Flüchtlinge

Manchmal klingt Deutsch merkwürdig

Die Berliner Morgenpost begleitet die Familie Alaya, die im vergangenen Jahr nach Berlin gekommen ist. Die drei fühlen sich angekommen.

Foto: Joerg Krauthoefer

Teresa malt mit Bleistift auf den kleinen Tisch im Wohnzimmer. Provokant und mit verschmitztem Lächeln schaut sie ihre Eltern an, während sie die Mine da über die weiße Oberfläche fährt. Grenzen austesten. So wie das kleine Kinder oft machen. Der große Mann vor ihr, ihr Papa, schüttelt den Kopf und sagt „Nein“, in mildem, aber bestimmtem Ton. Dann zeigt er auf das Heft, das direkt neben Teresas Hand liegt. Sie weiß genau, dass sie da rein malen sollte. Aber natürlich macht es mehr Spaß, dahin zu kritzeln, wo es ja eigentlich gar nicht erlaubt ist.

Das Mädchen aus Syrien wohnt mit ihren Eltern Loris und Rafaat Alaya nun schon über die Hälfte ihres 22 Monate langen Lebens in Berlin. Vor über einem Jahr sind sie gemeinsam aus ihrem Heimatland nach Deutschland geflohen. „13 Monate liegt das nun zurück“, sagt Loris gleich zweimal nachdenklich und auch etwas ungläubig. Die Zeit vergeht schnell. Aber, wenn sie so zurückblickt, komme es ihr viel länger her vor, sagt sie. „Wahrscheinlich deshalb, weil so wahnsinnig viel passiert ist in der vergangenen Zeit.“

Wie aus einer Fremden eine gute Freundin wird

Damals, als sie wochenlang am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) warten mussten. Das scheint nun eine halbe Ewigkeit zurückzuliegen. Daran erinnert sich Loris Alaya trotzdem noch manchmal. Zum Beispiel, wenn sie die Schuhe trägt, die ihr eine damals fremde Frau mitbrachte, die heute eine Freundin ist. So wie einige andere, die ihnen in den ersten Tagen in dieser fremden Welt begegnet sind. Viele von denen seien wie Familienersatz, sagt Loris.

Wenn sie es genau nimmt, sind die meisten Gegenstände in ihrer Wohnung mit irgendeiner solchen Erinnerung verknüpft. Immerhin haben sie alles von hilfsbereiten Menschen geschenkt bekommen. So ziemlich das Einzige, das geblieben ist von der Zeit vor Berlin, sind drei T-Shirts und drei kurze Hosen. Wenn Loris Alaya die Wäsche aufhängt und darunter diese Klamotten findet, wird ihr ganz mulmig. „Ich erinnere mich nicht gerne an die Flucht, vor allem nicht an die Tage auf dem Boot, als wir all unsere Sachen von Bord werfen mussten aus Angst, sonst vielleicht zu ertrinken“, sagt sie. Dagegen sind die Gedanken ans Lageso fast schon schön: „Ich sage immer: Hätten wir damals nicht so lange dort warten müssen, hätten wir viele wichtige Menschen nie kennengelernt.“

Ein Sprachkurs und ein Praktikum beim Zahnarzt geben Struktur im Alltag

Auch wenn natürlich viele Erlebnisse auch schmerzhaft waren. Neulich zum Beispiel lief Loris an einem Mann vorbei, den sie bis heute wiedererkennt. Damals am Landesamt stand sie mit der kranken Teresa auf dem Arm vor ihm, mit Tränen in den Augen. Dieser Mann, ein Mitarbeiter des Amts, habe ihr nicht geholfen, sondern sie förmlich ausgelacht. So erinnert sie sich an die Szene. Loris glaubt, dass auch er sie da auf der Straße in Charlottenburg erkannt hätte, weil es am Amt eine so emotionale und gleichermaßen einprägsame Szene gewesen sei. Ein kleines bisschen Stolz klingt in ihrer Stimme, als die 23-Jährige dann sagt, dass sie damals nie gedacht hätte, sich jemals so angekommen zu fühlen wie jetzt.

