Drogensüchtige in Berlin

Unruhe in zwei Berliner Kiezen wegen Drogen in Wohngebieten

Im Rollbergkiez sehen Anwohner eine geplante Methadonklinik mit Sorge. Am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg beunruhigt ein Plakat.

Im Gebäudekomplex Morusstraße 16–18 wird eine Praxis eingerichtet, in der Suchtkranke Methadon erhalten

Im Gebäudekomplex Morusstraße 16–18 wird eine Praxis eingerichtet, in der Suchtkranke Methadon erhalten

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Anwohner des Rollbergviertels zwischen der Karl-Marx-Straße und der Sonnenallee in Neukölln zeigen sich besorgt. Etwa 250 schwerst drogenkranke Menschen sollen von Ende November an mitten in einem großen Mietwohnungskomplex an der Morusstraße mit der Heroin-Ersatzdroge Methadon behandelt werden.

Eltern fürchten, dass ihre Kinder auf den umliegenden Spielplätzen zwangsläufig in Kontakt mit den substituierten Junkies kommen werden. Eine Grund- und eine Oberschule befinden sich zudem keine 300 Meter weit entfernt. Der Stadtrat für Gesundheit im Bezirk, Falko Liecke (CDU), hält die Befürchtungen für übertrieben und spricht von Ängsten, die nicht begründet seien.

Schlechte Erfahrungen mit Drogensüchtigen

Familienvater Ramazan Aydin betreibt einen Laden in der nahe gelegenen Falkstraße, lebt mit seiner Familie in Sichtweite des Behandlungszentrums, das Ende November öffnen soll. Und er hat schlechte Erfahrungen mit Drogensüchtigen gemacht. „Eine meiner Töchter hat einmal in einem Sandkasten mit einer benutzten Heroinspritze gespielt, sich dabei an der Hand verletzt und blutete“, sagt der 45-Jährige.

Dem kleinen Mädchen blieb eine Infektion, etwa mit dem Aids-Virus, erspart. Er habe nichts gegen die Suchtkranken, so der Kleinunternehmer. Er wisse auch, dass die Abhängigen Hilfe benötigen. Dennoch kann Ramazan Aydin nicht verstehen, dass so viele Suchtkranke direkt gegenüber einem von Spielplätzen gesäumten Grünzug versorgt werden müssten, in der Nähe zweier Kinderstagesstätten.

Gesundheitsdezernent Liecke: "Ein Missverständnis"

Vor einer Woche hatten rund 100 Anwohner vor der Praxis lautstark demonstriert. Die Teilnehmer waren zumeist besorgte Mütter, die ihrem Unmut mit Trillerpfeifen Luft machten. Wie Rebecca W., die sich ebenfalls um ihre beiden Kindern sorgt. Gesundheitsdezernent Falko Liecke betont indes: „Es liegt ein Missverständnis vor, wenn die Anwohner glauben, Süchtige würden dort mit Drogen versorgt, die sie sich anschließend spritzen“, sagt Falko Liecke.

Vielmehr würden die Suchtkranken unter ärztlicher Aufsicht, unterstützt von fünf Sozialarbeitern, durch das Methadon vom Heroin entwöhnt. Dies sei gesellschaftspolitisch nötig und grabe den Händlern den Markt ab. Zudem sorgten Security-Mitarbeiter für Sicherheit im und vor dem Gebäude. Die Polizei der benachbarten Abschnitte 54 und 55 werde im Umfeld ebenfalls Präsenz zeigen, so Liecke am Freitag. Für den Abend hatte der Stadtrat die Anwohner gemeinsam mit dem Vermieter, der Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land, zu einer Informationsveranstaltung in die katholische St.-Clara-Kirche an der Briesestraße eingeladen.

Bisheriger Praxis in Neukölln wurde gekündigt

Bislang werden die Suchtpatienten in einer Praxis an der Karl-Marx-Straße betreut. Doch deren Räume wurden vom Vermieter gekündigt. Danach wurden laut Liecke stadtweit Hunderte Gewerbeimmobilien geprüft, den Standort Morusstraße bezeichnet er als „letzte Option“. Liecke versichert, die Praxisbetreiber hätten sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. „Wir waren froh, dass der gekündigten Praxis überhaupt noch ein Aufschub der Räumung bis Ende November gewährt wurde“, so Liecke weiter.

Ohne die neue Behandlungsstätte würden sich die Süchtigen wieder mit Heroin versorgen. Etwa am S-Bahnhof Neukölln, wo nach Angaben Lieckes „ohne jede Hemmschwelle“ harte Drogen gedealt würden. Leidtragende seien dort die Anwohner der Wipperstraße, wo die Süchtigen die „am Bahnhof wie Kaugummi angebotene Droge“ konsumieren würden.

"Der Helmholtzplatz ist zum Drogenplatz geworden!"

Unterdessen hat sich in einem Parkgelände in Prenzlauer Berg seit mehr als einem Jahr ein weiterer Umschlagplatz für Rauschgift etabliert. „In den letzten Monaten ist der Helmholtzplatz zum Drogenplatz geworden!“, heißt es in dem Plakat, das seit Donnerstag im Schaufenster einer Bäckerei an der Raumerstraße hängt.

Plakat groß anzeigen

Der Verfasser ist unbekannt. Weder ein Name, noch eine Telefonnummer oder E-Mail-Adresse sind angegeben. „Dealer gab es am Helmholtzplatz schon vor 30 Jahren“, sagt eine junge Frau, die in der Bäckerei einkauft. „An den Tischtennisplatten auf dem Platz sitzen nicht nur Alkoholiker, sondern auch Drogenabhängige.“ Sie habe drei Kinder, erzählt die Anwohnerin. „Die müssen einfach damit groß werden.“ Doch Spritzen, meint sie, lägen nicht herum. Die Situation sei nicht vergleichbar mit der Drogenszene im Görlitzer Park. Über das Plakat habe sie sich sehr aufgeregt. „Wahrscheinlich stammt es von einer besorgten Mutter. Aber sie muss nicht den gesamten Kiez aufwiegeln.“

Polizei geht gegen Dealer vor

Der Polizei ist die Drogenproblematik in dem Park durchaus bekannt. „Beamte in Uniform und Zivil gehen in unregelmäßigen Abständen repressiv gegen mutmaßliche Händler vor. Gleichzeitig sind Polizisten regelmäßig vor Ort, sprechen mit Anwohnern, Gewerbetreibenden sowie mit Vertretern von Vereinen und dem Bezirk Pankow“, sagte ein Polizeisprecherin. Doch viele Eltern wissen nichts von dem Plakat mit der Warnung vor Dealern. „Ich habe von Drogenhandel hier noch nichts mitbekommen“, sagt Anne Piotrowski, die mit ihrem kleinen Sohn regelmäßig am Helmholtzplatz ist. Sie empfinde die Situation nicht als bedrohlich. „Ich weiß, dass es Menschen gibt, die auf dem Platz übernachten, aber Spritzen habe ich noch nicht gesehen“, sagt Anwohnerin Juliane Wächtler.