Kriminalität

Haftstrafe nach brutalem Angriff auf Obdachlosen

Nach dem Angriff auf einen wohnungslosen Mann im Januar müssen die Täterin und der Täter für mehrere Jahre ins Gefängnis.

Ein Polizeifahrzeug steht mit Blaulicht auf der Straße.

Ein Polizeifahrzeug steht mit Blaulicht auf der Straße.

Foto: dpa

Am 24. Februar dieses Jahres fanden Mitarbeiterinnen der Deutschen Bahn in den Morgenstunden in einem Durchgang des Berliner Hauptbahnhofs die Leiche eines Mannes. Neben ihm übernachteten fünf weitere Obdachlose. Unter ihnen die 20-jährige Barbara L. und der 43-jährige Ronny H., gegen die am Montag vor einer Moabiter Jugendkammer das Urteil gesprochen wurde: Fünfeinhalb Jahre Gefängnis für den Zootechniker Ronny H. wegen gefährlicher Körperverletzung. Außerdem wurde – nach Verbüßung der ersten neun Monate Haft – die Einweisung in eine Alkoholentzugsanstalt angewiesen. Die Mitangeklagte Barbara L. soll für zwei Jahre und acht Monate hinter Gitter.

Als Beweis Aufnahmen einer Überwachungskamera

Richterin Regina Alex sprach bei ihrer Urteilsbegründung von einer dünnen Beweislage. Dennoch sei die Kammer überzeugt, dass die beiden Angeklagten ihr 50 Jahre altes Opfer – einen aus Polen stammenden Obdachlosen – in der Nacht zum 24. Februar mit Schlägen und Tritten malträtierten.

Wichtigstes Beweismittel waren dabei für die Kammer Aufnahmen einer Überwachungskamera. Auf den Mitschnitten war das Opfer selbst nicht zu sehen, es befand sich genau am Bildrand der Aufnahmen, dafür war jedoch sehr deutlich zu erkennen, wie die beiden Angeklagten den Mann „traten und stampften“. Insgesamt mehr als 50 Tritte, die offenkundig den Kopf und den Oberkörper des Opfers trafen. „Über 30 Minuten lang brutale, sinnlose Gewalt, die zu schweren Verletzungen führte“, sagte Richterin Alex. In zwei weiteren Videosequenzen sei zu erkennen gewesen, dass Ronny H. den Mann um 0.13 Uhr und 1.27 Uhr nochmals getreten habe. Genau dort, wo später die Leiche gefunden wurde.

Beide Angeklagten hatten bei der Polizei ausgesagt. Diese Erklärungen habe die Kammer jedoch nicht verwerten dürfen, sagte die Richterin. Die Beamten hatten Barbara L. und Ronny H. bei der Vernehmung Alkohol gegeben. Das sei aus medizinischer Sicht zwar richtig, weil plötzlicher Alkoholentzug zu Problemen führen könne, so die Kammervorsitzende. Nach der Strafprozessordnung sei es jedoch unzulässig. Alkoholkonsum könne „die freie Willensbestimmung“ beeinträchtigen. Auch könne sich der Verdacht ergeben, dass die Angeklagten nur deswegen aussagten und sich gegebenenfalls selbst belasteten, um auf diese Art an Alkohol heranzukommen.

Zwei weitere Personen könnten beteiligt gewesen sein

Die Kammer ging angesichts der vielen gefährlichen Tritte von einem bedingten Tötungsvorsatz aus. Normalerweise wäre die Konsequenz eine Bestrafung wegen Totschlags gewesen. Es sei jedoch „im Ungewissen geblieben, ob die beiden Angeklagten die einzigen Täter waren“, sagte Richterin Alex. Auf den Mitschnitten der Überwachungskamera seien zwei weitere Personen zu erkennen, die sich während der Tatzeit in unmittelbarer Nähe des Geschehens aufgehalten hatten.

Auch habe sich das Opfer nach den Tritten hingesetzt und sei sogar noch einmal ein Stück gelaufen. So müsse das Gericht davon ausgehen, dass die Angeklagten von ihrem Opfer abgelassen hatten, als sie davon ausgingen, dass es noch lebt. Juristen sprechen in diesem Zusammenhang von einem „strafbefreienden Rücktritt“; aus Totschlag wird Körperverletzung.

Epilepsi-Anfall und Alkoholkonsum als mildernd gewertet

Barbara L. wurde, obwohl sie zur Tatzeit erst 19 Jahre alt war, nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt. Ihr wurde von der Kammer jedoch eine verminderte Schuldfähigkeit zugebilligt, weil sie nachweislich unter Epilepsie leidet und drei Stunden vor der Tat einen Anfall hatte. Auch bei Ronny H. habe wegen seines starken Alkoholkonsums eine verminderte Steuerungsfähigkeit nicht ausgeschlossen werden können. Die Kammer habe seine Strafe aber nicht gemildert, weil er trinkgewohnt sei und schon mehrfach unter Alkoholeinfluss gegen andere Personen gewalttätig geworden sei. Der 43-Jährige hat 15 Eintragungen in seinem Strafregister.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.