Holocaust-Gedenkstätte

Yad Vashem - Als ein Licht die Dunkelheit durchdrang

Die neue Online-Ausstellung der Gedenkstätte stellt Lehrer vor, die im Holocaust Juden retteten. Auch eine Berlinerin wird porträtiert.

Elisabeth Abegg hat von 1942 bis 1945 Juden in ihrer Wohnung versteckt

Elisabeth Abegg hat von 1942 bis 1945 Juden in ihrer Wohnung versteckt

Foto: Yad Vashem

Elisabeth Abegg war eine mutige Frau. Die Berliner Geschichtslehrerin verlor im Jahr 1940 ihre Arbeit, weil sie in Konflikt mit dem nationalsozialistischen Regime geraten war. Aber sie ließ ihre jüdischen Schüler und Freunde nicht im Stich. In ihrer Tempelhofer Wohnung versteckte sie Juden und brachte sich damit in Lebensgefahr, denn einige ihrer Nachbarn waren überzeugte Nazis. Doch Elisabeth Abegg wurde nicht enttarnt, sie überlebte die NS-Diktatur, so wie viele der Menschen, die sie in ihre Obhut nahm. Am 23. Mai 1967 wurde sie von Yad Vashem geehrt. Sie wurde als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt. Mit diesem Titel zeichnet die „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“ in Jerusalem Nicht-Juden aus, die Juden damals das Leben retteten.

Die Webseite von Yad Vashem hat Lehrern, die im Holocaust Juden retteten, ihre aktuelle Online-Ausstellung gewidmet. Sie ist auch auf Deutsch verfügbar, trägt den Titel „Ihr Schicksal wird auch das meine sein“ und stellt zwölf Pädagogen aus verschiedenen Ländern vor, darunter auch Elisabeth Abegg.

Anhängerin der Lehren Albert Schweitzers

1882 in Straßburg im Elsass geboren, stand sie schon früh unter dem Einfluss der christlichen Lehre Albert Schweitzers, des großen Elsässer Theologen, Humanisten und Arztes. Elisabeth Abegg studierte in Straßburg, promovierte an der Universität Leipzig, zog nach Berlin und wurde schließlich 1924 Lehrerin am Luisen-Oberlyzeum, einer angesehenen Berliner Lehranstalt für Mädchen in Moabit. Sie bemühte sich, ihren Schülerinnen, von denen viele aus jüdischen Familien stammten, ihre humanistische Einstellung, in deren Mittelpunkt die Heiligkeit des menschlichen Lebens stand, zu vermitteln. Sie engagierte sich auch politisch, war Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, geriet Elisabeth Abegg bald in Konflikt mit dem neuen, von den Nazis eingesetzten Schulleiter. Sie musste 1935 an eine andere Schule wechseln, weil sie den „Führereid“ verweigerte. 1940 wurde sie wegen kriegskritischer Äußerungen im Unterricht denunziert und gezwungen, frühzeitig in den Ruhestand zu gehen. Dennoch ließ sich Abegg nicht davon abhalten, den Kontakt zu ihren jüdischen Freunden und ehemaligen Schülern aufrechtzuerhalten.

Ihre Wohnung wird zum Zufluchtsort

Als ihre langjährige enge Freundin Anna Hirschberg 1942 deportiert wurde, erfasste sie die wahre Tragweite der Verfolgung der Juden durch die Nazis, und sie beschloss, alles in ihren Kräften stehende zu tun, um anderen Juden das Leben zu retten. Ihre Dreieinhalbzimmer-Wohnung am Tempelhofer Damm, die sie mit ihrer 86-jährigen Mutter und ihrer behinderten Schwester Julie teilte, wurde von 1942 bis 1945 zum vorübergehenden Zufluchtsort und zur Sammelstelle für Menschen, die untertauchen mussten. Kindern, die in der Illegalität lebten, erteilte sie dort Schulunterricht.

Sie sparte, wie auch ihre Freunde aus der Religionsgemeinschaft der Quäker, an ihren eigenen Lebensmitteln und an denen ihrer Schwester. So konnte sie ihre Schützlinge mit Essenskarten versorgen. Sie verkaufte ihren Schmuck, damit der Lehrer und Widerstandskämpfer Jizchak Schwersenz in die Schweiz fliehen konnte, sie beschaffte gefälschte Papiere für andere. Viele von denen, die bei ihr anklopften und um Hilfe baten, waren zunächst wildfremde Menschen, doch sie zögerte nie und ging immer mehr Risiken ein.

