Strafprozess in Berlin

Autodieb Tobias T. packt aus und verrät Tricks und Taktik

Tobias T. gehörte zu einer organisierten Bande, die Fahrzeuge stahl und nach Osteuropa brachte. Jetzt gewährt er Einblicke.

Nach einer Serie von Autodiebstählen hat ein 31 Jahre altes Bandenmitglied vor dem Landgericht Berlin gestanden. Er habe Fahrzeuge ausgekundschaftet sowie Geräte beschafft, um Funksignale von Autoschlüsseln aufzufangen und Wegfahrsperren zu überwinden.

Tobias T. war nicht sofort der erträumte Informant. Nach seiner Festnahme hatte er zunächst alles abgestritten. Aber die Beweise waren zu stark. Der 31-Jährige ist intelligent. Und so legte er die Karten auf den Tisch und belastete dabei auch eine Reihe polnischer Mittäter.

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Im Moabiter Kriminalgericht ging es am Donnerstag aber erst einmal um seinen eigenen Prozess. Tobias T. wird eine ganze Serie von Autodiebstählen vorgeworfen, an denen er, das gab er vor Gericht zu, zum größten Teil auch beteiligt war. Fast alle Diebstähle wurden übrigens beim oder vor dem Transport der Fahrzeuge nach Polen von der Polizei aufgedeckt. Tobias T. konnte jedoch jedesmal entwischen. Überführt wurde er durch Spuren, die er an den Fahrzeugen hinterlassen hatte.

2014 kam Tobias T. mit Kriminellen in Kontakt

Vor Gericht erzählte er, dass er 2014 einen Onlineshop für Elektronikteile für Spielautomaten führte. Durch diese Geschäfte sei er mit Kriminellen ins Gespräch gekommen. Es waren zumeist polnische Autodiebe. Tobias T. konnte sich mit ihnen gut verständigen. Er ist zwar in Berlin geboren und spricht – was für die Mittäter interessant war – fließend Deutsch. Er kann aber auch Polnisch; seine Eltern kommen aus dem Land.

Sein Vater führt in der Nähe der polnischen Hauptstadt Warschau eine Werkstatt für Auto-Tuning. Nicht zuletzt aus diesem Grund hatte Tobias T. schon früh eine Affinität zu Autos. Er hatte auch selber – neben seinem Onlinehandel – mit gebrauchten Fahrzeugen Geschäfte gemacht. Aber lukrativer und vielleicht auch spannender war dann offenbar die Beteiligung an der organisierten Diebesbande, der elf weitere Mitglieder angehören und die in Berlin mindestens zwölf Autos gestohlen haben sollen. Gegen sie laufen – auch in Polen – gesonderte Verfahren.

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Kennzeichen von baugleichen Fahrzeugen verwendet

Tobias T.s Part war es, die gewünschten Autos in Berlin zu finden. Er sprach bei seiner Aussage stets von Kunden – und nicht etwa von Hehlern –, die die Fahrzeuge nach den Diebstählen zumeist in Polen in Empfang nehmen sollten. Die Wagen fand er meist geparkt am Straßenrand, aber auch in wenig gesicherten Garagen.

Hatte er ein Auto gefunden, suchte er ein anderes aus der gleichen Baureihe und möglichst auch in einer ähnlichen Farbe. Von diesen Fahrzeugen schrieb er sich die Nummer auf und ließ sich die entsprechenden Kennzeichenschilder prägen. Die Aufkleber – Tüv, Berlin-Marke – wurden in Polen gefälscht. Mit diesen Kennzeichen war es ungefährlicher, die gestohlenen Pkw zu überführen, weil Autos und Kennzeichen bei Kontrollen durch die Polizei übereinstimmten.

Warum die Einbrecher-Software kein Wundermittel ist

Der Angeklagte, er bekam pro gestohlenen Wagen bis zu 1000 Euro, beteiligte sich aber auch direkt an den Diebstählen. Dabei verwendeten er und seine Mittäter spezielle Software. Dafür gebe es einen regen Handel, sagte er. Es würde jährlich in verschiedenen europäischen Städten sogar eine Messe durchgeführt. „Sie nennt sich Autotechnik-Messe, aber jeder weiß, dass es eine Messe für Autodiebe ist.“

Glaubt man Tobias T., dann ist bei Anwendung dieser Software, er nennt sie auch „Zauberwürfel“, kein noch so teures Fahrzeug sicher. Es brauche nur wenige Sekunden, ein Auto zu öffnen und zu starten. Auch Alarmanlagen seien keine Absicherung: „Bevor die losgehen, haben wir sie schon abgeschaltet.“

Eine bei den Autodieben bewährte Methode sei es auch, die Elektronik eines Fahrzeuges aus sicherem Abstand heraus zu blockieren: „Die Menschen achten gar nicht darauf, ob ihr Wagen beim Betätigen der Fernbedienung wirklich verschlossen ist“, sagte er. Die Diebe hätten dann quasi freien Zutritt. Aber auch eine abgeschlossene Tür sei kein wirkliches Hindernis. Mit einem sogenannten Polenschlüssel, so der Angeklagte, lasse sich binnen kurzer Zeit fast jede Autotür öffnen.

Polizei will mit Angeklagten Lehrvideo drehen

Tobias T. ist ein korpulenter Mann mit einem kindlichen Gesicht. Er sagt, er habe sich in der Bande wohlgefühlt, weil er dort „großes Ansehen genossen“ habe. „Da schauen dich auf einmal auch Frauen an, die mich vorher nie akzeptiert hätten.“ Ihm sei klar, dass es für ihn jetzt nach diesen Aussagen kein Zurück mehr gebe. Seine Wohnung in Stettin, er hat außerdem eine am Spandauer Damm in Charlottenburg, hat er aufgegeben. Vermutlich ist er sogar in der Haftanstalt in Gefahr, weil es Mitgefangene gibt, die den Autodiebesbanden angehören.

Er will dennoch diesen Weg weitergehen. Die Polizei wolle mit ihm sogar eine Art Lehrvideo drehen, sagte er. Darin soll er vorführen, wie er mit elektronischen Hilfsmitteln binnen weniger Sekunden Autos knacken kann. Der Prozess wird am 11. Oktober mit Zeugenaussagen fortgesetzt.