Berlin

Autoclub will Extra-Straßen für Radfahrer

Umfrage unter ADAC-Mitgliedern: Mehrheit spricht sich für besseres Angebot bei Bus und Bahn aus

Dieses Votum überrascht: Die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs (ADAC) wünschen sich mehr Platz für Fahrradfahrer auf Berlins Straßen. Das ergab eine repräsentative Befragung von 500 Vereinsmitgliedern, die am Donnerstag vorgestellt wurde. Die Studie wurde vom Marktforschungsinstitut Forschungswerk erstellt. Die Ergebnisse befeuern die Diskussion um den knappen Verkehrsraum in Berlin, die durch die Bürgerinitiative „Volksentscheid Fahrrad“ ausgelöst wurde. Die Befragung belegt, wie angespannt die Verkehrsituation ist. Denn 56 Prozent der 731.000 ADAC-Mitglieder wollen, dass Radfahrern mehr Raum zur Verfügung gestellt wird. Dabei fahren nur zwölf Prozent der Mitglieder selbst täglich Rad. Tendenziell stimmten besonders viele Jüngere dafür, die Situation der Radfahrer zu verbessern. Um das umzusetzen, sprachen sich zwei Drittel der Befragten für den Ausbau von Fahrradstraßen etwa durch Wohngebiete, getrennt von den Hauptstraßen, aus.

Diese Parallelstraßen zu den Hauptachsen seien baulich gut realisierbar, sagte Volker Krane, Vorstand für Verkehr des ADAC Berlin-Brandenburg. In einem derart geschlossenen Netz aus Fahrradstraßen könnten zumindest streckenweise Abbiegeunfälle vermieden werden. Es erhöhe die Verkehrssicherheit und sei die effektivste Maßnahme, um den Verkehr zu harmonisieren, heißt es in den Forderungen des ADAC, die auf den Umfrageergebnissen basieren. „Die Fahrradstraßen bleiben aber ein Angebot“, so Volker Krane. „Es soll kein Zwang bestehen, sie zu benutzen.“

Eine Mehrheit ist gegen grüne Welle für Radfahrer

Zwei Meter breite Fahrradstreifen bei gleichzeitigem Erhalt der Busspuren lehnte etwa die Hälfte der Befragten ab. Deutlicher war das Urteil gegen die viel diskutierte grüne Welle für Radfahrer: 73 Prozent wollen sie nicht.

Neben dem Fahrrad wurden auch Meinungen zur zukünftigen Rolle des Autos in der Innenstadt Berlins abgefragt. Zwei Drittel der Mitglieder besitzen ein Auto, für die Mehrheit ist es unverzichtbar. Lediglich sieben Prozent gaben an, ganz ohne Auto auszukommen, darunter besonders viele Männer zwischen 40 bis 49 Jahren. 82 Prozent waren der Auffassung, dass der Autoverkehr sowohl für die Wirtschaft als auch für die Lebensqualität relevant ist. Der ADAC fordert grüne Wellen für Autos und Busse, die fließenden Verkehr ermöglichen sollen. „Die Vorrangschaltung für Busse ist kein Allheilmittel“, sagt Krane. Sie teile Verkehrsströme in gut und böse und habe nicht dafür gesorgt, dass Bus und S-Bahn schneller vorankommen.

Leistungsfähige Hauptstraßen müssen nach Ansicht des ADAC bestehen bleiben, um Schleichverkehr durch Wohngebiete zu vermeiden. Daneben sollen weiterhin alle Berliner mit dem Auto uneingeschränkt in und durch die Innenstadt fahren können. bNeun von zehn Befragten wollen außerdem die bestehenden Parkplätze in der Innenstadt erhalten. „Parkplätze dürfen erst dann angetastet werden, wenn entsprechende Alternativen etabliert sind“, so Krane.

Parkplätze für Pendler reichen bei Weitem nicht aus

Drei Viertel der ADAC-Mitglieder gehen davon aus, dass autofahrende Berufspendler auf Bus und Bahn umsteigen würden, wenn das Angebot attraktiv genug wäre. Das spiegele den Kurs des Vereins in den letzten Jahren wider, so Krane. „Wir haben nie gesagt, dass wir uns Veränderungen entgegenstellen, die Umstiegsbereitschaft auf andere Verkehrsmittel ist ja gegeben.“ Deshalb fordert der ADAC genügend Park-and-ride-Parkplätze am Stadtrand. Dies sei eine Grundvoraussetzung für die spürbare Entlastung der Innenstadt vom Autoverkehr.

„Wir bemühen uns mit wenig Erfolg seit Jahren darum, den Pendlern das Umsteigen von ihren Fahrzeugen in den ÖPNV zu ermöglichen“, sagt Volker Krane. Die existierenden Parkplätze würden aber bei Weitem nicht ausreichen. Ohnehin müsse das Thema länderübergreifend koordiniert werden: „Wir erwarten dringend, dass sich die Berliner und Brandenburger Landesregierungen zusammensetzten und ein gemeinsames Konzept erarbeiten.“ Das sei eine einmalige Chance, da beide Regierungen zur Zeit ihre Mobilitätsstrategien entwickeln.

Was die Zuständigkeit angeht, ist sich eine große Mehrheit einig: 87 Prozent der Befragten sehen den Berliner Senat in der Verantwortung. Er soll dafür sorgen, dass Berliner auch zukünftig die Entscheidungsfreiheit zwischen Auto und anderen Verkehrsmitteln haben.

Zwei Drittel der Befragten kannten die Kampagne des „Volksentscheids Fahrrad“. Der Gesetzesvorschlag fordert eine Reihe Verbesserungen für Fahrradfahrer bis 2025. Über ihn soll parallel zur Bundestagswahl 2017 abgestimmt werden. „Teile der Forderungen begrüßen auch wir“, sagt Volker Krane.

Jörg Becker, Leiter für die Bereiche Verkehr und Technik des ADAC Berlin-Brandenburg, meint, es herrsche eine Grundnervosität unter den Berliner Verkehrsteilnehmern. Volker Krane plädiert für Kompromissbereitschaft und Verständnis auf allen Seiten. „Es ist nicht förderlich, einzelne Gruppen gegeneinander auszuspielen.“