Liebesbrief

Lieber Berliner Spätsommer...

Heute endet die Schönwetterperiode. Ein Liebesbrief von Morgenpost-Autorin Paulina Czienskowski an die letzten tollen Tage.

Ausflügler in einem Paddelboot nutzen die schönen Sommerabende bei Dämmerung auf dem Neuen See in Tiergarten

Ausflügler in einem Paddelboot nutzen die schönen Sommerabende bei Dämmerung auf dem Neuen See in Tiergarten

Foto: Monika Skolimowska / ZB

Liebster (Spät-)Sommer,

willst du wirklich schon gehen? Tu uns das nicht an. Du kannst ruhig noch eine Weile bleiben. Wirklich. Wir suhlen unsere Körper viel zu gerne in deinen warmen Fängen. Wie schön doch deine strahlenden Augen sind, in die wir täglich blicken konnten, auf deine himmelblaue Haut, wie sternenklar du in wohlig lauen Sommernächten gefunkelt hast. Und nun soll das alles schon wieder vorbei sein?

Das nur vorweg: Bitte verzeih meine hochgestochene Sprache – ich bin nicht so geübt in Liebesbriefen. Das ist vielleicht mein zweiter. Aber du hast es doch sicher nur darauf angelegt. Ein römischer Philosoph sagte schon: „Willst du geliebt werden, so liebe!“ Und das hast du getan.

Mach damit doch noch etwas weiter. Aber was sag ich da eigentlich, ich klinge so undankbar? Dabei hast du ja diesmal ziemlich lange durchgehalten, dich sogar noch in den Herbstanfang hineingeschlichen. Und zwar dann, als niemand mehr mit dir gerechnet hatte. Es war zwischendrin nämlich schon unangenehm kalt. Zugegeben, so frisch war es eigentlich gar nicht. Aber hey, zehn Grad weniger, fühlten sich nach deiner Wahnsinnsperformance gleich an wie tiefster Winter.

Hoffentlich ist der Winter nicht beleidigt und kommt nun mit doppelter Kraft

Und was lernen wir daraus? Man darf uns wohl nicht zu sehr verwöhnen, sonst werden wir gierig. Doch die Gier nach dir, nach deiner liebreizenden Art, war unstillbar. Und du schienst uns, völlig überraschend, erhört zu haben. Schließlich kamst du zum langsam einsetzenden Rhythmus der schon fallenden Blätter schnurstracks zurück in unsere Leben. Was hast du deinem Bruder, dem Winter, eigentlich gesagt? Habt ihr euch gestritten? Hoffentlich ist er nicht beleidigt und kommt nun mit doppelter Kraft, um mit Rachegelüsten auf uns einzupreschen. Ob wir das wohl ertragen könnten nach unserer intensiven Liebesaffäre mit dir?

Nun, gerade wegen deiner bedingungslosen Liebe will ich nun nicht unfair sein, dir lieber danken. Genau weil du dich nicht hast unterkriegen lassen. Eine Verschnaufpause sei dir gegönnt. Wenn ich ehrlich bin, danke ich dir mit diesem Brief nicht zum ersten Mal. Denn eigentlich habe ich das den ganzen Sommer über getan. Auch wenn Lobhudeleien mich eigentlich langweilen und mir das Romantische nicht besonders liegt, du hast es dir verdient. Schon am Morgen ist da nämlich dieses Gefühl in mir gewesen, das mich auf alles hat positiv blicken lassen. Es ist ja schon ein ganz anderes Aufstehen, wenn du dich durch zugezogene Vorhänge und die Ritzen der Fenster schleichst. Wenn man dich schon riecht. Das Feuchte und Frische, was sich im Laufe des Tages in dichte, heiße Luft verwandelt, in der es stellenweise schwer fällt zu atmen. In der es sich manchmal anfühlt, als würde man zu wenig Sauerstoff bekommen. Aber weißt du was? Mit dir würde ich sogar ersticken. Jedenfalls lieber als mit deinem ältesten Bruder, dem Winter, erfrieren zu müssen. Schmeichelt dir das?

Mit dir war immer irgendwie Wochenende

Manchmal waren es nur vier Stunden, die man schlafen konnte, weil der Abend im Park doch länger ging, als eigentlich geplant. Und trotzdem war der Organismus jedes Mal sofort bereit, mit dir in den Tag zu starten. Du hast einem ein gutes Gefühl gegeben, gleich mit Sonnenaufgang. Denn da war was, auf das man sich freuen konnte, etwas, das man sich nicht erst über die folgenden Stunden erarbeiten musste. Denn mit dir war immer irgendwie Wochenende, weil da täglich die schönen Dinge waren, die du einem ermöglicht hast: der Sprung in den See, das kalte Bier, die Wiese im Freibad. Weil du so verlässlich warst in einer Welt, die ständig andere Kontexte für einen bereithält.

Manchmal hat mich nachts deine Hitze nicht schlafen lassen. Die Laken schwitzig, der Haaransatz nass. Ich musste zum Kühlschrank taumeln, um Wasser zu trinken. Mit langsam abkühlendem Körper wieder zurück ins Bett fallend, brauchte ich meist ein bisschen, um wieder müde zu werden. Na und? Auf dem Fahrrad waren fast nur halb nackte Körper auf den Straßen in Sicht, die sich durch deine sengend heißen Temperaturen durch die Stadt quälten. Der Schweiß, der lief, manche Gesichter hoch rot. Na und? In den Bahnen perlte Nasses von den Oberlippen und überall Flecken auf Rücken. Plötzlich stand es jedem zu transpirieren. Klebrige Sitzbänke, Zeitungen als Fächer. Na und?

Abdrücke auf der Haut als Accessoire

Weißt du, dass du Menschen zusammengebracht hast? Weil allen gleichermaßen warm war, weil alle Lust auf lange Nächte hatten und alle von der Sonne Abdrücke auf ihrer Haut als Accessoire trugen. Wohl das einzige, das von dir bleiben wird.

Weil wir am Ende ja alle Realisten sind, wissen wir aber auch, dass du nicht ewig bleiben kannst. Und auch, dass der Einzug deiner kalt gesinnten Brüder unsere Vorfreude auf dein Erscheinen im nächsten Jahr füttern werden. Du musst uns nur eine Sache versprechen: Bitte komm im nächsten Jahr wieder genauso glamourös zurück. Denn sonst, und das muss dir bewusst sein, wirst du deine Glaubwürdigkeit als Liebhaber schnell wieder verlieren.