Medizin

Bessere Versorgung bei Schlaganfall

In den kommenden Monaten werden zwei neue Schlaganfallmobile eingeweiht. Sie sollen Kranke schon auf dem Weg in die Klinik versorgen.

Der weltweit erste Schlaganfall-Notarztwagen ist mit einer besonderen Technik ausgerüstet. So wird Patienten auf dem Weg ins Krankenhaus geholfen.

Der weltweit erste Schlaganfall-Notarztwagen ist mit einer besonderen Technik ausgerüstet. So wird Patienten auf dem Weg ins Krankenhaus geholfen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Stephanie Pilick / picture alliance / dpa

„Zeit ist Hirn“ – diesen eingängigen Slogan nutzen Mediziner, um klar zu machen: Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Je früher der Patient seine Therapie bekommt, desto größer ist die Chance, dass er später ohne oder nur mit geringen Behinderungen leben muss. Um Patienten schnell behandeln zu können, fährt in Berlin seit 2011 das Schlaganfall-Einsatzmobil („Stemo“) zu Patienten mit einem akuten Schlaganfall. Das aufwendig gefederte Fahrzeug hat für die Diagnose empfindliche Elektronik, einen Computertomografen und ein Kleinlabor an Bord und als zusätzliches Personal einen Facharzt für Neurologie. Die Besatzung führt schon vor dem Transport in eine der 14 Spezialstationen der Stadt („Stroke Units“) die Diagnose durch und beginnt bei den meisten Patienten mit der Therapie.

Therapie beginnt so 33 wertvolle Minuten früher

In den meisten Fällen hat ein Blutgerinnsel ein Blutgefäß verstopft, deshalb wird ein Teil des Gehirns nicht mit Sauerstoff versorgt. Dieses Blutgerinnsel wird schon auf dem Weg in die Klinik im Stemo mit einem gerinnungshemmenden Medikament aufgelöst. Diese Therapie beginnt so 33 wertvolle Minuten früher, wie eine neue Studie von Medizinern der Charité um Professor Heinrich Audebert, Ärztlicher Leiter der Klinik für Neurologie der Charité (Standort Benjamin Franklin) zeigt.

Bislang fuhr nur ein Stemo – lange im Rahmen eines Forschungsprojektes – zu den Berliner Schlaganfallopfern, nur etwa ein Drittel der Stadt konnte abgedeckt werden. Doch die Vorteile des Fahrzeugs hat die Senatsinnenverwaltung überzeugt. Sie ist für die Feuerwehr und die Rettungsdienste zuständig und will nach Informationen der Berliner Morgenpost zwei weitere dieser Fahrzeuge ordern. Mit insgesamt drei Stemos sollen dann ab dem kommenden Jahr Berliner in allen Bezirken von der schnellen Versorgung profitieren.

Jedes Mobil kostet fast eine Million Euro im Jahr

Das erste jetzt als reguläres Rettungsmittel fahrende Stemo ist an der Feuerwache Wilmersdorf stationiert. Ein zweites Fahrzeug wird noch im Herbst durch eine Rettungsstelle in Marzahn genutzt werden können, sagte Audebert der Berliner Morgenpost. Ein drittes Mobil folgt dann im Jahr 2017. Es wird ebenfalls an einer Feuerwache stationiert – welche, das ist noch offen. „Die drei sollen räumlich möglichst gut verteilt sein, um alle Regionen der Stadt abzudecken. Im Idealfall bilden die Standorte ein gleichseitiges Dreieck“, sagt Audebert.

Das aktuelle Schlaganfall-Einsatzmobil rückt täglich bis zu sechs Mal aus, es ist mit 962.000 Euro Betriebskosten pro Jahr fast eine halbe Million Euro teurer als ein normaler Rettungswagen. Die Anschaffungskosten von einer Million Euro sind dabei aber schon eingerechnet. In der Vergangenheit haben die Krankenkassen Zweifel daran angemeldet, ob die durch das Fahrzeug eingesparte Zeit bis zur Therapie den Patienten tatsächlich einen praktischen Nutzen bringt, nämlich weniger Behinderungen. Die Krankenkassen interessiert das naturgemäß, weil die Senatsinnenverwaltung die Kosten von jedem Transport mit ihnen abrechnet.

Forscher haben 658 Berliner Patienten betrachtet

Die Forscher um Audebert haben die Frage nach dem Nutzen in ihrer aktuellen vierjährigen Studie untersucht. Betrachtet haben sie 658 Berliner Patienten. Knapp die Hälfte von ihnen wurde im Stemo transportiert und erstbehandelt, die anderen brachte ein normaler Notarztwagen in die Charité, wo die Behandlung im Durchschnitt 33 Minuten später begann.

Die Studie zeigte, dass 53 Prozent der im Stemo versorgten Patienten drei Monate später allenfalls ganz minimale Einschränkungen hatten – Stufe eins von sieben Stufen (0 bis sechs), bei den konventionell behandelten waren es nur 47 Prozent. Mit Stemo gibt es also etwas weniger Behinderungen. Nimmt man Patienten mit Behinderungen der Stufen 0 bis 3, dann profitieren die im Stemo behandelten deutlich gegenüber den konventionell versorgten Patienten.

Einige Fragen bleiben aber offen, räumt Audebert ein. Denn nach strengen wissenschaftlichen Maßstäben sind beide betrachteten Gruppen nicht wirklich gut zu vergleichen. Das soll sich ab 2017 aber ändern. Dann wird es eine Folgestudie geben und die drei Stemos werden das ganze Stadtgebiet abdecken. Dann lässt sich der Nutzen der Mobile statistisch sauber beurteilen.

In Berlin erleiden jedes Jahr gut 12.000 Menschen einen Schlaganfall, meist wegen eines Blutgerinnsels, seltener wegen einer Hirnblutung. Ein Drittel stirbt, ein weiteres Drittel muss mit Behinderungen leben.