Chorprojekt

Slow Motion an der Bahnsteigkante am Berliner Hauptbahnhof

Ein ungewöhnliches Chorprojekt will eine neue Willkommenskultur schaffen. Und fängt dabei gleich mal am Hauptbahnhof in Berlin an.

Hier probt der Chor "Sing along, Berlin" am Freitagnachmittag am Berliner Hauptbahnhof

Hier probt der Chor "Sing along, Berlin" am Freitagnachmittag am Berliner Hauptbahnhof

Foto: Jörg Krauthöfer

Hauptbahnhof, Sonntagnachmittag. Reisende kommen mit schweren Koffern aus dem Urlaub zurück, Ausflügler hieven ihr Rad aus der Regionalbahn, verspätete Fußballfans steuern bierselig Richtung S-Bahn in freudiger Erwartung des ersten Bundesliga-Spiels ihrer Hertha. Ein Geräuschteppich aus Lautsprecheransagen, klappenden Zugtüren, Abfahrsignalen, Bremsgeräuschen und Rollkoffer-Geschepper liegt über dem geschäftigen Treiben. Und dann das.

Eine Gruppe singender Menschen mischt sich unter die Reisenden. Auf dem Bahnsteig, auf der Treppe, überall tauchen die Sänger auf einmal auf. Sie winken, lächeln, strecken die Arme aus. Sie stimmen Begrüßungslieder an, „You are here, we are here“ und „Sing along“ heißt es da, sie laden die Reisenden zum Mitsingen ein. Mancher Reisende stellt sogar kurz seinen Koffer ab, lässt sich von einem singenden Mädchen umarmen oder doch zumindest die Hand geben. Andere reihen sich ein in den Chor, lassen sich zur großen Bühne auf der Hauptebene führen, fallen in den Refrain mit ein.

So stellen sich die Macher des Chorprojekts „Sing along, Berlin“ jedenfalls vor, was am Sonntagnachmittag am Hauptbahnhof passieren soll. Was tatsächlich geschieht, wissen sie noch nicht. Es gibt zwar eine grobe Struktur zum Ablauf, aber der Auftritt hat eher Flashmob-Charakter, er lebt vor allem von der Reaktion des Publikums.

Bunter kann ein Chor kaum sein

Chorleiter Michael Betzner-Brandt hat zwar schon viel Erfahrung mit ungewöhnlichen Chören, er hat zum Beispiel den „Ich kann nicht singen“- und den Begegnungschor mit Flüchtlingen geleitet. Doch dieser Chor ist auch für ihn eine neue Erfahrung. 160 Sänger, teils mit, teils ohne Gesangserfahrung, zwischen zehn und 68 Jahren, zusammenzubringen ist ja ohnehin schon eine Herausforderung, „nein, eine Chance“, sagt er. Aber sie alle am Hauptbahnhof singen zu lassen? „Der Bahnhof ist ein Monster, die Menschen sind unterwegs, es ist laut, und dann kommen wir und singen.“ Der Hektik des Reisens setzt der Chor mit seinen eher ruhigen Liedern und den großen Gesten ein Innehalten entgegen. Slow Motion an der Bahnsteigkante.

Eine Woche lang hat der Chor in der Philharmonie geprobt. Auf die Beine gestellt wurde das freie Projekt von iQult, einer Agentur, die bereits viele ungewöhnliche Musikprojekte umgesetzt hat. Die Finanzierung sicherte die PwC-Stiftung für Jugend, Bildung, Kultur mit 50.000 Euro, die Teilnehmer haben dazu eine Pauschale von etwa 50 bis 100 Euro entrichtet, für Berlinpass-Inhaber waren es fünf Euro. Unter Anleitung von Chorleitern, Musik-, Bewegungs- und Theaterpädagogen, mit Unterstützung von Singpaten des Rundfunkchors Berlin haben die 160 Laiensänger, darunter auch einige Flüchtlinge, von morgens bis abends geprobt, um jetzt das Ergebnis nach draußen zu tragen, in den öffentlichen Raum.

An einem ungastlichen Ort soll ein Moment der Begegnung entstehen

Sie treten am Sonnabend auf dem Kulturforum vor Beginn des Open-Air-Konzerts der Berliner Philharmoniker auf. Am Sonntag geht es dann zum Hauptbahnhof. Von verschiedenen Positionen im Bahnhof finden sich die Chorgruppen schließlich bei der Bühne des derzeit laufenden Tango-Festivals am Hauptbahnhof zusammen und singen dort gemeinsam mit dem Rias Kammerchor. Danach fahren sie weiter zum Bundesfinanzministerium, wo sie im Rahmen des Tages der offenen Tür auftreten. Am Montag sind sie dann noch einmal im Hauptbahnhof.

