Musik-Festival

Lollapalooza - Zehntausende feiern im Treptower Park

Der erste Tag des Musikfestivals Lollapalooza verlief bislang ohne Zwischenfälle. Viele Anwohner des Treptower Parks sind ausgezogen.

Während des Auftritts der US-amerikanischen Violinistin Lindsey Stirling drängen sich zahlreiche Festivalbesucher vor der Bühne

Während des Auftritts der US-amerikanischen Violinistin Lindsey Stirling drängen sich zahlreiche Festivalbesucher vor der Bühne

Foto: Britta Pedersen / dpa

Über den Dresscode herrscht Einigkeit: Von allem möglichst wenig und von dem wenigen alles möglichst kurz. Mehr wäre auch unvernünftig. Denn die Sonne steht hoch, als hätte sie verschlafen, dass sich der Sommer, zumindest aus meteorologischer Sicht, schon vor zehn Tagen verabschiedet hat. Und wenn Paul Kalkbrenner und die Kaiser Chiefs spielen, die Kings of Leon oder New Order, könnte mancher Zuhörer versucht sein herumzuhüpfen. Das soll ja Spaß machen – bei 25 Grad und mehr aber auch schweißtreibend sein.

Weniger ist mehr. Das gilt am ersten Tag des zweitägigen Musik-Festivals „Lollapalooza“ im Treptower Park für die Kleidung. Nicht aber für das Festival selbst. Fast 50 Bands spielen, darunter auch Max Herre, Tocotronic oder James Blake. Und mit 70.000 Menschen, die ihnen pro Tag zuhören, ist das Lollapalooza eines der größten Events der Open-Air-Saison.

Auf dem großen Gelände muss man gut zu Fuß sein

Vor den Eingängen an den S-Bahnhöfen Treptower Park und Plänterwald postieren sich die bei Großveranstaltungen längst zum Bild gehörenden Flaschensammler. Einige Besucher schütten Wodka aus (verbotenen) Glasflaschen in Tetra-Paks. Von Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll ist, zumindest vor den Toren des Lollapalooza, am Nachmittag aber nur wenig zu spüren. Auch die Polizei meldet: keine Zwischenfälle, alles ruhig.

Gegen 18 Uhr ist das Festival voll. Auf einem gut 500 Meter langen Weg, der von Toiletten gesäumt ist, geht es zeitweise nicht voran. Wer unter Platzangst leidet, hat keine schöne Zeit. Die Mülleimer quellen über, wenn es Reinigungskräfte gibt, haben sie das übersehen. Das Festival ist eine Mammutaufgabe, da kann nicht alles funktionieren. Dass viele verzweifelt auf ihre Handys starren und sich vergebens eine Verbindung wünschen, ist auch nicht die Schuld der Festivalmacher.

Auf dem eingezäunten Festival-Gelände muss man gut zu Fuß sein. Die Wege zwischen den zwei Hauptbühnen und den zwei Nebenbühnen sind beträchtlich. Verhungern oder verdursten muss aber keiner. Es gibt Pommes, Veganes und die unvermeidlichen Tacos – eigentlich nichts, was nicht angeboten wird. Wasser wäre bei Hitze ja besser, aber die meisten bevorzugen Bier.

Verwaister Häuser rund um das Festivalgelände

Auf der anderen Seite des Zauns, in der Straße Am Treptower Park, ist die Geige von Lindsey Stirling noch ganz gut zu hören – und Katharina Priester dreht eine Runde mit Hund Anni. Nein, sagt die Endfünzigerin, die Musik störe sie nicht. Im Gegenteil. Sie habe sich alle Bands extra auf Youtube angehört und die „Running order“, den Zeitplan für die Auftritte, studiert. „Bei den Gruppen, die mir gefallen, gehe ich mit Anni raus, um zuzuhören“, sagt sie. Auch Ramon Weber ist gut gelaunt. Wegen der Absperrungen müsse er Umwege fahren, sagt der Briefträger. „Dafür kann ich bei der Arbeit Musik hören“, sagt Weber. Das sei ganz nett.

Andere Anwohner fanden es weniger nett. Der „Lärm“, die vielen Menschen. Da haben sie lieber das Angebot der Veranstalter angenommen und sind in ein Hotel gezogen. Viele Häuser sind daher ziemlich verwaist. Odo Lapps ist sogar bis nach München „geflüchtet“ – zu einem Freund. „Die meisten sind weg“, sagt Lapps am Telefon. Einige machten sich Sorgen, Einbrecher könnten ihr Glück versuchen.

Der Park wurde gerade erst für viel Geld saniert

Unumstritten ist das Lollapalooza nicht. Ursprünglich sollte das Festival, wie bei seiner Berlin-Premiere im Jahr 2015, auf dem Vorfeld des ehemaligen Flughafens Tempelhof stattfinden. Doch dort hat der Senat Quartiere für Flüchtlinge geschaffen. Um eine Schadenersatzforderung zu vermeiden, hatte der Senat den Treptower Park als Alternative angeboten. „Ist bloß blöd, dass der gerade erst für mehr als zehn Millionen Euro saniert wurde“, sagt Anwohnerin Sonja Wilczek.

Immerhin: Die Veranstalter mussten sich verpflichten, diverse Auflagen einzuhalten. Um Schäden an dem Gartendenkmal in Ordnung zu bringen, mussten sie laut Bezirksamt Treptow-Köpenick auch eine Sicherheitsleistung „in Millionenhöhe“ hinterlegen. Viele Anwohner hatten trotzdem geklagt. Die Veranstalter und Festival-Besucher mussten deswegen bis zuletzt zittern. Erst am Mittwoch gab das Verwaltungsgericht grünes Licht. Anwohnerin Katharina Priester findet das gut. Wenn Radiohead spielt, will sie wieder eine Runde mit Hund Anni drehen.