Berlin

Geschichte des Kudamms in Bildern

Neue Info-Tafeln zeigen die Veränderung des Boulevards. Nicht die einzige Neuerung in der City West. Debatte um eine West Side Gallery

Wie die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vor ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg oder Mitte der 1950er-Jahre einmal ausgesehen hat, können sich Berliner und Touristen jetzt auf einer Erklär-Tafel direkt vor dem Wahrzeichen anschauen. Neben Fotos lesen sie dort einen kurzen Text auf Englisch und Deutsch zur mehr als 100-jährigen Geschichte der berühmten Kirche. Dank Brailleschrift ist die Tafel auch für Blinde und Sehbehinderte lesbar.

Sechs solch neuer Erklär-Tafeln wurden am Freitag feierlich in der City West enthüllt – in Anwesenheit des Bezirksbürgermeisters von Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann (SPD). Neben der Gedächtniskirche haben jetzt auch das Europa Center, der Zoologische Garten, das Bikini Berlin, das Haus Cumberland und die AG City ihre eigenen Tafeln. Letztere ist Initiatorin des Projektes, im Laufe der kommenden Monate sollen weitere Tafeln an insgesamt 40 Sehenswürdigkeiten und touristische Attraktionen rund um den Kudamm angebracht werden.

Am 30. September 1976 hatte sich die Arbeitsgemeinschaft City im Hotel Kempinski gegründet. Die Tafeln sind ihr Geburtstagsgeschenk an die City West. Um die ersten sechs Infopunkte während eines Spaziergangs gebührend zu präsentieren, lud der Verein „Posnas Pudel Parade“ ein. „Petticoat und Pudel sind die Symbole des Kudamms“, sagte Bezirksbürgermeister Naumann. Mit einer Tanzshow führten Posna und ihre Pudel deshalb durch das West-Berlin der 20er-, 50er- und 80er-Jahre. AG-City-Vorstandsmitglied Carsten Colmorgen zog die direkte Analogie zwischen Pudel und Kudamm: „Der Pudel war immer mal wieder in Mode und geriet dann in Vergessenheit.“ So gehe es auch den Seitenstraßen der Flaniermeile. Als Interessenvertretung von Anrainern rund um Kudamm und Tauentzien engagiert sich der Verein bei Themen wie Stadtplanung, Stadtbildverbesserung und Werbung. Vorstandsmitglied Peter Ristau am Freitag: „Wenn wir die Dinge auch mal selbst in die Hand nehmen, haben wir Erfolg.“

Bunt bemalte Mauerbögen oder ein Skulpturengarten

Doch die Erklär-Tafeln sind nicht die einzige Idee für die City West. So fehlt dem Maler Matthias Fernow, der auf der Mierendorff-Insel, dem von Spree und Kanälen umspülten Eiland, wohnt, ein junges, freches Aushängeschild. Er würde gern dem Kiez nach Süden hin ein buntes Gesicht geben, den vergammelnden Mauerbögen Am Spreebord Signalfarben verpassen. Das Projekt könnte Charlottenburg eine neue Sehenswürdigkeit bescheren: die West Side Gallery – ein Gegenstück zur weltberühmten East Side Gallery an der Hinterlandmauer in Friedrichshain.

SPD-Stadtrat Marc Schulte begrüßt es, „dass hier ein Schaufenster für die Insel“ entstehen könnte. Ost und West Side Gallery – beide Objekte sind zwar aus Beton. Doch am alten Grenzwall in Friedrichshain klebt nicht nur das Bild des Bruderkusses von Honecker und Breschnew, sondern auch das Grauen der deutschen Teilung. Und an den Spreebord-Bögen? Nur Graffiti-Farbe. Mathias Fernow könnte das mit seinen Farbtöpfen schnell ändern.

Aber er hat einen namhaften Gegenspieler: die Bildgießerei Noack. Jener Betrieb, der gerade neben den Spreebögen ein neues Hauptquartier baut. „Ich möchte nicht, dass es so aussieht, als stehe Hochkultur gegen Kiezkultur“, sagte Geschäftsführer Hermann Noack Junior kürzlich bei einem Aufeinandertreffen mit Fernow. Noack selbst könnte sich vorstellen, den Uferstreifen mit seinen Figuren zu schmücken. Dann entstünde ein Skulpturengarten. Der aber würde sich mit den grell bemalten Betonbögen beißen. Matthias Fernow und weitere Insulaner kämpfen für eine West Side Gallery. „Wir könnten mit den bunten Bögen wunderbar Aufmerksamkeit erregen und Szenebezirken Konkurrenz machen“, sagt er.

Es gibt aber auch noch etliche andere Ideen für die Mauergestaltung. Zum Beispiel der Wunsch von Anwohnern, die Bögen mit einer Bepflanzung einfach zuwuchern zu lassen. Oder das Ansinnen, Studenten der Universität der Künste wechselnde Ausstellungen zu ermöglichen. Oder die Möglichkeit, Graffitisprühern eine steinerne Leinwand zu geben. Die öffentliche Debatte darüber ist in vollem Gange. Stadtrat Schulte sieht sie gelassen und erkennt mehr Vorteile als Risiken. „An den Mauerbögen hat der Bezirk Handlungshoheit. Und Anwohner können die Stadt hier als ihr Eigentum begreifen und sich ihrer annehmen“, wirbt er für Mitbestimmung.