Die Idee zu „Sing along, Berlin“ entstand bereits vor einem Jahr, „eigentlich noch bevor das Thema ,Willkommen‘ so aktuell wurde“, erklärt Ingrid Allwardt von der Agentur iQult. Ziel sei es, an einem eher ungastlichen Ort ein Moment der Begegnung zu stiften, „Reisende abzuholen, sie in eine emotionale Situation einzuladen und sie zu berühren „Die Herausforderung liegt darin zu erkennen, wie man auf welchen Menschen zugehen kann.“ Das beginnt nicht erst am Hauptbahnhof, sondern eigentlich schon mit dem Projekt selbst. Die meisten der 160 beteiligten Laiensänger haben sich vorher nie gesehen, hätten aufgrund ihres Altersunterschieds, der verschiedenen sozialen oder kulturellen Herkunft wohl auch kaum Berührungspunkte. Und doch lässt sich bei der Probe schnell sehen, wie eng die Gruppe hier zusammengewachsen ist. Als sie die Begegnungen am Bahnsteig im Foyer der Philharmonie simulieren, liegen sie sich in den Armen, klatschen sich ab, fassen sich an den Händen, als wären sie schon lange miteinander vertraut.

Es ist nicht jedermanns Sache, von einem Fremden umarmt zu werden

Für den 49-jährigen Farid eine schöne Erfahrung: „Ich singe sehr gern, aber bisher nur unter der Dusche oder vor meinen Kindern“, in einem Chor war er noch nie, zu diesem Projekt hat ihn seine Frau angemeldet. Was ihn hier erwartet, wusste er nicht, aber nach vier Tagen Probenarbeit „bin ich überrascht, was alles zwischen uns passiert, wie gut die Chemie ist.“ Und Mohammed (28) freut sich darüber, wie die Profis die Anfänger unterstützen: „Ich konnte vorher keine Noten lesen, jetzt geht es schon ganz gut“, erzählt er. Auch die zwölfjährige Carolina, eine der jüngsten Teilnehmerinnen findet es schön, dass die Gruppe so bunt ist, aber aufgeregt ist sie doch vor dem Auftritt in der Öffentlichkeit: „Ich weiß ja nicht, wie die Leute reagieren. Ich glaube ich würde wegrennen, wenn mich einer umarmen wollte.“

Etwa 40 Prozent der Laiensänger haben kaum oder gar keine Erfahrung im Chor. Für Michael Betzner-Brandt ist das kein Problem. „Ich arbeite mit dem, was da ist“, sagt er und ist ohnehin überzeugt: „Jeder kann singen.“ Menschen, die vorher nicht in einem Chor gesungen haben, würden oft unbefangener an die Musik herangehen, und die Arbeit mit so vielen unterschiedlichen Menschen würde neue Energien freisetzen: „Es gibt ein ganz anderes Feeling für Musik, das ist cool.“

Eigens für das Projekt hat Betzner-Brandt, der auch Dozent für Chorleitung an der Universität der Künste ist, die „Sing along“-Hymne komponiert, die nicht nur Namensgeber ist, sondern zugleich auch eine Auseinandersetzung mit der Idee des Projekts. Die Stimmgeber singen da: „Kommt ihr euch dabei nicht ein bisschen albern vor?“ Der Chor erwidert: „Doch, doch, macht aber gar nichts.“ Die Stimmgeber haken nach: „Ach, hör doch auf, das klappt doch nie!“ Tapfer hält der Chor dagegen: „Doch, doch, sing along.“. Ob es wirklich „klappt“ und wie die Begegnungen mit dem Publikum tatsächlich aussehen wird, das zeigt sich erst an diesem Wochenende.

Auftritte von Sing along, Berlin

Kulturforum: Am Sonnabend, 17 bis 17.45 Uhr mischt sich der Chor auf dem Kulturforum am Matthäikirchplatz vor Beginn des Open-Air-Konzerts der Berliner Philharmoniker unter das eintreffende Publikum.

Hauptbahnhof: Am Sonntag läuft die Aktion zusammen mit dem Rias Kammerchor am Hauptbahnhof von 14.45 bis 16 Uhr, am Montag ohne Chor ab 15 Uhr.

Bundesfinanzministerium: Nach dem Auftritt am Sonntag auf dem Hauptbahnhof geht zum Tag der offenen Tür in den Garten des Bundesfinanzministeriums, wo die Wartenden vom Chor begrüßt werden sollen.

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