Stadtplanung

Die Begegnungszone Maaßenstraße steht vor dem Aus

Die Begegnungszone Maaßenstraße, im Oktober 2015 an den Start gegangen, sorgt weiter für Kritik. Jetzt wird sogar über Rückbau nachgedacht.

Steine des Anstoßes: Die Begegnungszone im Winterfeldtkiez sorgt für Unmut bei Anwohner und Geschäftsleuten

Steine des Anstoßes: Die Begegnungszone im Winterfeldtkiez sorgt für Unmut bei Anwohner und Geschäftsleuten

Foto: Amin Akhtar

Viele gute Worte gab es beim „Kiezgespräch zur weiteren Entwicklung der Begegnungszone Maaßenstraße“ über die Qualität der Neugestaltung nicht. Im Gegenteil: Der Umbau sei „völlig danebengegangen“ und käme aus städtebaulicher Sicht einer „Stadtzerstörung“ gleich, konstatierte der Architekt und Stadtplaner Walter Ackers, der 20 Jahre lang als Universitätsprofessor das Institut für Städtebau an der TU Braunschweig leitete.

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Der Umbau habe bestehende Qualitäten aufgelöst, ohne neue zu schaffen. Im Schöneberger Winterfeldtkiez, zu dem die Maaßen­straße gehört, kennt er sich gut aus, weil seine Familie inzwischen in sechster Generation dort lebt. „Die Straße ist ästhetisch abstoßend gestaltet, das Vorhaben ist piefig und infantil peinlich umgesetzt“, kritisierte ein Anwohner der nahen Winterfeldtstraße.

Es geht hauptsächlich um den Rückbau

Eingeladen zum Gespräch in den „hub:raum“ an der Winterfeldtstraße 21 hatten am Donnerstagabend die neue Initiative „Rolle rückwärts“ und der Blogbetreiber von „Nollendorfkiez.de“, Gregor Selle. „Politischen Stillstand vor den Wahlen wollen wir nicht hinnehmen. Die Anwohner erwarten Lösungen von der Politik“, so die Forderung.

Neben den Vertretern von CDU, SPD, Grünen, Linke und FDP saßen der Stadtplaner Ackers und Alexander Kraus, Vorstandsvorsitzender des Bundes der Steuerzahler Berlin e. V., auf dem Podium. Im Publikum waren Anwohner, Politiker und Gewerbetreibende. Es ging hauptsächlich um einen Rückbau oder zumindest um einen Teilrückbau. Und darum, wie die Zone mit Grün schöner werden könnte.

„Bänke stehen unnütz in der Gegend rum“

Selbst die Grünen, die in der BVV zusammen mit der SPD für eine Mehrheit zur Befürwortung des Projekts gesorgt hatten, kritisierten, dass „die fast 30 Bänke völlig unnütz in der Gegend rumstehen, und die Spielgeräte eine ästhetische Beleidigung für jedes Kind“ sind. Es müsste mindestens einige Stellplätze für die Bewirtschaftung geben und auch einige Behindertenparkplätze, sagte Thomas Birk von den Grünen weiter. Auch die „schrecklichen Betondinger“ könnten weg. Beim Rückbau solle man aber auf die geplante Umgestaltung des Nollendorfplatzes warten.

Wie berichtet, wurde die Schöneberger Maaßenstraße zur ersten Begegnungszone Berlins umgebaut. Das Pilotvorhaben soll Modellcharakter für weitere Begegnungszonen in Berlin haben. Das Ziel war, dass „alle Verkehrsarten verträglich miteinander auskommen“, so die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, die das Projekt entwickelte.

Für den Autoverkehr gilt Tempo 20

Für den Autoverkehr gilt Tempo 20, die Radwege neben den Gehwegen wurden entfernt, Fußgängern wurden großzügige Zonen mit Bänken eingerichtet. Bunt bemalte Würfel grenzen die verengte und zudem verschwenkte Straße zu diesem Bereich ab. Die Parkplätze wurden abgeschafft. Gastronomen und Gewerbetreibende klagen deshalb schon lange über Umsatzeinbußen.

„Wir sehen das Elend täglich. Schon die Metallbänke, die im Sommer viel zu heiß zum Sitzen sind, sind eine Katastrophe“, sagte Klaus Lahme, Chef des Bekleidungsgeschäftes „Boyz ’r’ us“ an der Maaßen­straße 8. Er habe Stammkunden, die ihm trotz der fehlenden Parkplätze die Treue hielten. Die Laufkundschaft habe aber bei vielen um bis zu 40 Prozent abgenommen.

„Modellprojekt, um Erfahrungen zu sammeln“

Martin Pallgen, Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, wies die Kritik auf Anfrage der Berliner Morgenpost am Freitag als „vereinfachend und pauschalisierend“ zurück. „Die Begegnungszone ist nicht vom Himmel gefallen, sondern in einem breit angelegten Beteiligungsprozess mit den Anwohnerinnen und Anwohnern entstanden. Sie ist als Modellprojekt geplant, um Erfahrungen zu sammeln. Alle Welt redet von Shared Spaces und der gerechten Verteilung des Straßenlandes zwischen Fußgängern und Autofahrern. Berlin hat an der Maaßenstraße genau dieses Ziel verfolgt“, so Pallgen.

Dass diese neue Verteilung überhaupt nötig war, verneinte Stadtplaner Ackers: „Das ganze Quartier rund um den Winterfeldtplatz war bis dato eine einzige, bestens funktionierende Begegnungszone.“ Die innerstädtischen Straßen Berlins mit ihren großzügig dimensionierten Fahrbahnen und breiten Gehwegen hätten im Vergleich zu anderen europäischen Städten besondere Qualitäten. Erklärungssätze wie „Die Begegnungszone ist eine Straße für alle“, die auf den Eingangstelen zur Maaßenstraße stehen, seien überflüssig: „Das muss man doch keinem Berliner erklären. Die Straßen Berlins sind bereits für alle da. Das gerade ist die urbane Qualität Berlins“, so Ackers.

Bund der Steuerzahler wird das Projekt bemängeln

Der Bund der Steuerzahler kündigte an, das Projekt zu bemängeln. „In Tempelhof-Schöneberg ist rund die Hälfte der Straßen sanierungsbedürftig. In Berlin fehlen dafür 1,3 Milliarden Euro. Da können wir uns solche Spielereien nicht leisten“, sagte Vorstandsvorsitzender Alexander Kraus.

800.000 Euro betrugen die Baukosten. Die Planungskosten bezifferte Martin Pallgen am Freitag auf 200.000 Euro, sodass das Projekt insgesamt eine Million Euro gekostet hat.

Wie der Sprecher von Bausenator Andreas Geisel (SPD) weiter sagte, soll die Begegnungszone nicht gegen den Willen der Bevölkerung durchgedrückt werden: „Sollte sich bei der Evaluierung des Projekts herausstellen, dass niemand damit glücklich wird, werden wir über eine Veränderung nachdenken müssen. Für Spekulationen ist es aber definitiv zu früh.“