Gedenktafel an ihrem Haus

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Elisabeth Abegg bis zu ihrer regulären Pensionierung wieder als Lehrerin arbeiten. Sie trat in die SPD ein und engagierte sich in der Berliner Quäkerbewegung. Sie starb 1974 in Berlin. An dem Haus, in dem sie über mehrere Jahre Juden versteckt hatte, wurde eine Gedenktafel für sie angebracht. 2004 wurde eine Straße in Mitte nach Elisabeth Abegg benannt.

1957, anlässlich ihres 75. Geburtstags, widmeten Überlebende, die von Elisabeth Abegg gerettet worden waren, ihr eine hektographierte Sammlung von Erinnerungen mit dem Titel „Als ein Licht die Dunkelheit durchdrang“. Dort schildert zum Beispiel Evi Goldstein, die später in San Francisco/USA lebte, wie „Tante Elisabeth“ sie 1943 als kleines Kind bei einer Familie in Ostpreußen unterbrachte, kurz bevor ihr Vater von den Nazis verhaftet wurde.

„Nie wieder werde ich so einen Menschen treffen“

Elisabeth Abegg schickte regelmäßig Geld und Lebensmittelmarken und, da sie keine Kleidung hatten, auch immer wieder Sachen, die „Tante Julie“ für sie genäht hatte. Erst nach dem Krieg, als sie nach Berlin zurückkehrte, lernte Evi Goldstein ihre Retterin kennen, und ein weiteres Mal halfen die Schwestern Abegg ihr und ihrer Mutter, nahmen sie bei sich auf, halfen dem Mädchen, das in der Schule Versäumte nachzuholen und brachten sie mit anderen Kindern zusammen. „Ich weiß, dass ich nie wieder so einen Menschen treffen werde“, schließt Evi Goldstein ihre Erinnerungen.

Die zwölf Lehrer, die in der neuen Online-Ausstellung auf der Webseite von Yad Vashem vorgestellt werden, eint, dass sie als Gerechte unter den Völkern anerkannt sind. Benjamin Blankenstein zum Beispiel ist dabei, ein niederländischer Dorflehrer, der eine jüdische Familie versteckte und dafür mit dem Leben bezahlte, Joseph Migneret, der Leiter einer Grundschule in Paris, der Juden Unterschlupf gewährte und vielen gefälschte Papiere besorgte.

Wir erfahren etwas über eine dänische Lehrerin, die sich an der Rettung von Juden nach Schweden beteiligte, über einen muslimischen Lehrer aus Albanien, der eine jüdische Familie schützte und eine polnische Nonne, die Juden in ihrem Waisenhaus versteckte. So viele unterschiedliche Schicksale, so viel Leid, aber eben auch Triumphe der Menschlichkeit über das Böse.

Nur wenige schauten nicht weg

„Während des Holocaust ließen die meisten Menschen ihre jüdischen Nachbarn im Stich, schauten weg oder beteiligten sich sogar an der Verfolgung der Juden. Unter ihnen waren Lehrer, die zusahen, wie ihre Schüler gebrandmarkt, belästigt, diskriminiert und schließlich ermordet wurden. Nur wenige sahen es als ihre Pflicht an, im Unterricht nicht nur zu erziehen und Werte zu vermitteln, sondern auch gemäß dieser Ideale zu leben - selbst, wenn sie damit ihr Leben aufs Spiel setzten“, heißt es in der Einleitung zur Online-Ausstellung.

„Die Männer und Frauen, die Juden gerettet haben, kommen aus den unterschiedlichsten Ländern, Berufen, sozialen Schichten und Religionen. Wir möchten, dass viele Menschen die Geschichten dieser Retter lesen und versuchen, immer ein Thema zu finden, dass aktuell relevant ist“, sagte Irena Steinfeldt, Leiterin des Programms „Gerechte unter den Völkern“ in Yad Vashem, der Berliner Morgenpost.

