Prozess gegen Hamin E.

Ein Stoß vor die U-Bahn beendete das Leben von Amanda

Im Januar war eine 20-Jährige im U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz gestorben. Nun beginnt der Prozess gegen Hamin E.

 Blumen und Fotos erinnern an Amanda K., die am Ernst-Reuter-Platz vor eine fahrende U-Bahn geschubst worden war

Blumen und Fotos erinnern an Amanda K., die am Ernst-Reuter-Platz vor eine fahrende U-Bahn geschubst worden war

Foto: Krauthöfer

Es gibt für die Eltern und die Schwester von Amanda K. vielleicht einen winzigen Trost: Die 20-Jährige hat nicht leiden müssen. Sie hat es nicht einmal geschafft zu schreien, als sie am 19. Januar dieses Jahres um 23.36 Uhr im U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz heimtückisch vor einen Zug gestoßen wurde. Von einem Mann, davon geht die Staatsanwaltschaft aus, der gemordet hat, ohne ein Mörder zu sein. Ab Donnerstag wird der Fall des 29-jährigen Hamin E. vor einem Moabiter Schwurgericht verhandelt. Es ist ein sogenanntes Unterbringungsverfahren. Die Richter müssen entscheiden, ob Hamin E. wegen einer psychischen Erkrankung schuldunfähig ist und ob er dauerhaft in den Maßregelvollzug (die geschlossene Gefängnispsychiatrie) eingewiesen werden muss.

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Der Tag, an dem Amanda K. starb, war ein Dienstag. Sie wohnte mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester in Steglitz. Amanda K. soll an diesem Morgen besonders fröhlich gewesen sein. Später stellte sich heraus, dass sie am Abend verabredet war; mit einem Mann, den sie über die Dating-App Lovoo kennengelernt hatte. Anderthalb Jahre zuvor hatte sie Abitur gemacht. Sie wollte Automobilkauffrau werden. Vor ihrer Ausbildung wollte sie noch Ferien auf Zypern machen. Das Geld dafür verdiente sie in einer Computerfirma. Ihre Mutter kommt aus Schweden. Ihr Vater, der sich von der Mutter scheiden ließ, ist Libanese. Amanda K. wurde in Berlin geboren, bekam die deutsche Staatsbürgerschaft.

Am Abend wollte sie ihren neuen Freund treffen

Amanda K. arbeitete am 19. Januar wie üblich nur sechs Stunden. Nachmittags kümmerte sie sich um die kleine Schwester. Gegen 19 Uhr fuhr sie nach Charlottenburg, wo sie den neuen Freund treffen wollte.

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Zu diesem Zeitpunkt irrte Hamin E. schon durch Berlin. Ein kräftiger, etwa 1,80 Meter großer Mann, mit Bart und kurz geschorenem Haar. Auffällig war seine rote Jacke mit dunkel abgesetzten Ärmeln. Hamin E. ist gebürtiger Iraner. Seine Eltern flohen 1985 nach Deutschland. Er wuchs in Hamburg auf. Bis zur vierten Klasse galt er als überdurchschnittlich guter Schüler.

Einen Einschnitt gab es 1998. Seine Eltern, heißt es, fühlten sich politisch verfolgt. Sie zogen mit ihm nach Buchholz. Hier gab es erste Probleme. Er benahm sich aggressiv, schwänzte die Schule. 2001 zog die Familie zurück nach Hamburg. Hamin E. begann, Marihuana zu konsumieren. Das könnte der Ausgangspunkt für seine psychische Krankheit gewesen sein. Mediziner gehen davon aus, dass im Körper ruhende psychische Krankheiten durch den vermeintlich harmlosen Cannabiskonsum quasi geweckt werden können.

In der Jugendhaft wurden erste psychische Auffälligkeiten entdeckt

Hamin E. lebte zeitweise in einem Jugendheim und in einer Drogenentzugsklinik. Mit 14 Jahren verübte er erste Straftaten. 2002 wurde er zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Er hatte auf einen Jugendlichen, der schon am Boden lag, unvermittelt mit einem Messer eingestochen. In der Haft wurden erste psychische Auffälligkeiten festgestellt: Hamin E. war nicht in der Lage, mit anderen Gefangenen zusammenzuleben, wusch sich nicht, setzte Räume unter Wasser. In seiner Akte wurden Begriffe wie Wahnerleben, Halluzinationen, Schizophrenie notiert.

