Prozess in Berlin

Prozessauftakt: Kinder mit Fleischklopfer geschlagen

Jahrelang lebten die Töchter in Angst vor ihren gewalttätigen Eltern. Nun steht das Ehepaar vor Gericht und muss sich verantworten.

Christina N. war nach eigenen Angaben fast 20 Jahre lang eine engagierte und allseits anerkannte Elternvertreterin und Nachhilfelehrerin. Im mehr als krassen Gegensatz dazu steht allerdings die Meinung ihrer eigenen Töchter über die pädagogischen Fähigkeiten der Mutter. Was die heute 17 und 22 Jahre jungen Frauen in der Schule und bei der Polizei über die häuslichen Verhältnisse und die mehr als ein Jahrzehnt praktizierten Erziehungsmethoden ihrer Eltern berichteten, hat die Berliner Staatsanwaltschaft veranlasst, Christina N. (57) und ihren drei Jahre jüngeren Ehemann Klaus wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen anzuklagen. Seit Montag steht das Hellersdorfer Ehepaar vor Gericht.

13 bis 15 Jahre lang, so genau lässt sich das nicht mehr sagen, bestand die Erziehung der Töchter vor allem im Verabreichen von Prügel. Jahrelang soll diese Methode zwei- bis dreimal pro Woche zur Anwendung gekommen sein. 1460 Einzeltaten wirft die Staatsanwaltschaft Christina N. vor, 600 Taten ihrem Ehemann. Entsprachen die schulischen Leistungen der Töchter nicht den Erwartungen der Mutter, gab es Prügel. Erfüllten die Mädchen nicht die ihnen auferlegten häuslichen Pflichten, gab es Prügel. Wurde bei den gemeinsamen Mahlzeiten der Teller nicht leer gegessen, gab es Prügel. Ungewollt zynisch klingt eine Formulierung in der Anklageschrift, mitunter seien die Töchter auch aus nichtigen Gründen verprügelt worden.

Zum Einsatz gekommen sein sollen dabei „handelsübliche Haushaltsgegenstände“ wie Fleischklopfer, Pfannenwender oder Kochlöffel. Aber auch eine Holzlatte aus einem Lattenrost, eine Gardinenstange und sogar ein Krückstock sollen benutzt worden sein.

Mutter gesteht Schläge als Erziehungsmethode

Die Eltern, insbesondere die Mutter als treibende Kraft hätten über viele Jahre hinweg „ein Klima der Angst, Unterdrückung und Gewalt“ geschaffen, heißt es in der Anklage. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft trägt die schaurigen Details des Martyriums nüchtern und sachlich vor. Die ältere Tochter, die am Montag als erste Zeugin aussagen muss, hat dagegen größere Probleme, die brutalen und überaus demütigen Details der elterlichen Erziehungsmaßnahmen zu schildern.

Was die Angeklagte Christina N. zur Sache zu sagen hat, trägt sie in einer vorbereiteten, vom Blatt abgelesenen Erklärung vor. Ja, sie habe ihre Töchter geschlagen, was sie im Nachhinein bedauere. Aber nur selten und immer dann, wenn alle anderen Maßnahmen nicht gefruchtet hätten. Im Übrigen habe sie nach wie vor ein gutes Verhältnis zu den Töchtern und könne sich nicht erklären, wie diese derartige Vorwürfe erheben könnten, trägt die Frau vor, die wegen der Schwere der Vorwürfe in Untersuchungshaft sitzt.

Ihr Ehemann, seit 15 Jahren Frührentner und erwerbsunfähig, sagt zur Sache zunächst nichts, äußerst sich aber ausführlich zu seiner Person. Der 54-Jährige hat in der Tat eine Mitleid erzeugende Leidensgeschichte. Amputation des linken Beines, mehrere Schlaganfälle und ein Suizidversuch gehören dazu. Die Medikamente, die er einnehmen muss, machen ihn aggressiv, sagt Klaus N. Sollten die Vorwürfe gegen ihn zutreffen, wäre das unter Umständen eine Erklärung dafür, das er nicht nur auf die Töchter eingeprügelt sondern sie dabei auch mit Begriffen wie „Nutte“ oder „Mistvieh“ beschimpft haben soll.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.