Forstwirtschaft

Die Frau aus den Berliner Wäldern

Annabelle Winter ist eine von derzeit 20 Frauen, die als gelernte Forstwirtinnen in Berlins Wäldern bei Wind und Wetter mit anpacken.

Zielsicher hält Forstwirtin Annabelle Winter die Motorsäge an die Kiefer, die im Beisein von Forstwirtschaftsmeister Dietmar Weber fällt

Zielsicher hält Forstwirtin Annabelle Winter die Motorsäge an die Kiefer, die im Beisein von Forstwirtschaftsmeister Dietmar Weber fällt

Foto: Krauthoefer

Der Baum muss weg. Annabelle Winter klappt das Visier des orangefarbenen Schutzhelms herunter und zieht sich den Gehörschutz über die Ohren. Schnell noch ein Schluck Wasser, dann geht es los. Die 24-jährige greift zur Motorsäge. Ohne zu zögern hält Annabelle das Sägeblatt zielsicher genau an die Stelle der Kiefer, die sie mit Forstwirtschaftsmeister Dietmar Weber für die Fallkerbe ausgesucht hat. Die Fallkerbe ist ein spezieller Anschnitt auf der Seite, auf die der Baum später fallen soll, nachdem auch noch auf der anderen Seite ein zweiter Schnitt gemacht wurde. „Die Kiefer ist tot und deshalb ein Sicherheitsrisiko“, sagt Förster Johannes Mies, kommissarisch der Leiter des Reviers Grünau. Der Baum drohte auf die Gleise für den geplanten Zubringer nach Schönefeld zu stürzen. Damit die Strecke frei bleibt, muss die Kiefer gefällt werden.

Diese Arbeit - ob zum Zwecke der Verkehrssicherheit an Gleisen, Straßen oder Wegen oder im Sinne des Durchforstens zugewachsener Waldstücke, ist eine der Aufgaben, denen sich Forstwirtin Annabelle Winter widmet. Bei Wind und Wetter, zu jeder Jahreszeit. Und das mit spürbarer Begeisterung.

„Ich mache diesen Job total gern“, sagt die 24-Jährige, die nach dem Abschluss ihrer Ausbildung jetzt als Forstwirtin im Revier Grünau arbeitet. „Den ganzen Tag im Büro sitzen? Nein“, Annabelle Winter, lacht und ergänzt, „das wäre nichts für mich. Das Arbeiten in der Natur macht mir total Spaß“, betont sie noch im Gespräch bei der Frühstückspause in der idyllisch gelegenen Revierförsterei an der Regattastraße 192 in Grünau, die im Übrigen von einer der drei in Berlin tätigen Försterinnen geleitet wird. Sie wird gerade kommissarisch von Förster Mies vertreten.

Im Sommer beginnt der Arbeitstag um 6.30 Uhr

Es ist kurz nach 9 Uhr an diesem Sommertag, als wir der jungen Forstwirtin zunächst beim Kaffee begegnen. Zwei Bäume hat Annabelle Winter mit ihren Kollegen Forstwirt Gerald Eichhorn und Forstwirtschaftsmeister Dietmar Weber bereits gefällt, als sie sich im mit Kaffee und Stullen stärkt. „Wir fangen im Sommer schon um 6.30 Uhr an“, sagt Annabelle Winter. Von ihrer Wohnung in Neukölln sei sie zum Glück in 20 Minuten in Grünau. Wobei sie sich schon überlege, langfristig auch ins Grüne zu ziehen. „Wenn ich von der Arbeit in die Stadt zurückkomme, fällt mir jetzt richtig auf, wie viele Menschen da rumwuseln, wie viele Autos fahren und welche Hektik dort herrscht“, sagt Winter. Die Ruhe im Grünen liegt ihr offenbar mehr. Zu schaffen macht ihr die Hitze. „Im Sommer ist es am schlimmsten“, sagt Annabelle Winter. Wegen der vorgeschrieben Kleidung für die Arbeit mit der Motorsäge kommt die Forstwirtin bei sommerlichen Temperaturen ganz schön ins Schwitzen.

