Bildung

So sieht der Klassenraum der Zukunft aus

Berlin muss 60 Schulen neu bauen. Wie das Lernen in kleineren Räumen gehen könnte, zeigen andere Städte bereits

Die Alemannenschule in Wutöschingen bei Konstanz setzt auf modernen Lernräume. Schüler können sich auf Emporen zurückziehen

Die Alemannenschule in Wutöschingen bei Konstanz setzt auf modernen Lernräume. Schüler können sich auf Emporen zurückziehen

Foto: SWR / x

Lange Flure, in denen sich ein Klassenraum an den anderen reiht, haben ausgedient. Berlin soll völlig neue Standards für Schulbauten erhalten und will sich dabei offenbar an München orientieren. Rainer Schweppe, bisher Stadtschulrat in München, leitet eine neue Fachgruppe Raumqualität, die schon im Januar 2017 erste Ergebnisse vorlegen soll.

Damit setzt die Bildungsverwaltung ein deutliches Zeichen, in welche Richtung der neue Schultyp gehen soll, denn Schweppe hat bereits in München das sogenannte Lernhaus-Prinzip als Standard bei Neubauten und Sanierungen durchgesetzt. Zuvor hatte er das Konzept schon in der westfälischen Stadt Herford flächendeckend eingeführt.

Auch in München wachsen die Schülerzahlen, neun Milliarden Euro will die Stadt bis 2030 in Schulbauten investieren. In Berlin werden laut Prognosen im selben Zeitraum Schulplätze in der Größenordnung von 60 bis 70 neuen Schulen benötigt. Ab dem Jahr 2020 sollen laut Bildungsverwaltung 23 Grundschulen und sechs weiterführende Schulen gebaut werden.

Fünf Millionen Euro für die Sanierung der alten Gebäude

Und für die Sanierung der alten Gebäude sollen fünf Milliarden Euro in die Hand genommen werden. „Wenn wir jetzt bauen, sollten wir eine Grundsatzentscheidung treffen, wie eine gute Schule aussehen soll“, sagt Schweppe. Das beschleunige auch die Planungszeiten für die Neubauten erheblich.

Fest steht, dass die jetzt unter großem Zeitdruck aufgestellten Mobilen Ergänzungsbauten (MEB) den eigentlichen Anforderungen von Schule nicht entsprechen. „Diese Bauten mit ihren viereckigen Schachteln haben null Ästhetik und schreiben die Pädagogik des 19. Jahrhunderts fest“, sagt Professor Jörg Ramseger, Bildungsforscher von der Freien Universität, der ebenfalls in die Fachgruppe der Bildungsverwaltung berufen wurde. Die Flure mit den Klassenräumen würden in die Zeit der Industrialisierung passen, wo vor allem passive Fließbandarbeiter benötigt wurden, die ausführen, was ihnen gesagt wird.

In der Informationsgesellschaft dagegen würden ganz andere Kompetenzen benötigt, wie etwa das selbstständige Lernen, Kreativität und Teamfähigkeit. Zudem gebe es immer mehr Schüler auf geringem Raum, da würden sich offene Lernlandschaften mit Rückzugsmöglichkeiten besser eignen, als kleine abgeschlossene Klassenzimmer. Und eine moderne Ganztagsschule benötige nicht nur Tische und Stühle sondern auch Höhlen, Nischen, Podeste oder Bücherecken. Nachgewiesen sei, dass der Lernerfolg der Schüler eng mit der Raumqualität zusammenhängt, sagt Bildungsforscher Ramseger.

Das Ambiente hat Auswirkung auf Mobbing, Gewalt und Vandalismus

Das Ambiente habe auch eine wesentliche Auswirkung auf Mobbing, Gewalt und Vandalismus und auf die Motivation der Lehrer. Der Zeitdruck darf nach Ansicht des Forschers kein Argument sein, auf Qualität zu verzichten. „Auch mobile Fertigteilbauten können offene und flexible Räume haben, man muss den Firmen nur vorgeben, was man genau will“, sagt Ramseger.

Genau das soll die neue Arbeitsgruppe nun leisten. Als Erstes steht eine Besichtigung des neuen Schultyps in München und anderen Städten auf dem Programm. In München werden die neuen Schulen in mehrere Lernhäuser aufgeteilt, so dass kleinere Einheiten entstehen. In einem Lernhaus gruppieren sich mehrere Klassenräume um einen sogenannten Marktplatz, auf dem sich die Schüler in kleinen Gruppen treffen, präsentieren oder einfach mal entspannen.

Die Klassenräume haben oft große Glastüren und verschiebbare Wände, so dass sie zum „Marktplatz“ geöffnet werden können. Die Lehrer haben ihren Besprechungsraum mit einer kleiner Kaffeeküche und jedes Lernhaus hat seine eigenen Toiletten.

„Eine große Schule ist relativ anonym“

„Eine große Schule ist relativ anonym, in den kleineren Lernhäusern dagegen kennen sich die Schüler und Lehrer sehr gut“, erklärt Rainer Schweppe. Die Pädagogen würden nicht jeder für sich in einem Raum sondern im Team arbeiten. Das erleichtere zum Beispiel auch den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern oder auch den Wechsel von Anspannung und Entspannung im Ganztag.

„Die Erfolge sind ganz erstaunlich. In den Lernhaus-Schulen gibt es viel weniger Sitzenbleiber oder Schulabbrecher“, sagt Rainer Schweppe. Vor zwei Jahren hat die nach dem neuen Konzept sanierte Anne-Frank-Realschule in München den Deutschen Schulpreis erhalten, unter anderem, weil dort alle Schüler ihren Abschluss schaffen.

Auch in Berlin will sich Schweppe gelungene Schulbauten ansehen. Zum Beispiel die Walter-Gropius-Schule in Neukölln, die vom Begründer des Bauhauses 1968 als erste Gesamtschule geplant wurde. Auch die Hannah-Höch-Gemeinschaftsschule in Reinickendorf geht neue Wege in der Raumgestaltung. Klassenzimmer wurden abgeschafft, stattdessen gibt es offene Lernetagen mit Ruhebereichen, Tobe-Ecken und multifunktionalen Möbeln.

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