Naturschutz

Berlinerin gibt gefährdeten Tieren eine Bühne

Die Berlinerin Barbara Geiger setzt sich mit ihrem Theater für den Schutz von Tieren ein. Dafür wurde sie jetzt ausgezeichnet.

Barbara Geiger erhält den Berliner Naturschutzpreis

Barbara Geiger erhält den Berliner Naturschutzpreis

Foto: Amin Akhtar

Fräulein Brehm kommt rum. In Indien war sie, in Frankreich auch, sogar in Nigeria. Seit 2009 steht die Berlinerin Barbara Geiger als Fräulein Brehm auf Bühnen, um den Zuschauern etwas über gefährdete Tierarten beizubringen. In ihren Stücken geht es unter anderem um heimische Wildtiere wie Luchs, Wolf, Bär und Wildkatze. Am liebsten aber spielt sie ihre Stücke über Regenwürmer und Bienen. Weil die Tiere so wichtig sind – was aber nur die wenigsten wissen. Geiger will das ändern. Sie will ihr Publikum sensibel machen für die Welt der kleinen Lebewesen. Denn wenn deren Welt sich durch Klimawandel, industrielle Landwirtschaft und Genmanipulationen ändert, ändert sich auch unsere Welt. Für ihr Engagement um den Natur- und Tierschutz wurde der 50-Jährigen nun der Berliner Naturschutzpreis verliehen.

An einem milden Tag Ende September, Barbara Geigers blonde Haare reflektieren das Sonnenlicht, stapft sie durchs Laub auf die Lokhalle im Natur-Park Schöneberger Südgelände zu. Also auf den Ort, an dem ihr Fräulein Brehm seit drei Jahren jedes Wochenende auftritt. Rund 60 Zuschauer passen in das kleine Theater, der Eintritt richtet sich nach dem Gehalt der Zuschauer. Wer viel verdient, der zahlt auch viel. Wer wenig verdient, der zahlt eben wenig. Das komme gut an, sagt Geiger. Auch wenn das Theater nicht immer voll besetzt ist.

Neues aus der Wissenschaft mixt sie mit Anekdoten

So wie jetzt. Da baut sich Geiger auf der Bühne auf, zeigt einen bleichen, grinsenden Wolfsschädel. „Der Wolf, die Marlene Dietrich der Kaniden“, erklärt Geiger langsam, „kann mehrstimmig heulen, sogar mit Dialekt.“ Die Zuschauer kichern. Informationen wie diese mixt Geiger mit Märchen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse mit Anekdoten und ein paar Kalauern, dazu gibt es Beschreibungen von Alfred Brehm, die dieser schon vor 150 Jahren verfasst hat.

2008 war es, als Geiger die Bücher zu „Alfred Brehms Tierleben“ wiederentdeckte. Sie blätterte nachts darin herum, verliebte sich in diese altmodische Sprache und dachte sich: Das muss man doch wieder populärer machen, irgendwie auf die Bühne bringen. Ein Jahr später stand sie als Fräulein Brehm, weibliche Reinkarnation des Tierforschers, vor Publikum. Zur Premiere spielte sie ihr Stück über den Wolf, auch heute noch eines der beliebtesten ihres Repertoires. Seit dieser ersten Vorführung sind acht Tiere hinzugekommen. Für jedes braucht Geiger ungefähr ein Jahr zur Vorbereitung. Sie recherchiert über das Tier, liest Doktorarbeiten, Forschungspapiere, arbeitet sich in den Stand der Naturwissenschaften ein.

„Die wissenschaftlichen Erkenntnisse bleiben oft in den Elfenbeintürmen, und niemand erfährt davon. Aber die müssen hinaus in die Welt“, sagt sie. Deswegen übersetzt Geiger das, was sie da liest, für die Bühne in leichte Sprache. Sie trägt es Wissenschaftlern vor, damit sie nichts falsch wiedergibt, nichts zu dramaturgisch strafft. Weil sie die Tiere, über die sie spricht, aber auch erleben will, fährt sie mit den Forschern oft in jene Gegenden, in denen sie die Tiere sehen kann. So wie bei der Rauchschwalbe, ihrem aktuellen Stück.

Eine Million dieser Vögel treffen sich jeden Januar zum Überwintern in einem kleinen Dorf in Nigeria. Also schließt Barbara Geiger sich einigen Forschern an und fliegt nach Nigeria, um die Vögel zu beobachten. Um den 700 Bewohnern des kleinen Dorfs zu erklären, was sie macht, spielt sie ihr Stück über den Regenwurm. Die Menschen sind begeistert. Dass Geiger mit den Erkenntnissen aus ihrem Dorf nun auch ein Stück über die Schwalben schreibt, das finden sie toll. Und wenn es fertig ist, wollen sie das natürlich sehen. Ist doch klar, dass Geiger verspricht, mit dem Theaterstück wiederzukommen. Das wird sie im kommenden Januar machen. „Das ist dann wie nach Hause zu kommen“, sagt sie.

Zehn weitere Fräuleins arbeiten auf der Bühne

Weil ihr Fräulein Erfolg hat, arbeiten mittlerweile noch zehn weitere Fräuleins auf Geigers Bühne. So kann das Fräuleinensemble touren, Geiger selbst kann auf Expeditionen gehen und ihre Stücke in andere Länder tragen. Dass sie dann auf Englisch spielt, ist kein Pro-blem für sie. Geiger studierte einst Schauspiel in London. Huhn, Schwein, Kuh stehen noch auf ihrer Wunschliste. Obwohl alte Haustierrassen wie diese auch gefährdet sind, weiß man eben nicht sehr viel über sie. Das treibt Geiger an. Die eigene Neugier und der Wunsch, den Zuschauern etwas beizubringen – „aber nicht mit erhobenem Zeigefinger“, sagt sie. Sie wolle nur Impulse geben, über das Tierreich nachzudenken. Was die Zuschauer damit anfingen, das könne sie nicht beeinflussen.

Dass ihre Stücke Menschen zum Umdenken bewegen können, durfte sie einmal selbst miterleben. Als sie ihr Stück über den Regenwurm bei einer Konferenz in Indien gespielt hatte, bereiste sie anschließend einige Bauernhöfe im Land. In einem davon wurde sie von einem Biobauern zum Essen auf dessen Hof eingeladen. Und noch während sie aß, drängte plötzlich das halbe Dorf ins Wohnzimmer. Klar, dass sie da etwas spielen musste. Sie bat den Gastgeber, simultan ins Marathi zu übersetzen, und legte los. „Dass die mich nicht als Verrückte angesehen haben, die da etwas über Regenwürmer erzählt, sondern mich ernst genommen und respektiert haben, das war die größte Bestätigung für meine Arbeit“, sagt sie heute. Und zwei indische Bauern, die sie damals über den Regenwurm referieren sahen, hätten seit jenem Tag aufgehört, Pestizide zu spritzen.