Die Schnittschutzhose aus mehreren Lagen ist nicht nur schwer, sondern auch dick, die klobigen Schnittschutzschuhe wegen der Stahlkappe und des speziellen Schutzgewebes ebenso. Mit Helm und Ohrenschutz wird es dann wahrhaft rundum warm. Denn körperlich anstrengend ist die Arbeit natürlich auch. Doch, wie gesagt, dass ist nicht das Problem dieser zupackenden Frau.

Annabelle Winter ist eine der 20 Forstwirtinnen, die aller Gleichberechtigung zum Trotz gegenüber den derzeit etwa 140 männlichen Kollegen noch immer in der Minderheit sind. Im neuen Lehrjahr, das gerade begonnen hat, sind immerhin die Hälfte der 24 Auszubildenden Frauen. Für die Berlinerin ist das jedoch kein Thema, wie sie sagt. „Ich komme mit den Jungs gut klar“, antwortet die patente Forstwirtin auf die Frage nach dem Frauenanteil. Und Förster Mies ergänzt sofort, „Frau Winter packt sehr gut mit an“.

So eben auch heute beim Baumfällen oder vergangene Woche beim Bauen eines neuen Hochsitzes. Auch das Pflanzen und Einbringen junger Bäume in die Erde und dann zu sehen , wie sie wachsen, mache ihr sehr viel Spaß, sagt Annabelle Winter. Zu ihren Aufgaben zählt zudem das Errichten von Schutzzäunen oder auch der Beschnitt von Waldwegen. Die Idee, Forstwirtin zu werden, kam ihr während eines Praktikums. „Früher wollte ich immer einen Ponyhof haben“, sagt die Berlinerin, die seit drei Jahren im Umland ein eigenes Pferd hat. Nach der 12. Klasse absolvierte die Schülerin des Paulsen Gymnasiums in Steglitz für ihr Fachabitur ein Freiwilliges Ökologisches Jahr. „Es gab mehrere Möglichkeiten und ich habe mich für ein Praktikum in einem Forstrevier entschieden.“ Das Draußensein sei ihr schon immer wichtig gewesen.

Ausbildungszeit wurde wegen Praktikums verkürzt

Im Revier Dreilinden kam sie dann auf den Geschmack. „Ich habe dort gelernt, was alles zu den Aufgaben einer Forstwirtin gehört und wusste gleich, das ist was für mich.“ Wegen ihrer praktischen Erfahrungen im Forstrevier wurde die ursprünglich dreijährige Ausbildungszeit auf zwei Jahre verkürzt. Jetzt hat sie erst mal eine auf zwei Jahre befristete Stelle. „Die Lust bei jedem Wetter, ob Sonne, Regen oder auch strenger Kälte draußen praktisch zu arbeiten und eine Liebe zur Natur sollte man schon haben“, antwortet Annabelle Winter auf die Frage, was Interessierte an der Ausbildung zur Forstwirtin mitbringen sollten. Für Annabelle Winter war es die richtige Entscheidung. Sie sagt: „Das ist der beste Beruf, den ich mir im Moment vorstellen kann.“

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Ausbildungsorte Die Berliner Forsten haben vier Ausbildungsreviere (Revier Rahnsdorf, Revier Tegelsee, Revier Eichkamp und Revier Blankenfelde).

Ausbildung Die Ausbildung zum Forstwirt erfolgt im Dualen System sowohl in einem der auszubildenden Forstreviere als auch in der Berufsschule. Dauer der Ausbildung sind in der Regel drei Jahre. Bei zuvor erfolgtem Freiwilligen Ökologischen Jahr im Forstrevier oder nachweisbaren besonderen Erfahrungen und Kenntnissen kann die Ausbildung auf zwei Jahre verkürzt werden.

Berufsschule Die Berufsschule für künftige Forstwirte befindet sich an der Peter-Lenné–Schule, OSZ Agrarwirtschaft, Hartmannsweilerweg 29 in Zehlendorf.

Verdienst Auszubildende verdienen im 1. Lehrjahr 853.82 Euro, im 2. Lehrjahr 907,15 Euro, im 3. Lehrjahr 956,05 Euro. Nach der Lehre beträgt das Einstiegsgehalt 2131,44 Euro. Aufstiegsmöglichkeiten bestehen zum Forstwirtschaftsmeister/in oder Studium zum Förster/in