Urteil in Berlin

"Kofferleiche" am Spreeufer - Chilene gesteht Tötung

Der Angeklagte sagte, er habe bei einem Streit die Kontrolle über sich verloren, die Frau geschlagen und mit einem Messer zugestochen.

Der Angeklagte Jorge V. R. in einem Verhandlungssaal des Gerichts

Der Angeklagte Jorge V. R. in einem Verhandlungssaal des Gerichts

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Am 13. Juni 2015 wurde an einer Dampferanlegestelle in Treptow ein Koffer entdeckt. Ein Spaziergänger zog ihn aus der Spree, in der Hoffnung, einen Schatz zu finden. Drinnen lag jedoch, in einem Müllsack, der Leichnam einer Frau. Der Fall machte als „Koffermord“ Schlagzeilen. Das Foto des Koffers wurde veröffentlicht, auch das eines Schuhs des Opfers. Ermittlungen ergaben schließlich, dass es sich bei der toten Frau um die 36-jährige Norwegerin Lene S. handelte, die als Touristin eingereist war.

Seit Donnerstag wird gegen den Mann, der Lene S. tötete, vor einem Moabiter Schwurgericht wegen Totschlags verhandelt: Der 39-jährige Jorge V. ist Chilene, gab vor Gericht als Beruf Schauspieler an. Zuletzt führte der schmächtige Mann die Galerie „Paradise KulturRaum“ in Wedding. Hier lernte er nach eigenen Angaben auch Lene S. kennen. Sie tranken gemeinsam Bier, kamen sich schnell näher. Einen Tag darauf fuhr sie zurück nach Norwegen.

Das Opfer drohte mit einer Anzeige bei den Behörden

Von Norwegen aus schrieb sie ihm jedoch wenig später eine E-Mail und fragte, ob er wüsste, wo sie in Berlin ein Zimmer finden könnte. In ihre alte WG könne sie nicht zurück. Es habe dort Probleme mit einer Mitbewohnerin gegeben. Jorge V. bot an, ihr einen Raum in der Galerie zu vermieten. Das Geschäft lief nicht gut. Seine Mutter musste ihm von Chile aus immer wieder finanziell aushelfen. Da kam ihm der Zuschuss für den vermieteten Raum gerade recht.

Er habe das aber schon bald bitter bereut, sagte er vor Gericht. Er sprach spanisch, eine Dolmetscherin übersetzte. „Lene war eine sehr besondere Person“, beschrieb er seine Freundin. „Sie hatte eine eigene Vision über das Leben und einen schönen Humor.“ Sie sei aber auch ein Unruhegeist gewesen, habe viel Alkohol getrunken, Drogen genommen, vor allem Speed. Nachts sei sie durch die Galerie gelaufen und habe ihn immer wieder geweckt. „Sie wurde für mich zu einem immer größer werdenden Problem“, sagte er. „Sie wollte extreme Aufmerksamkeit.“ Und wenn er sich nicht kümmerte, habe sie „Wutanfälle bekommen“, habe sogar mit der Polizei gedroht. Sie wusste, dass er in der Galerie bei Veranstaltungen illegal alkoholische Getränke ausschenkte. Die Situation habe sich zugespitzt, sagte Jorge V. „Ich fühlte mich in meiner Existenz bedroht.“ Im Nachhinein sei ihm klar, dass Lene S. ein Fall für die Psychiatrie gewesen wäre.

In der Nacht zum 2. Juni 2015 sei der Streit dann eskaliert. Auch er hatte getrunken und Speed genommen. Sie habe ihm gedroht, dass sie gefährliche Freunde habe und ihn immer wieder beleidigt. „Da ist in meinem Kopf eine Sicherung durchgebrannt“, sagte Jorge V. „Ich fühlte eine allumfassende Wut. Dieses Gefühl übernahm die Kontrolle von mir. Ich fühlte ihre Worte und Drohungen, als ob es Schläge wären.“

Lene S. war vermutlich sofort tot

Er weiß noch, dass er sie mit der Faust schlug und anschließend mit einem Messer, das auf dem Tisch lag, auf sie einstach. Ein Stich traf das Herz. Nele S. war vermutlich sofort tot.

Jorge V.s Freund und Mitbewohner Mike R. stand daneben. Der 39-Jährige rannte entsetzt aus dem Raum. Jorge V. sei nach ein paar Minuten hinterher gekommen, erinnert sich Mike R. vor Gericht. „Er war blutüberströmt und sagte leise: Es ist vorbei.“ Mike R. wollte die Polizei rufen, aber Jorge V. hielt ihn davon ab. Am nächsten Tag verpackten sie gemeinsam die Leiche in den Rollkoffer. Sie fuhren vom S-Bahnhof Wedding zum S-Bahnhof Treptower Park. Unterwegs seien noch die Räder des Koffers abgebrochen, sagte Jorge V. Sie versteckten den Koffer in einem Gebüsch, holten einen großen Einkaufswagen, bugsierten mit ihm den Koffer in Treptow zur Puschkinallee und warfen ihn dort in die Spree.

Jorge V. setzte sich anschließend nach Mexiko ab. Dort wurde er am 26. Juni 2015 festgenommen, am 11.März 2016 erfolgte die Auslieferung nach Berlin. Sein Freund Mike R. sitzt nun neben ihm auf der Anklagebank. R. wurde wegen Strafvereitelung angeklagt. Er kam jedoch nie in Haft und kann mit einer Bewährungsstrafe rechnen. Jorge V. nahm ihn vor Gericht in Schutz und sagte, es sei seine Idee gewesen, den Leichnam in die Spree zu werfen. Mike R. habe ihm nur als Freund helfen wollen. Der Prozess wird am 29. August mit Zeugenaussagen fortgesetzt.