Berlin

Nivea und Blue Jeans lassen Häftlinge staunenNivea und Blue Jeans lassen Häftlinge staunen

Das Jüdische Museum besucht mit einer mobilen Ausstellung zum Judentum die Jugendstrafanstalt Plötzensee. Und stößt dort auf großes Interesse

In der Jugendstrafanstalt Plötzensee betrachtet ein Häftling Fotos  jüdischer Sportler bei der Olympiade 1936

In der Jugendstrafanstalt Plötzensee betrachtet ein Häftling Fotos jüdischer Sportler bei der Olympiade 1936

Foto: Reto Klar

Toni hat die Wahl. Die Cremedose wäre unverfänglich. Auch zum Alba-Schal könnte er als Berliner einen Bezug herstellen. Doch Toni setzt die Kippa auf. Weiße Seide mit Goldborte, ein doppelter Kontrast: zum schwarzen Haarschopf des jungen Mannes. Toni ist Albaner, ein Moslem. Und zur Arbeitskleidung, wie sie Handwerker tragen – oder Insassen der Jugendstrafanstalt Plötzensee.

Zum fünften Mal ist das Jüdische Museum Berlin mit dem Bildungsprojekt „on.tour“ im Gefängnis. Mehr als 500 Schulen in Deutschland wurde so jüdische Kultur ins Haus gebracht. Die sieben Häftlinge, die an diesem Tag beisammensitzen, haben Suchterfahrung. Raub, Diebstahl, Gewaltverbrechen: Es waren keine Kleinigkeiten, die sie hinter Gitter brachten. In der mobilen Museumsausstellung ist davon nichts zu spüren. „Ist das richtig so?“ Toni zeigt auf die Kippa und schaut Gunnar Meyer an. Der Historiker und Judaist tourt seit vier Jahren mit dem Workshop zu jüdischer Religion und Kultur durch Klassenzimmer und findet die Gruppe in Plötzensee „sehr aufgeschlossen“. Klar, sagt Meyer: „Du könntest sogar mit einer Baseballkappe in die Synagoge gehen.“

Viele finden in der Haft zum Glauben

Die Gummibärchen mit koscherer Fisch-gelatine sorgen für Auflockerung. Es kann auch daran liegen, dass der Israel-Palästina-Konflikt in dieser weitgehend mit Berlinern aus dem westeuropäischen Kulturraum besetzten Runde keine emotionale Rolle spielt. Ihn habe das entspannte Gespräch aber doch überrascht, sagt später Meyers Partner Arnon Hampe. Dankbar nutzen die Häftlinge die Chance, über sich zu sprechen.

Tatsächlich geben die Ausstellungsstücke, jedes davon Aufhänger für einen anderen Exkurs ins Judentum, immer wieder das Stichwort zu persönlichen Bekenntnissen. Es gebe einen Gott mit vielen Namen, sagt Ricardo. „Niemand darf sagen, du musst an diesen Gott glauben.“ Erst seit zwei Jahren sei er Christ. Auch Nico ging erst in der Haft in die Kirche. „Viele werden hier gläubig. Wenn sie merken, dass sonst niemand da ist“, sagt der 20-Jährige und erzählt von seinem Bruder, der auch „im Knast“ zu Gott fand – zu Allah. Kritik an Nicos christlichem Bekenntnis gab es aber nicht, stattdessen als Geschenk eine Gebetskette. Nico trägt sie jetzt um seinen Hals.

Krusty, der jüdische Clown

Luca ist bei einem Besuch im Konzentrationslager vor Jahren schon mal Juden begegnet. Dass Nivea-Creme von einem jüdischen Unternehmer erfunden wurde, dass der Verein Maccabi Tel Aviv, dessen Emblem auf dem Alba-Schal prangt, ein jüdischer Verein ist und dass es auch die Levi’s-Jeans ohne den Juden Levi Strauss nicht gäbe, überrascht die Zuhörer dann aber schon. Nur dass der Vater von Krusty bei den „Simpsons“ strenggläubiger Rabbi ist, das wissen sie alle.

Und dann kommt die Sprache doch auf Palästina. Wieso sich Juden und Moslems bekämpfen, hatte einer gefragt. Der Workshop habe ihm gefallen, sagt Toni später, „ist besser als arbeiten“. Und ergänzt: „Es ist gut, an anderen Religionen teilzuhaben.“ Vielleicht könne man etwas davon umsetzen, irgendwann, sagt Ricardo. Daniel bekennt: „Das war alles neu für mich.“ Für das Projektteam wohl ein Auftrag zum Weitermachen.

Namen der Häftlinge wurden geändert.