Erstes Interview

Bruder von Claus-Brunner: „Er quälte als Kind Tiere"

Dietwald Claus spricht über die gewaltvolle Kindheit des Piratenpolitikers, der sich selbst und seine Liebe tötete.

Gerwald Claus-Brunner im Jahr 2012 bei einer Fraktionssitzung der Piratenpartei

Gerwald Claus-Brunner im Jahr 2012 bei einer Fraktionssitzung der Piratenpartei

Foto: dpa Picture-Alliance / Jörg Carstensen / picture alliance / dpa

Als sich Gerwald Claus-Brunner am Abend des 15. September auf den Weg macht, um seine große Liebe Jan L. zu töten, schaut er noch kurz in einem Kiosk in Steglitz vorbei. Auf dem Rücken hat er wie immer einen Rucksack, in dem sich eine Keule befindet. Die brauchte er nach eigener Aussage, um sich verteidigen zu können. Dieser Tick war bekannt. Claus-Brunner war anders als die Anderen. Wie anders und vor allem wie gewalttätig, wird nun im ersten Interview mit einem Familienmitglied des verstorbenen Politiker der Berliner Piraten-Partei deutlich. Im „Stern“ äußert sich Claus-Brunners jüngerer Bruder Dietwald Claus. Er schildert die traumatische Kindheit seines Bruders. „Gewalt zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben von Gerwald“, sagte er dem Magazin.

Vor dem Mord war Claus-Brunner noch im Kiosk

Verein der Eltern warnt vor „Rassenmischung“

Claus-Brunner hatte den ehemaligen Mitarbeiter seines Wahlkreisbüros Jan L. vor zwei Wochen in Wedding durch „stumpfe Gewalt gegen den Oberkörper“ getötet, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Den Leichnam brachte er mit einer Sackkarre in seine Wohnung und nahm sich dort später mit einem Stromschlag das Leben. Im „Stern“ schildert Dietwald Claus die hochproblematische Kindheit der Geschwister. Sie hätten unter der rechtsradikalen Erziehung ihrer Eltern gelitten. Die Eltern seien Anhänger des völkischen und rechtsextremen „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V.“ (BfG) gewesen, auch „Ludendorff“-Bewegung genannt.

Der Verein mit Sitz in Tutzingen am Starnberger See tritt selten in Erscheinung, wird aber vom Verfassungsschutz beobachtet, da er als rechtsextrem gilt. Er besteht nach eigenen Angaben nur aus „Einzelmitgliedern und einem Vorstand“. Jährlich finden „Brauchtumsfeste“ statt, etwa zu Ostern in Niedersachsen. Der BfG ist maßgeblich durch die Schriften von Erich Ludendorff und seiner Ehefrau Mathilde geprägt. Erich Ludendorff war oberster General im Ersten Weltkrieg, nahm am Hitlerputsch 1923 teil und galt als antisemitisch. Kernelement der Ideologie sei der „Abwehr-“ und „Vernichtungskampf“ gegen die von Ludendorff als „überstaatliche Mächte“ bezeichneten „Feinde der Völker“, heißt es in einem Beitrag der „Elterninitiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus“.

Der in den 60er-Jahren verbotene BfG distanziert sich heute von Ludendorff und beschränkt sich darauf, die Religionsphilosophie seiner Frau zu verbreiten – Experten zufolge wohl aus Verbotsängsten. Offiziell tritt der BfG wie Mathilde Ludendorff für „den Erhalt aller Völker ein“. Allerdings warnte diese auch vor „Rassenmischung“, dies führe zur „Entwurzelung der Völker“. Und nichts hindert den Verein daran, vor einer vermeintlichen Schwächung der Gemeinschaft durch Flüchtlinge zu warnen.

Aus Bundeswehr entlassen, weil er Vorgesetzten schlug

Diese Ideologie in den Köpfen der Eltern wirkte sich wohl auch auf Gerwald Claus-Brunner aus. Sein älterer Bruder sei früh durch Gewalt aufgefallen, so Dietwald Claus. „Gerwald wurde jähzornig, impulsiv, er verlor einfach die Kon-trolle.“ In der Schule habe er Türen eingetreten, auf dem Hof der Eltern Tiere gequält. Es sei auch nicht das erste Mal gewesen, „dass Gerwald aus unerwiderter Liebe komplett durchdreht“. Als Gerwald im Teenageralter von einem Mädchen abgewiesen wurde, habe er Steine an deren Hauswand geworfen.

Bei der Bundeswehr, wo er drei Jahre Dienst tat, habe sich Claus-Brunner in einen Vorgesetzten verliebt, dieser habe ihn aber zurückgewiesen und als „Schwuchtel“ verhöhnt, woraufhin der spätere Piraten-Politiker ihn geschlagen habe. Er sei deswegen unehrenhaft aus der Armee entlassen worden. Bei den Piraten war offiziell nichts von Claus-Brunners Gewaltneigungen bekannt. Wäre dem so gewesen, hätte man ihn sofort aus dem Vorstand entfernt, sagte der ehemalige Landesvorsitzende Bruno Kramm.

Stalking - wenn Liebesbeweise zum persönlichen Terror werden

Der Ex-Pirat Stephan Urbach kritsierte, dass „Faxe“, wie er genannt wurde, zu lange gedeckt wurde. „Er hätte gestoppt werden können. Und müssen“, sagt auch Dietwald Claus. Die Entscheidung, öffentlich zu sprechen, habe er aus tiefer Überzeugung getroffen. „Ich will, dass diese Geschichte dazu beiträgt, dass Stalking-Opfer in Deutschland besser geschützt werden.“ Denn Claus-Brunner soll Jan L. gestalkt haben, laut „RBB“ fühlte sich L. durch etliche SMS und Whats-App-Nachrichten belästigt. Die Polizei räumte ein, dass erst drei Wochen nach der Anzeige von L. ein Anhörungsbogen verschickt und die Anzeige am Ende nicht weiter bearbeitet wurde.

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