Neue Ausstellung zum Schulbeginn

In vielen Ländern fange Anfang September das neue Schuljahr an, deshalb seien Lehrer das Thema der neuen Online-Ausstellung. Einige hätten gehandelt, als sie erleben mussten, wie die jüdischen Schüler von ihrer Schule verschwanden. „Zum Teil kommen sie zu ihrem Lehrer und bitten um Hilfe. Der Lehrer wird Retter. Und ein Mensch, von dem wir eigentlich erwarten, dass er nach dem Gesetz handelt, wird im Sinne des Regimes zum Verbrecher, weil er gegen das Gesetz arbeitet“, erläuterte Steinfeldt.

Elisabeth Abegg sei für die Ausstellung ausgewählt worden, weil sie ihren ehemaligen Schülern und anderen Juden auf vielfältige Art half, obwohl sie bereits ihre Arbeit verloren hatte. „Von ihr können wir sehr viel lernen. Mein Respekt vor dieser Frau ist enorm“, so Irena Steinfeldt. Die Akte über Elisabeth Abegg in Yad Vashem habe die Nummer 345, erwähnt sie noch. „Sie wurde 1967 geehrt, also sehr früh. Niemand sprach dagegen, dass sie geehrt wird. Wir haben sehr viele Zeugenaussagen.“

„Ihr Schicksal wird auch das meine sein“ ist bereits die 21. Online-Ausstellung auf der Webseite von Yad Vashem. Sie gehören zu den meistbesuchten Rubriken des vielfältigen und sehr informativen Internet-Angebots und bieten einen leichten Zugang zu unterschiedlichen Themen, Ereignissen und Orten des Holocaust. Da geht es zum Beispiel um Juden und Sport, um wagemutige Frauen oder um das Auschwitz Album, das einzige erhaltene fotografische Zeugnis zum Ankunftsprozess in Auschwitz und der Vorbereitung für den Massenmord.

Ein Poesiealbum aus Berlin

Andere Ausstellungen widmen sich Künstlern oder jüdischer Musik aus der Zeit des Holocaust, beleuchten die Deportation der Juden aus Deutschland in den Osten oder Kreativität und Spiel von Kindern in jenen Jahren. Besonders anrührend ist „Durch das Objektiv der Zeit“, eine Zusammenstellung von kleinen Ausstellungen aus den Yad Vashem Sammlungen, etwa über das Poesiealbum eines jüdischen Mädchens aus Berlin oder über Postkarten, die ein Vater an seinen Sohn schrieb, der mit einem Kindertransport nach England gelangt war.

Yad Vashem bietet auf seiner Webseite in sieben Sprachen neben den Online-Ausstellungen unter anderem eine Geschichte des Holocaust in vierzig Kapiteln mit Hunderten von Fotos, Videointerviews mit Zeitzeugen, dokumentarischem Filmmaterial und Dokumenten, eine Datenbank der Namen der Holocaustopfer, in der zur Zeit rund 4,5 Millionen Namen online einsehbar sind sowie mehr als 20 Video-Vorträge deutschsprachiger Historiker zu einem breiten Themenspektrum. Beeindruckend ist auch die Datenbank der Deportationen, in der etwa 1000 Transporte, die während des Holocaust nach Osten gingen, dokumentiert sind. Auch Informationen über das Programm „Gerechte unter den Völkern“ mit vielen weiteren Geschichten von Rettern und umfangreiche Unterrichtsmaterialien für Schulen, darunter 25 Lehrpläne sowie Online-Kurse, enthält das Angebot im Netz.

International erfolgreiche Webseite

18 Millionen Besucher zählte die Webseite im vergangenen Jahr, 500.000 die deutschsprachige Seite allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres, erklärt Sarah Eismann, die Koordinatorin der deutschen Internetseite. Mit den Datenbanken und Archiven, den allgemeinen Informationen zu Yad Vashem, dem Museum und zum Holocaust sowie den persönlichen Geschichten richtet sich die Webseite nicht nur an Menschen die gezielt etwas zum Holocaust suchen, sondern auch an diejenigen die etwas entdecken und dann auf der Seite weitersurfen. Zu ihrem Erfolg trägt wesentlich bei, dass sie unterschiedliche Herangehensweisen an den Holocaust ermöglicht und dass die Materialien in den heutigen Kontext gestellt werden und an aktuelle Ereignisse anknüpfen.