Prozess

Kofferleiche am Spreeufer – Sieben Jahre Haft für den Täter

Moabiter Schwurgericht verurteilt den 39-jährigen ChilenenJorge V. wegen Totschlags und weist ihn in eine Entziehungsanstalt ein

Rund 15 Monate nach der Entdeckung einer Leiche in einem Koffer am Spreeufer in Treptow hat eine Moabiter Schwurgerichtskammer am Montag einen 39-Jährigen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Die Richter gingen davon aus, dass der Chilene Jorge V. einen Totschlag beging. Angeordnet wurde zudem die sofortige Unterbringung des Täters in einer Entziehungsanstalt.

Jorge V. hatte vor Gericht gestanden, seine Ex-Freundin Lene S. in der Nacht zum 2. Juni 2015 zunächst mit der Faust niedergeschlagen und sie hernach mit einem Messer erstochen zu haben. Der schmächtige Mann kam Ende 2014 nach Berlin und betrieb die Galerie „Paradise KulturRaum“ im Ortsteil Wedding. „Mein Lebenstraum“, sagte er vor Gericht. Als Beruf gab er Künstler an. In der Galerie lernte er auch die Weltenbummlerin Lene S. kennen, die aus Norwegen mit einem Touristenvisum nach Berlin eingereist war und hier schon einige Monate lebte.

Das Opfer wurde für den Täter zunehmend zu einem Problem

Er sei damals nur von einer kurzen Beziehung ausgegangen, so der Angeklagte. Er habe Lene S. nach deren Drängen Unterschlupf in einem Nebenraum seiner Galerien gegeben, habe das aber schnell bereut. Lene S. sei ein Unruhegeist gewesen, habe viel Alkohol getrunken, Drogen genommen, vor allem Speed. Nachts sei sie durch die Galerie gelaufen und habe ihn immer wieder geweckt. „Sie wurde für mich zu einem immer größeren Problem“, sagte er. „Sie wollte extreme Aufmerksamkeit.“ Und wenn er sich nicht kümmerte, habe sie „Wutanfälle bekommen“, habe sogar mit der Polizei gedroht. Sie wusste, dass er in der Galerie bei Veranstaltungen illegal alkoholische Getränke ausschenkte. Die Situation habe sich zugespitzt, sagte Jorge V. „Ich fühlte mich in meiner Existenz bedroht.“

In der Nacht zum 2. Juni sei die Situation dann eskaliert. Jorge V. hatte an diesem Abend ebenfalls Drogen und alkoholische Getränke zu sich genommen. Das Schwurgericht folgt einem Psychiater, der davon ausging, dass die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten zur Tatzeit mit hoher Wahrscheinlichkeit stark eingeschränkt gewesen sei. Jorge V. leidet schon seit Jahren an Depressionen. Außerdem nahm er Drogen, hatte immer wieder Alkoholprobleme.

Jorge V.s Freund und Mitbewohner Mike R. wurde wegen Strafvereitelung zu neun Monaten Haft verurteilt. Der 39-Jährige hatte gesehen, wie Jorge V. in der Nacht zum 2. Juni die Norwegerin mit der Faust niederschlug. Als Jorge V. auf die Frau einstach – ein Gerichtsmediziner wies sieben Stiche nach – befand sich Mike R. in einem Nebenraum. Jorge V. sei nach ein paar Minuten zu ihm gekommen, erinnerte sich Mike R. vor Gericht. „Er war blutüberströmt und sagte leise: ‚Es ist vorbei.‘“

Mitbewohner half bei der Beseitigung der Leiche

Mike R. hatte seinem Freund geholfen, die Leiche in einem Rollkoffer zu verstauen und mit der S-Bahn nach Treptow zu bringen. Dort warfen die Männer den Koffer unweit der Puschkinallee in die Spree. Mike R. hatte wenig später gemeinsam mit Jorge V. auch versucht, die Spuren in der Galerie „Paradise KulturRaum“ zu beseitigen: Sie hatten die Wände neu gestrichen und sogar den Fußbodenbelag ausgetauscht.

Weil Mike R. sechs Vorstrafen hat und zweimal während der Bewährungszeit straffällig wurde, sei eine erneute Bewährungsstrafe für ihn nicht in Betracht gekommen, hieß es in der Urteilsbegründung. Strafschärfend wurde gewertet, dass er seinem Freund nicht spontan geholfen, sondern sich über mehrere Tage hinweg an dem Vertuschen der Tat beteiligt habe.

Jorge V.s setzte sich anschließend nach Mexiko ab. Dort wurde er am 26. Juni 2015 festgenommen. Im März 2016 erfolgte die Auslieferung nach Berlin. Die erlittene Haft in Mexiko wurde ihm dreifach angerechnet. Statt der sechseinhalb Monate gelten 19,5 Monate als verbüßt. Hinzu kommen die in Berlin verbrachten sechs Monate Untersuchungshaft. Dennoch ist davon auszugehen, dass Jorge V. nach der Zeit in der Entziehungsanstalt noch einmal in eine Strafvollzugsanstalt umziehen wird.