Berlin

Vegan-Pflicht für Kantinen

Bürgerbegehren startet in Friedrichshain-Kreuzberg. Das Essen in den Schulen aber könnte teurer werden

Die Idee eines staatlich verordneten Veggie-Days entpuppte sich vor ein paar Jahren als Rohrkrepierer. Jetzt startet in Friedrichshain-Kreuzberg ein Veggie-Bürgerbegehren: In der Rathauskantine und in den Schulen, deren Träger der Bezirk ist, soll täglich ein veganes Menü angeboten werden. Diese Forderung stellt Sentience Politics, das Projekt einer Schweizer Stiftung, das 2014 an den Start ging. Es will „Politik für alle leidensfähigen Wesen“ machen, so Adriano Mannino, einer der Gründer.

Sentience Politics wird beim Bürgerbegehren in Friedrichshain-Kreuzberg vom Vegetarierbund Deutschland und der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt unterstützt. Die drei Partner haben am Montag offiziell begonnen, Unterschriften zu sammeln. Drei Prozent der Wahlberechtigten in Friedrichshain-Kreuzberg, also 6012 Einwohner über 16 Jahre, müssten das Anliegen bis Ende März 2017 unterstützen. Sollte das gelingen, wird sich die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) mit dem Anliegen beschäftigen. Falls sie es nicht umsetzt, kommt es zum Bürgerentscheid.

Einer der Betroffenen ist wenig erbaut von diesem Vorhaben. Jürgen Palla führt seit fast 30 Jahren die Kantine im Rathaus Kreuzberg. Er bietet täglich vegetarisches Essen an. Am heutigen Dienstag steht Rahmspinat mit Rührei auf dem Speiseplan. Am Mittwoch gibt es Eier mit Senfsoße, am Donnerstag Nudeln mit Brokkoli und Käsesauce, am Freitag hausgemachte Kartoffelpuffer mit Kräuterquark und Leinöl. Vor allem sei preiswerte Hausmannskost in großen Portionen gefragt, erzählt er. „Currywurst, Bratwurst, Rinderroulade.“ Die Kantine im zehnten Stockwerk des Rathauses an der Yorckstraße ist gut besucht. Zwischen 13 und 14 Uhr müssen Gäste oft anstehen. Sie kommen nicht nur aus der Verwaltung, sondern vor allem aus Büros und Unternehmen in der Umgebung.

„Der Aufwand bei veganem Essen ist sehr hoch“

Bislang gebe es keine Nachfrage nach veganem Essen, sagt Jürgen Palla. „Und der Aufwand ist sehr hoch. Wie ich das mit meinem Personal schaffen soll, weiß ich nicht.“ Das vegetarische Gericht kostet durchschnittlich 4,50 Euro. „Der Preis ist bei veganem Essen nicht zu halten.“

Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg geht von steigenden Kosten für die Schulspeisung aus, sollte die Initiative erfolgreich sein. Die Portion veganes Essen könnte um 1,25 Euro teurer sein. Sollten sich 15 Prozent aller Schüler am veganen Essen beteiligen, dann würden die zusätzlichen Kosten für den Bezirkshaushalt rund 300.000 Euro pro Schuljahr betragen. Dabei seien die erhöhten Grundkosten noch nicht berücksichtigt, die durch die aufwendigere Herstellung des Essens entstehen, heißt es auf dem Unterschriftenbogen für das Begehren.

Veganes Essen sei bereits in einigen Schulen von privaten Trägern üblich, sagt Stefan Torges. Auch in der John-F.-Kennedy-Schule in Zehlendorf gebe es veganes Essen. Beim „Hot Lunch at the Aula“ werden drei Menüs angeboten. Menu C sei „always vegetarian, at times vegan“ , heißt es auf der Homepage. Täglich ein Gericht ohne Fleisch bietet die Kantine der Internationalen Schule Berlin in Steglitz an. Am heutigen Dienstag ist es Seitangeschnetzeltes (Weizen) mit Paprika, Dampfkartoffeln und Erbsengemüse. Veganes Essen ist auch im „Veggi No1“, der Mensa der Freien Universität in Dahlem zu haben. Zwei Tofu-Taler gefüllt mit Champignons stehen am heutigen Dienstag auf dem Speiseplan.

„Viele Menschen in Friedrichshain-Kreuzberg wollen sich vegan ernähren“, davon ist Torges überzeugt. Doch meist müssten sie sich mit Beilagen oder einem Salat begnügen. Auch Eltern seien an veganem Essen für ihre Kinder interessiert. „Sie sind meist gut über ausgewogene Ernährung informiert.“

Die Albert Schweitzer Stiftung will das Anliegen in den sozialen Netzwerken publik machen, sagt Andreas Gra­bolle, der Leiter der Stiftungskommunikation. Es gehe beim Veggie-Bürgerbegehren nicht nur um Tierhaltung und um Klimaschutz. „Mit dem veganen Menü sollen gute Gerichte die Auswahl vergrößern, so dass man das einfach mal ausprobieren kann.“

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