Kriminalität

Im Kleinen Tiergarten herrscht Angst

Die Polizei registriert einen deutlichen Anstieg des Drogenhandels und der Kriminalität in der Grünanlage in Moabit.

Polizisten sind auch am Mittwoch im Kleinen Tiergarten im Einsatz gegen Drogenhändler

Polizisten sind auch am Mittwoch im Kleinen Tiergarten im Einsatz gegen Drogenhändler

Foto: Reto Klar

Seit Monaten schon sorgt der Kleine Tiergarten für negative Schlagzeilen. Drogenhandel, Gewaltkriminalität und Diebstähle sind offenbar Alltag in der schmalen, aber lang gezogenen Grünanlage zwischen Turmstraße und der Straße Alt-Moabit. Die aktuellen Zahlen, die zur Kriminalitätsentwicklung in dem Berliner Park vorliegen, erscheinen beängstigend, Bezirk und Polizei sind alarmiert. „Wir müssen alles tun, dass der Kleine Tiergarten nicht zum Görli zwei wird“, sagte Mittes Bürgermeister Christian Hanke (SPD) am Mittwoch.

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Für die Polizei ist das Areal inzwischen ein kriminalitätsbelasteter Ort. Seit Herbst vergangenen Jahres hätten die Fallzahlen zur Drogenkriminalität im Kleinen Tiergarten „auffällig zugenommen“, teilte Karsten Gräfe, der Leiter des zuständigen Polizeiabschnitts, bei einer Bürgerversammlung Anfang Juni mit. Gleiches gilt für die kriminellen Begleitumstände, die sich üblicherweise an stark frequentierten Drogenumschlagplätzen zeigen. In einzelnen Deliktbereichen haben sich die Zahlen verdreifacht. Registrierte die Polizei im ersten Halbjahr 2015 noch 61 Gewaltdelikte, waren es im gleichen Zeitraum 2016 bereits 199. Bei Taschendiebstählen gab es einen Anstieg von 43 auf 135 Taten.

Erst am Mittwochnachmittag rückte ein großes Polizeiaufgebot an. Eine Messerstecherei, deren Hintergründe noch unklar sind, war der Anlass. In der vergangenen Woche lieferten sich 20 rivalisierende Drogenhändler eine Massenschlägerei. Und Anfang des Monats wurde ein Anwohner auf dem Heimweg von einem Dutzend Männern zusammengeschlagen. Einfach so, weil er das Angebot, Drogen zu kaufen, abgelehnt hatte.

Angestammte Händler haben Konkurrenz bekommen

Regelmäßige Polizeieinsätze, oft mehrmals am Tag, gibt es vor allem am westlichen Ende des Kleinen Tiergartens. Das liegt genau zwischen dem nördlichen und südlichen Eingang zum U-Bahnhof Turmstraße. Drogen wurden hier schon immer verkauft. Doch inzwischen ist die Zahl der Dealer deutlich gestiegen. Die angestammten Händler haben Konkurrenz bekommen. Dabei handele es sich überwiegend um Asylbewerber afrikanischer Herkunft. Der Verdrängungswettbewerb führe auch dazu, dass sich der Drogenhandel inzwischen vor allem in den Abendstunden auf den gesamten Park ausgedehnt habe, so Ermittler.

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Dabei ist der größte, östlich der Stromstraße gelegene Teil der Anlage erst im Frühjahr dieses Jahres wieder freigegeben worden. Zuvor war er aufwendig umgestaltet worden. Bäume wurden gefällt, Büsche gerodet. Der Kleine Tiergarten sollte, wie viele andere von Drogenhandel und Kriminalität betroffene Grünanlagen der Stadt, offener und durchsichtiger gestaltet werden, eben um den Drogenhandel zu erschweren. Tagsüber macht zumindest der größte Teil der Anlage jenseits des Brennpunktes am westlichen Ende einen eher friedlichen Eindruck, doch abends trauen sich viele Anwohner nicht mehr hinein.

Geschäftsleute klagen über Belästigungen durch Dealer

Denn Raubüberfälle und Diebstähle, dazu Massenschlägereien zwischen rivalisierenden Drogenbanden, beunruhigen die Moabiter Bevölkerung zutiefst. Anwohner erzählten der Berliner Morgenpost, dass sie vor allem abends nicht mehr in den Kleinen Tiergarten gingen. Andere Befragte, darunter vor allem Mütter mit Kindern, sagten deutlich, sie würden den Park nicht mal mehr am Tag betreten. Auch Geschäftsleute sind unzufrieden. Sie sprechen, zumeist anonym, von erheblichen Belästigungen durch Drogenhändler. Offen äußert sich Ayni Dajon, der seit 17 Jahren das „Café am Park“ betreibt. Früher hätten die Gäste bis um Mitternacht bei ihm gesessen, heute würden sie gehen, sobald es dunkel wird, klagt Dajon.

Die Polizei habe inzwischen ein Konzept entwickelt, um „den Park für alle zurückzugewinnen“, sagte Abschnittsleiter Gräfe. Seitens der Polizei besteht es aus mehr gezielten Einsätzen, verstärkter Streifentätigkeit und Maßnahmen, die aus taktischen Gründen nicht im Detail an die Öffentlichkeit gelangen müssen. Aber die Fachleute des zuständigen Abschnitts haben Anwohnern gegenüber bereits Zweierlei deutlich zum Ausdruck gebracht: Die Polizei kann es ohne die Hilfe der Bevölkerung nicht schaffen, und alle Beteiligten brauchten einen langen Atem.

Wie die Mithilfe der Bevölkerung aussehen könnte, zeigt eine Bürgerinitiative in Moabit, der der Kleine Tiergarten nach wie vor am Herzen liegt, wie ein Sprecher betont. Die Mitglieder stellen sich für den Brennpunkt am westlichen Ende der Grünanlage einen „Multifunktionspark“ vor. Regelmäßige Wochenmärkte und Kiezfeste könnten den unliebsamen Teil der Parkbesucher vertreiben, ist die Idee der Initiatoren.