Die kleine Familie hat heute einen richtigen Alltag in und außerhalb ihrer kleinen, gemütlichen Wohnung. Rafaat Alaya, gelernter Zahnarzt, geht einmal die Woche zu einem Zahnarzt und schaut ihm bei der Arbeit zu. Er macht dort ein Praktikum, um zu schauen, wie in Deutschland gearbeitet wird und auch, um sich gewisse Handgriffe wieder ins Gedächtnis zu rufen. Außerdem gehen er und seine Frau seit Monaten schon zum Deutschsprachkurs. Gerade in den zurückliegenden Wochen haben sie große Fortschritte gemacht. Die Worte kommen viel selbstverständlicher.

Die Tochter Teresa lernt im Kindergarten Deutsch

Auch Teresa lernt im Kindergarten sprechen. Eigentlich erarbeiten sich die drei zusammen die Kenntnisse. Manchmal sitzen sie zusammen auf dem Sofa und blättern durch ein Buch, das Kindern Worte mit Bildern zeigt. Hund, Auto, Mund. Während die Eltern dabei bestimmte Begriffe und dazugehörige Artikel intensivieren, lernt Teresa, wo ihre Nase ist.

Wenn Loris Alaya deutsch spricht, klingt das charmant, denn ihre Stimme ist dabei irgendwie sanfter als im Arabischen oder Englischen. Eben weil sie noch so zaghaft und zurückhaltend ist. Sie versteht mittlerweile fast alles, außer so ein merkwürdiges Wort wie „Abflussreiniger“, da fragt sie dann nach. Manchmal nervt es sie, dass sie noch jemanden braucht, der ihr sagt, was sie braucht, was gut ist oder was, was ist. Eigentlich würde sie gerne mal wieder spontan und ganz eigenständig einkaufen gehen, ohne zuvor alles zu ergoogeln oder Freunde zu fragen. Noch ein Ansporn mehr, um noch besser zu werden.

Eine gemeinsame Basis wird immer wichtiger

Übrigens sind sie nicht mehr lange zu dritt. Loris Alaya erwartet ihr zweites Kind, einen Jungen. Sie freuen sich – womöglich auch deshalb, weil man durch den Zuwachs noch mal mehr ankommt, weil man das muss. Für die Kinder. Eine gemeinsame Basis wird da immer wichtiger. Der Arzt meint, er sei ein sehr sportliches Baby. „Es spricht ziemlich häufig zu mir“, sagt Loris lachend. Wenn es mit Ärmchen und Beinchen gegen ihre Bauchdecke tritt. Sie hat jetzt dieses zufriedene und ausgeglichene Gesicht, das die meisten Schwangeren bekommen.

Sie ist im siebten Monat, daher nutzen sie die vier Wochen Sprachschulferien, um alles für den Zuwachs vorzubereiten. Umstellen, auf Ebay hat gerade jemand ein Sofa zu verschenken, nach einem Kinderbett für Teresa suchen. Stück für Stück muss nun alles noch etwas heimeliger werden. „Baby“, das sagt auch Teresa immer mal wieder. Dann geht sie zu Loris, streichelt und küsst ihren kugeligen Bauch. „Sie liebt Kinder“, sagt Loris. Sie sei sogar so empathisch, dass sie immer, wenn ein Kind in der Kita weint, es tröstet.

Gleichaltrige Freunde – das fehlt noch, kann aber noch kommen

Jetzt, wo auch die Kita gerade Ferien macht, kann sie niemanden trösten. Also muss Loris Teresa ununterbrochen bespaßen. „Sie langweilt sich schnell, wenn sie niemand in ihrem Alter um sich herum hat.“ Das Problem mit Freunden in ihrem Alter haben auch Loris und Rafaat Alaya. „Manchmal wünsche ich mir eine Freundin, mit der ich mal spontan bummeln gehen kann“, sagt sie. Aber wenn man zurückblickt und schaut, wie sehr sich alles potenziert hat, kann das ja auch noch alles kommen.

Die Berliner Morgenpost wird die Familie Alaya weiter begleiten und von ihrem Leben in Deutschland erzählen.