Ausbildung

Jeder fünfte Berliner Lehrling hat Abitur

Immer mehr Schulabgänger mit Hochschulreife entscheiden sich in Berlin für eine handwerkliche Ausbildung.

Abiturienten lernen ein Handwerk, v.li.: Ronny Schrott, Sascha Lüttig, Paul Brenz, Jan-Thomas Zenger

Abiturienten lernen ein Handwerk, v.li.: Ronny Schrott, Sascha Lüttig, Paul Brenz, Jan-Thomas Zenger

Foto: Marion / Marion Hunger

Immer mehr Berliner Abiturienten entscheiden sich für eine handwerkliche Ausbildung statt ein Studium aufzunehmen. Nach Angaben der Handwerkskammer hat sich die Zahl der Handwerkslehrlinge mit Abitur in den vergangenen zehn Jahren auf derzeit 1900 verdoppelt. Fast jeder fünfte der derzeit rund 9400 Handwerkslehrlinge verfügt damit über die Hochschulreife. "Es hat sich offenbar rumgesprochen, dass das Handwerk eine gute Basis für eine berufliche Karriere ist", sagt der Sprecher der Berliner Handwerkskammer, Daniel Jander. "Es gibt viele Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln, sei es, die Meisterprüfung abzulegen, einen eigenen Betrieb zu gründen oder danach zu studieren."

Als einen der Gründe für die steigende Zahl von Abiturienten im Handwerk nennt die Handwerkskammer einen Imagewandel. "Das Bild ist besser geworden, die Leute verbinden mit dem Handwerk nicht mehr nur, früh aufstehen zu müssen und sich dreckig zu machen", sagt Jander. Auch im Handwerk habe sich das Berufsbild verändert, die Ansprüche an die Ausbildung sind gewachsen.

Auf der Baustelle Probleme selber lösen macht Spaß

Einer von denen, die sich trotz guten Abiturdurchschnitts für eine handwerkliche Ausbildung entschieden hat, ist Paul Brenz. Der 20-Jährige hat nach wenigen Wochen an der Universität festgestellt, dass das Studium nichts für ihn ist. "Ich dachte, das wäre der nächste logische Schritt", sagt Brenz, der das Abi mit einem Durchschnitt von 1,7 abgelegt hat. Nach der Schule fiel ihm die Selbstorganisation an der Universität schwer. "Ich habe schnell gemerkt, dass es nicht reicht."

Über die Handwerkskammer hat Brenz Kontakt zur B.I.N.S.S. GmbH bekommen, einem Unternehmen für Sicherheitstechnik in Weißensee. Dort hat er vor zwei Wochen eine Ausbildung zum Elektroniker für Infomations- und Telekommunikationstechnik begonnen. "Die Ausbildung macht Spaß", sagt Brenz, "hier kann man auf der Baustelle ein Problem selber lösen, statt drei Stunden im Internet nach einer Formel zu suchen."

Paul Brenz ist nicht der einzige Auszubildende mit Abitur. Allein in diesem Jahr stellte die Firma sechs der neun neuen Auszubildenden mit Hochschulreife ein. "Für mich ist das von Vorteil", sagt der Lehrmeister des Unternehmens, Jens Reißberger. "Die Abiturienten bringen technisches Verständnis mit, haben ein gutes Lernverhalten und können sich Dinge selbstständig aneignen." Zudem sei die Ausbildung umfangreich, die Durchfallquote bei der Abschlussprüfung liege bei 50 Prozent. "Bewerber, die einen mittleren Schulabschluss mit 2,5 oder schlechter haben, haben es schwer die Grundvoraussetzungen zu erfüllen", sagt Reißberger. Das Unternehmen habe durchweg gute Erfahrungen mit Abiturienten in der handwerklichen Ausbildung gemacht. 20 von 30 ausgebildeten Mitarbeitern seien seit teilweise bis zu 20 Jahren weiter im Unternehmen beschäftigt.

Auch die Handwerkskammer kann keinen Trend darin erkennen, dass Abiturienten eine Ausbildung im Handwerk nur absolvieren, um die Wartezeit auf ein Studium zu überbrücken. "Wir halten es für unwahrscheinlich, zumal etliche Betriebsinhaber und Lehrmeister gar nicht so sehr auf den Schulabschluss und die Noten schauen, sondern eher Wert auf sogenannte Soft Skills wie Motivation, Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit und Pünktlichkeit legen", sagt Kammersprecher Jander.

Auch eine Art Rückbesinnung auf das "goldene Handwerk" sieht die Kammer derzeit eher nicht. "Sicherlich ist es für viele junge Menschen interessant, sich wieder praktisch zu betätigen, allerdings darf man nicht außer Acht lassen, dass schon seit geraumer Zeit auch das Handwerk stark digitalisiert ist", sagt Jander. Schornsteinfeger würden heute nicht nur Feuerstätten reinigen, sondern auch Immissionsschutzmessungen vornehmen – und die funktionieren digital. "Es gibt heute kaum noch einen Handwerksberuf, der ohne die Unterstützung des Computers auskommt."

Handwerkskammer meldetnoch 631 offene Lehrstellen

Auch die Zahlen sprechen nicht dafür – denn insgesamt sinkt die Zahl der Auszubildenden im Handwerk leicht. Wurden vor zehn Jahren noch 5500 Lehrverträge neu abgeschlossen, so sind es derzeit noch 3800. Den größten Teil der Lehrlinge stellen Schulabgänger mit Mittlerem Schulabschluss (38 Prozent) und mit einem Hauptschulabschluss oder der Berufsbildungsreife (37 Prozent). Sechs Prozent schaffen den Sprung in die Lehre ohne Schulabschluss.

Derzeit sind bei der Handwerkskammer noch 631 Lehrstellen als offen gemeldet, obwohl das Lehrjahr in den meisten Ausbildungsberufen am 1. September begonnen hat. Zu den beliebtesten Lehrberufen zählen nach wie vor das Friseurhandwerk und der Kfz-Mechatroniker sowie der Anlagenmechaniker und der Elektroniker.

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