Kliniken in Berlin

Überfüllte Notaufnahmen: Patienten attackieren Personal

Sie werden beschimpft und bedroht: In Zeiten überfüllter Notaufnahmen bekommen gerade die Pfleger häufig den Frust der Patienten ab.

Die Notaufnahmen in Berliner Krankenhäusern sind immer überfüllter

Die Notaufnahmen in Berliner Krankenhäusern sind immer überfüllter

Foto: Marcelo Hernandez

Behandelt werden, und zwar schnell: In Zeiten überfüllter Notaufnahmen treten Patienten und deren Angehörige nach Klinikangaben zunehmend aggressiv auf. „Wir haben eine Reihe von Übergriffen gehabt, gerade auf die Pflege“, sagte Martin Möckel, Leiter dreier Charité-Notaufnahmen in verschiedenen Bezirken. „Eine Kollegin, die bedroht worden ist, war wochenlang nicht arbeitsfähig.“ Für die Mitarbeiter seien solche Fälle „kata­strophal“, selbst wenn Betroffene nicht unmittelbar körperlich angegriffen, sondern vielleicht nur in die Ecke gedrängt oder beschimpft wurden.

Auch an anderen Kliniken ist die Problematik bekannt, die meisten Rettungsstellen verfügen demnach über einen eigenen Wachschutz oder sind froh über Polizeidirektionen in der Nachbarschaft. Aber nicht alle sprechen wie Möckel von einer Zunahme: „Natürlich gibt es bei mehr als 60.000 Patienten im Jahr auch aggressive, alkoholisierte oder ärgerliche Patienten oder Angehörige – das gibt es immer“, sagte die Sprecherin des Unfallkrankenhauses Berlin (UKB) in Marzahn, Angela Kijewski, der Berliner Morgenpost. Eine dramatische Zunahme beobachte man im UKB jedoch nicht. Festhalten könne man nur, dass die größte Gruppe der aggressiven Patienten unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehe. Allerdings hätte die Klinik seit Jahren einen Sicherheitsdienst im Eingangsbereich sowie eine Standleitung zur nahe gelegenen Polizeiwache. Dass die Aggressivität in der Gesellschaft steigt, beobachtet auch Kijewski: „Die Leute sind ungeduldiger geworden.“ Gemeinsam mit der Polizei erarbeite das UKB ein Konzept zur Schulung des Personals in Konfliktbewältigung.

Hilfreich sei sicher auch die Kon­struktion der Rettungsstelle, die im UKB vor drei Jahren umgebaut wurde. Sie setzt auf maximale Transparenz nach dem Prinzip „sehen und gesehen werden“. Warte- und Behandlungsbereich sind nur durch Glaswände getrennt, damit die Patienten sehen, dass in der Notaufnahme etwas passiert und dass gleichzeitig auch sie wahrgenommen werden. Es helfe enorm, wenn sich die Patienten nicht vernachlässigt fühlten, so Kijewski.

Mitarbeiter werden in Trainings vorbereitet

Beim kommunalen Versorger Vivantes hieß es, Vorfälle gebe es immer wieder, aber über eine Statistik verfüge man nicht. Im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements würden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seit Jahren speziell in Rettungsstellen und psychiatrischen Kliniken durch Deeskalationstrainings auf schwierige Situationen vorbereitet. „Die Schulungen vermitteln verbale und körperliche Kompetenzen im Umgang mit den sogenannten Stressoren, die zu Gewalt führen können“, sagt Referentin Mischa Moriceau. Einzelne Rettungsstellen hätten einen eigenen Wachschutz, ansonsten werde bei Bedarf die Polizei gerufen.

Eine Wachdienststreife hat inzwischen auch Möckel einsetzen lassen, er berichtet von einem neuen Sicherheitskonzept. Die Zeit der offenen Türen in Notaufnahmen ist damit vorbei, Behandlungsbereiche sind nicht mehr für jedermann zugänglich. Wer vom Wartebereich in einen anderen Raum will, muss klingeln.

In den DRK-Kliniken Berlin sollen die Empfangsbereiche der Notaufnahmen ebenfalls umgebaut werden. Sie werden bei ohnehin geplanten Baumaßnahmen gezielt unter Sicherheitsaspekten neu strukturiert, heißt es dort. Denn auch in den Notaufnahmen der DRK-Kliniken komme es gelegentlich zu verbalen Attacken und physischen Übergriffen auf das Personal. Am Standort DRK Kliniken Berlin I Westend sei nachts ein Wachschutz aktiv. Für Ärzte, Pflegekräfte und Verwaltungsmitarbeiter der Notaufnahmen würden spezielle Kommunikations- und Resilienztrainings angeboten, so eine Sprecherin; in diesen Coachings lernen die Mitarbeiter, deeskalierend auf gestresste Patienten und Angehörige einwirken zu können.

Als Ursachen für die aggressive Stimmung vermutet Möckel die hohe Auslastung der Rettungsstellen, was für Patienten ohne dringliche Verletzungen zu Wartezeiten führe. Je weniger krank ein Patient sei, desto aggressiver sei er und desto schneller wolle er behandelt werden, so die Erfahrung in der Charité. Möckel sieht zudem allgemein eine steigende Gewaltbereitschaft. Was die Deeskalationskurse für die Mitarbeiter betrifft, ist er skeptisch. Diese kämen in kritischen Situationen gar nicht dazu, diese Wissenanzuwenden: „Gerade wenn es voll ist.“