Ein-Euro-Pistolen

Viel Kritik an geplantem Waffenkauf der Berliner Polizei

Die Berliner Polizei will ausgemusterte Pistolen aus Schleswig-Holstein kaufen. Die Gewerkschaften sprechen von einem „Armutszeugnis“.

Eine Maschinenpistole MP5 und eine Pistole SFP9 der Firma Heckler & Koch

Eine Maschinenpistole MP5 und eine Pistole SFP9 der Firma Heckler & Koch

Foto: dpa Picture-Alliance / Julian Stratenschulte / picture alliance / dpa

„Unfassbar“, „Frechheit“, Armutszeugnis“, viele Reaktionen auf den Artikel der Berliner Morgenpost über den geplanten Ankauf alter Waffen aus Schleswig-Holstein für die Berliner Polizei sind an Deutlichkeit kaum zu überbieten. Stimmen, die zu Mäßigung und nüchterner Betrachtung des Vorhabens mahnen, gehen dagegen fast vollständig unter. Vor allem unter den Berliner Polizisten, die Tag für Tag mit den Waffen auf den Straßen unterwegs sind, ist das Unverständnis über die Planungen der Behörde offenbar groß.

„Die Kollegen fragen sich schon, warum die Polizisten in Brandenburg und Schleswig-Holstein modern ausgestattet werden und wir als Hauptstadtpolizei immer noch in der Steinzeit leben“, kritisierte Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin am Freitag. Tatsächlich nutzt die Polizei in Brandenburg das neue, erst seit zwei Jahren hergestellte Modell Heckler & Koch SFP 9, aus dem 16 Schuss abgefeuert werden können. Berlin dagegen kauft jetzt die Sig Sauer P6, eine Waffe aus den 70er-Jahren mit nur acht Schuss pro Magazin. Neu ausgegeben wird sie außer in Berlin nur noch in Sachsen-Anhalt. Bei der Bundespolizei und in acht Bundesländern wird sie nach und nach ausgemustert, in sieben weiteren Ländern ist sie bereits aus dem Polizeialltag verschwunden.

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Polizeisprecher Thomas Neuendorf betonte am Freitag nochmals ausdrücklich, an die Beamten würden ausnahmslos Waffen ausgegeben, deren reibungslose Funktion überprüft und gesichert sei. Dennoch macht angesichts der Tatsache, dass die Waffen aus Schleswig-Holstein für einen Euro pro Stück gekauft wurden, das Wort Ramsch in der Behörde die Runde. „Alte Bestände eines Auslaufmodells zu kaufen, ist bei der heutigen Bedrohungssituation ein riskantes Spiel, das letztlich die Kollegen auf der Straße ausbaden müssen“, warnte Jendro.

Dabei ist die P6 keine Neuerung in Berlin sondern bereits seit Jahren Standardmodell, bei Funkwagenbesatzungen ebenso wie bei geschlossenen Einheiten und für Kripo-Beamte. Eine weitere Standardwaffe ist die für den Notfall in jedem Einsatzfahrzeug deponierte Maschinenpistole MP5 der Firma Heckler & Koch. Spezialkräfte wie das SEK dagegen nutzen vornehmlich Waffen der Marke Glock.

Probleme beim Einsatz der Waffe

Beim Einsatz der MP5 monieren Einsatzkräfte noch ein anderes Problem, das ihnen nicht die Waffe, sondern vor allem der Streifenwagen Marke Opel Zafira bereitet. Wie „schnell“ die Waffe im Zeitalter von Terroranschlägen und Amokläufen einsatzbereit ist, beschreibt ein Beamter: „Ein Kollege muss aussteigen, die Hintertür öffnen, zwei Teile der Rückbanklehne entriegeln und vorklappen. Die Waffenkiste muss mit einem Schlüssel geöffnet werden, bevor letztendlich noch das innenliegende zusätzliche Zentralschloss geöffnet und entfernt wird.“

„Bei den Kollegen kommt die ganze Situation emotional nicht gut an“, sagte Michael Böhl vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Er betonte aber zugleich, Polizeipräsident Klaus Kandt müsse nun einmal mit den begrenzten vorhandenen Mitteln auskommen. Wie lange die Berliner Polizei noch die „Übergangslösung“ P6 nutzen muss, ist unklar. Nach Angaben Neuendorfs werden derzeit gerade die Kriterien für eine neu anzuschaffende Waffe geprüft, zwei Modelle kommen demnach infrage. Dann erfolgt die Ausschreibung und schließlich die Anschaffung. Experten erwarten, dass das noch mindestens drei bis vier Jahre dauert.