Marode Flotte

Zugausfälle bei der Berliner S-Bahn noch bis 2020

1015 Störungen gab es bei der S-Bahn allein im Juni. Der Berliner Fahrgastverband sieht auch den U-Bahnverkehr gefährdet.

S-Bahn Berlin

S-Bahn Berlin

Foto: Lukas Schulze / dpa

Berlin.  Pünktlichkeit ist eine Zier, doch weiter kommste ohne ihr. Dieser Spruch gilt nicht für Berlins S-Bahn. Sie erreicht im Juni 2016 mit 8304 Verspätungsminuten schon fast den Negativrekord von Januar 2016, als sogar 10.538 Verspätungsminuten registriert wurden. Das für die Fahrgäste weitaus folgenschwerere Problem sind jedoch die zunehmenden Ausfälle wegen technischer Störungen. Hier wurden im Juni 2016 allein 1015 Ausfälle registriert.

Das geht aus der aktuellen Antwort von Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) auf die Anfrage des Abgeordneten Gerwald Claus-Brunner (Piraten) hervor. Claus-Brunner hatte nach Verspätungen, Zug- und Busausfällen bei BVG und S-Bahn im Zeitraum von November 2015 bis einschließlich Juni 2016 gefragt. „Das Ergebnis überrascht mich nicht“, sagt Jens Wieseke. Wie der Sprecher des Berliner Fahrgastverbandes Igeb der Berliner Morgenpost sagte, „ist dieser Ausfall die Folge lange bekannter maroder S-Bahnzüge, die nicht mehr auf die Schiene gehören, auf die wir aber auch nicht verzichten können, weil wir sonst zu wenige Fahrzeuge hätten“.

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Wieseke betont aber: „Das liegt nicht an der S-Bahn. Sie hat nach dem Führungswechsel infolge der Krise 2009 alles richtig gemacht.“ Verantwortlich sei vielmehr das offensichtliche Missmanagement der Politik. Hätte man wie geplant die Ausschreibung für neue Fahrzeuge 2010 durchgeführt, wäre die Lage jetzt nicht so katastrophal. „Doch die Ausschreibung wurde jahrelang verschleppt und erfolgte viel zu spät erst 2015“, sagte Wieseke.

Etwa ein Viertel der S-Bahnwagen sei aus den 80er-Jahren, technologisch „entsprechend mies und störanfällig“. Hinzu komme, dass die Deutsche Bahn in den 90er-Jahren mit der damals neuen Baureihe 481 extrem hitzeempfindliche S-Bahnwagen eingesetzt habe. Deren Klimaanlagen reichen bei extrem hohen Temperaturen nicht für die Elektronik im Führerstand aus.

Mit einer spürbaren Entspannung sei unterdessen nicht vor 2020/21 zu rechnen. Dann, wenn die neuen Fahrzeuge in Betrieb sind. Bis dahin sieht Wieseke die Lage allerdings sehr kritisch und befürchtet sogar: „Das wird noch schlimmer, und zwar nicht nur bei der S-Bahn, sondern auch im U-Bahnverkehr.“

Zwar wurde hier in dem genannten Zeitraum von November bis Juni bei den meisten Linien eine nur knapp unter 100 Prozent liegende Pünktlichkeit registriert. Doch ähnlich wie bei der S-Bahn sei auch der im U-Bahnbereich dringend erforderliche Generationswechsel nicht erfolgt, sodass es langfristig zu Beeinträchtigungen im Verkehr kommen wird. „Viele U-Bahnwagen sind mittlerweile auch veraltet und müssten langsam verschrottet werden“, so Wieseke. Einzig bei Bussen und Straßenbahnen sieht der Berliner Fahrgastverband Igeb positiv in die Zukunft. „Hier wurde der Generationswechsel zum Glück rechtzeitig in Angriff genommen“, sagt Wieseke. Bei der S-Bahn war gestern niemand für eine Stellungnahme zu den Ausfällen und Verspätungen zu erreichen.