seit ihrem zehnten Lebensjahr arbeitet. Am liebsten würde sie in Deutschland bleiben. Eine Dolmetscherin übersetzt. Asabea kann weder lesen noch schreiben. Ban Ying hat ihr eine neue, sichere Bleibe gegeben.

Nachdem die Betroffene Hilfe suchte, habe es mehrere Mediationen mit der Botschaft Ghanas und dem Auswärtigen Amt gegeben. Die Botschaft sei zu keiner einvernehmlichen Klärung bereit gewesen, so Riedemann. Jetzt sei Klage beim Arbeitsgericht eingereicht worden. Gefordert werden etwa 86 000 Euro für entgangenen Lohn und nicht vergütete Überstunden.

10 bis 15 Fälle pro Jahr in der Beratungsstelle

„Diplomaten stehen unter besonderem Schutz“, benennt Gerichtssprecher Martin Dreßler das Problem. Immunität schütze vor zivil- und strafrechtlicher Verfolgung. Erst wenn dieser Status nicht mehr besteht, könnte die Klage auf diplomatischem Wege zugestellt werden. Laut Beratungsstelle ist aber unklar, ob die Diplomatin noch in Deutschland ist. Die Klage in Ghana zuzustellen, hat laut Gericht wenig Aussicht auf Erfolg. Besteht die Immunität fort, sei die Klage unzulässig.

Laut Ban Ying werden jedes Jahr etwa 100 bis 150 Angestellte in Berliner Diplomatenhaushalten angemeldet. Pro Jahr landeten 10 bis 15 Fälle von Ausbeutung oder Misshandlung in der Beratungsstelle. „Wir gehen von einer großen Dunkelziffer aus“, sagt Riedemann. Derzeit seien noch drei ähnliche Fälle in der Mediation. Ban Yin hatte sich vor einigen Jahren auch für eine indonesische Hausangestellte stark gemacht. Nach langem Streit zahlte ein Ex-Attaché aus Saudi-Arabien 35 000 Euro.

Auch in Deutschland sind Mindeststandards für Diplomaten festgeschrieben

Bei den Hausangestellten ist laut Ban Ying der Aufenthaltsstatus an das Arbeitsverhältnis geknüpft. Diplomaten könnten Hilfen für ihren privaten Haushalt aus aller Welt einreisen lassen. Das Auswärtige Amt stelle ihnen - wie international üblich - Protokollausweise aus.

Die Beratungsstelle lobt ausdrücklich das Ministerium unter Leitung von Minister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Es habe Mindeststandards für die Bediensteten festgelegt. Per Vertrag ist demnach geregelt: Monatlicher Nettolohn von 950 Euro bei freier Kost und Logis, wöchentliche Arbeitszeit von 38,5 Stunden, Mindesturlaub von vier Wochen im Jahr, eigenes Zimmer. Die Erfahrung von Rechtsanwältin Manuela Kamp ist eine andere: „Verträge werden aber unterlaufen.“