Interview

„Das Interesse wächst, aber die Arbeit wird schwieriger“

Irena Steinfeldt, Leiterin des Programms „Gerechte unter den Völkern“, über die Aufgabe, die Retter der Juden im Holocaust zu ehren

 Irena Steinfeldt im Garten der Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem

Irena Steinfeldt im Garten der Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem

Foto: Yad Vashem

Mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“ ehrt die Gedenkstätte Yad Vashem Nichtjuden, die während des Holocaust ihr Leben riskiert haben, um Juden zu retten. Wir sprachen mit Irena Steinfeldt, der Leiterin des Programms.

Frau Steinfeldt, wie viele Menschen wurden bislang mit diesem Titel ausgezeichnet?

Irena Steinfeldt Es sind mehr als 26.000 Menschen. Das Projekt läuft seit 1963. Und jedes Jahr kommen etwa 400 bis 500 Menschen hinzu, die als Gerechte geehrt werden.

Warum hat es sich der Staat Israel zur Aufgabe gemacht, die Gerechten unter den Völkern zu ehren? Bei all dem Leid, das dem jüdischen Volk zugefügt wurde, ist es erstaunlich, dass bereits so früh nach dem Krieg an die gedacht wurde, die geholfen haben.

Ja, das ist bemerkenswert und meines Erachtens der einzige Fall in der Geschichte, in dem Opfer nicht nur an die Opfer denken, sondern auch an die Retter. An Retter, die aus den Völkern der Täter, der Mitläufer, der Kollaborateure kamen. Als 1965 die diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland wiederhergestellt wurden, gab es Demonstrationen. Viele Israelis waren damals noch gegen jede Beziehung zu Deutschland. Aber zur selben Zeit wurden Deutsche von Yad Vashem geehrt, und niemand hat dagegen demonstriert. Es gab Argumente gegen die Ehrung von Oskar Schindler. Aber nicht, weil er Deutscher war, sondern weil er Mitglied der NSDAP war und weil er jüdischen Besitz in Polen übernahm. Es ging um seine persönliche Biografie.

Können nur Überlebende einen Antrag stellen, einen Menschen als Gerechten unter den Völkern zu ehren?

Nein. Jeder kann sich an uns wenden, zum Beispiel per E-Mail, weil er von einem Menschen gehört hat, der während des Holocaust Juden gerettet hat. Viele schreiben uns zum Beispiel, ihre Großeltern hätten Juden gerettet. Aber damit so ein Fall der Kommission vorgelegt werden kann, die über die Ehrung entscheidet, brauchen wir ausführliche Aussagen der Geretteten. Oder, wenn es das nicht gibt, benötigen wir Dokumente aus Archiven, die das belegen. Etwa aus einem Gerichtsverfahren, wenn der Retter verurteilt wurde. Meistens sind es die Geretteten selbst oder ihre Nachkommen, die sich melden. Und dann beginnen wir, zu recherchieren.

Wie viele Mitarbeiter sind mit diesen Recherchen beschäftigt?

Unsere Abteilung ist ein Team von zehn Personen, sieben Kollegen beschäftigen sich mit den Recherchen. Sie beherrschen viele europäische Sprachen. Das ist wichtig, weil eben auch die Aussagen in vielen Sprachen gemacht werden und sie in den unterschiedlichsten Archiven suchen müssen. Heute recherchieren wir zudem sehr viel im Internet, auch über Facebook, um Verwandte der Geretteten und der Retter zu finden oder um Informationen zu bekommen.

Sie sagten, Sie bekommen pro Jahr 400 bis 500 Anträge für Ehrungen. Nimmt das nicht im Laufe der Jahre ab?

Viele Leute glauben, dass es abnimmt, aber wir erleben das nicht. Wir spüren, dass das Interesse eher wächst. Viele Überlebende haben heute das Bedürfnis, darüber zu sprechen und zu berichten, was sie vorher nicht gemacht haben. Sie wissen, dass ihre Generation bald nicht mehr da sein wird. Außerdem hat oft auch die zweite oder dritte Generation ein Interesse, eine Rettung zu dokumentieren, zum Beispiel wenn jemand gestorben ist und die Familie beginnt, die Dokumente aus dem Nachlass anzusehen. Es nimmt nicht ab, aber es wird schwieriger. Die Geretteten, die sich heute an uns wenden, waren oft sehr jung zum Zeitpunkt ihrer Rettung, meist noch Kinder.

Wie viele Deutsche sind unter den Geehrten?

Es sind ungefähr 600. Aber Vergleiche zwischen den Ländern sind nicht bedeutsam, sie sagen nichts aus über das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in diesem Land. Es handelt sich ja um Fälle, die uns gemeldet wurden oder die wir gefunden haben, es ist keine systematische Erfassung.

Letztlich entscheidet eine Kommission darüber, wer geehrt wird. Wer gehört dieser Kommission an?

Mit der Gründung der Kommission bewies der damalige Vorsitzende von Yad Vashem Weitblick. Er hatte verstanden, dass die Frage, wer geehrt werden kann, oft eine sehr komplexe Frage ist. Bei Elisabeth Abegg gab es keine Zweifel, dass sie eine bewundernswerte, besondere Frau war. Aber zum Beispiel Oskar Schindler ist eine viel komplexere Person. Deshalb hat der damalige Vorsitzende von Yad Vashem beschlossen, er möchte einen Richter des Hohen Gerichts von Israel als Vorsitzenden der Kommission haben. Die 30 Mitglieder der Kommission sind zum großen Teil Holocaust-Überlebende. Sie sprechen insgesamt 18 Sprachen. Die 30 Mitglieder sind auf drei Kommissionen verteilt, zehn in jeder Kommission.

Wie arbeiten sie konkret?

Jedes Mitglied bekommt eine Akte, studiert sie, schreibt einen Bericht und gibt seine Empfehlung. Er präsentiert das der Kommission, die Mitglieder diskutieren das, stellen Fragen. Am Ende wird abgestimmt. Es ist eine gründliche, seriöse Prüfung jeder Akte. Wenn ein Fall auftritt, den die Kommission nicht lösen kann oder wenn es sich um einen Präzedenzfall handelt, tritt das Plenum aus allen 30 Mitgliedern zusammen. Alle Mitglieder sind Freiwillige, sie bekommen manchmal Akten mit Hunderten von Seiten, sie treffen Zeugen. Kurzum: Sie leisten eine enorme Arbeit. Und am Ende müssen sie einen klaren Strich ziehen und eine Entscheidung fällen in einer oft sehr komplexen Situation – ja oder nein. Ich beneide sie nicht.

Greifen Sie auch alte Fälle wieder auf?

Ja, wir können jetzt, nach mehr als 50 Jahren, einen Retter aus Hameln ehren, bei dem das damals, als es beantragt wurde, nicht möglich war. Damals hatten wir nur seine Aussage, dass er als Angehöriger des Postschutzes eine Familie in Krakau gerettet hat, aber es gab dafür keine Belege. Heute können wir über das Internet im Yad-Vashem-Archiv, in anderen Archiven und sozialen Netzwerken nach dem Namen der Geretteten suchen. In diesem Fall haben wir die Familie und ihre Zeugenaussagen gefunden, einer der Geretteten lebt noch, ist Musiker in New York. Er war damals noch ein Kind. Nun kann die Zeremonie mit den Nachkommen des Retters stattfinden. Das ist sehr bewegend.