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Seitdem befand sich Hamin E., auch nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, permanent in psychiatrischer Behandlung. Im Laufe der Jahre wurde er mehrfach in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen, war dort aber, so scheint es, oft ein Grenzfall: Er konnte sich innerhalb des Krankenhauses sehr angepasst verhalten und auch die Einsicht suggerieren, therapiewillig zu sein. War er wieder auf freiem Fuß, beging er Straftaten, die jedoch ohne Konsequenzen blieben. Immer wieder wurden Strafverfahren eingestellt, weil er wegen seiner psychiatrischen Krankheiten als nicht schuldfähig galt. Ende April 2015 beantragte der vom Amtsgericht eingesetzte Betreuer von Hamin E. eine erneute Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie. Ende Juni 2015 beschied eine Ärztin, dass eine stationäre Behandlung aus medizinischer Sicht nicht mehr erforderlich sei.

Entlassen wegen „fehlender Eigen- und Fremdgefährdung“

Im Juli 2015 zerschlug Hamin E. mit einem Pflasterstein die Scheibe eines Discounters und stahl mehrere Stangen Zigarillos. Wenig später ging er zur Polizei und erklärte, dass er wieder eingewiesen werde wolle. Am 18. November 2015 beantragte ein Betreuer nochmals die Unterbringung in die geschlossene Psychiatrie. Sie wurde bis zum 15. Dezember betreuungsrechtlich genehmigt. Am 1. Januar 2016 ging Hamin E. von sich aus zur Klinik, erklärte, dass er sich verfolgt fühle. Er blieb bis zum 18. Januar in der Klinik.

Protokollen zufolge soll er vor seiner Entlassung Ärzte und andere Patienten beschimpft haben. Er wurde schließlich „wegen fehlender Behandlungsgrundlage und fehlender Eigen- und Fremdgefährdung“ aus dem Krankenhaus entlassen. Genau hier setzt die Kritik von Amandas Vater ein: „Die Akten zeigen doch, dass dieser Mann hochgefährlich ist und schon öfter andere Menschen angegriffen hat. Hätte Hamin E. das Krankenhaus nicht verlassen dürfen, wäre meine Tochter noch am Leben!“ Der 49-Jährige will dem Prozess als Nebenkläger beiwohnen und feststellen, ob Hamin E. wirklich schuldunfähig ist und ob er sich die Tochter nicht vielleicht sogar gezielt als Opfer ausgesucht hat.

Vieles indes spricht für einen grauenvollen Zufall: Am 19. Januar fuhr Hamin E. mit dem Zug nach Berlin. In der Notübernachtungsstelle für Obdachlose in der Franklinstraße fand sich kein freier Platz mehr. Eine weitere Möglichkeit gab es in der Lützowstraße. Er lief zum Ernst-Reuter-Platz. Dorthin war auch Amanda K. unterwegs. Sie hatte den Abend mit ihrem neuen Bekannten verbracht. Um 23.25 Uhr verabschiedete er sie.

Die letzte Nachricht schrieb sie kurz vor ihrem Tod an ihre Mutter

Amanda K. wollte nun nach Hause fahren. Auf dem Bahnsteig standen etwa zehn Menschen. Das Geschehen wurde von Überwachungskameras aufgenommen: Amanda K. nahm den Mann hinter ihr nicht zur Kenntnis. Sie tippte auf ihrem Handy herum, schrieb ihrer Mutter zwei Nachrichten. In der ersten schrieb sie, dass sie gleich zu Hause sei, in der zweiten, dass sie ihre Mutter liebe. Sendezeit war 23.36 Uhr.

Sekunden später fuhr die U-Bahn ein. Hamin E. lief von hinten auf Amanda K. zu und gab ihr einen kräftigen Stoß in den Rücken. Die U-Bahn-Fahrerin bremste sofort. Aber es ging alles viel zu schnell. Amanda K. wurde gegen die Vorderseite der Fahrkabine geschleudert, von dort aus auf die Gleise und vom ersten Wagen überrollt. Hamin E. lief langsam in Richtung Ausgang. Er wehrte sich nicht, als sich ihm zwei Männer in den Weg stellten. Später soll er gesagt haben, dass er sich verfolgt gefühlt, die Frau aber verwechselt habe. Er habe Amanda K. auch nur zur Seite schubsen wollen. Es tue ihm alles sehr leid und es sei ihm peinlich, dass er jetzt ein Mörder sein soll.

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