Theater

Die „Theater des Jahres“ 2016 stehen in Berlin

Die Volksbühne von Intendant Frank Castorf und das Maxim Gorki Theater erhalten die begehrte, von Kritikern verliehene Auszeichnung

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – mit „verkauft“-Kommentar zum anstehenden Intendantenwechsel

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – mit „verkauft“-Kommentar zum anstehenden Intendantenwechsel

Foto: dpa Picture-Alliance / Bildagentur-online/Schoening / picture alliance / Bildagentur-o

Für die deutschsprachigen Theater gibt es zwei renommeeträchtige Auszeichnungen: eine Einladung zum Berliner Theatertreffen und das Ergebnis der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“, in der Schauspieler, Stücke, Bühnenbildner und eben auch das Theater des Jahres gekürt werden. Jetzt können sich gleich zwei Berliner Häuser über den Titel freuen: das Maxim Gorki Theater und die Volksbühne.

Das war durchaus zu erwarten. Denn Kritiker schauen nicht nur auf die Kunst, sondern haben bei ihrem Votum meist auch die kulturpolitische Situation im Blick. Schließlich ist mit dem langjährigen Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf aus Sicht vieler Theatermenschen sehr schäbig umgegangen worden – von einem Abservieren und einem Rauswurf durch den Berliner Senat war die Rede. Der von Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) ausgesuchte Nachfolger Chris Dercon wurde heftig kritisiert. Es gab offene Briefe und Unterschriftensammlungen. Und weil Castorf zudem in der vergangenen Saison mit seiner überbordenden „Karamasow“-Inszenierung wieder ein künstlerisches Ausrufezeichen setzte, verwundert die Auszeichnung nicht – die natürlich genauso gut ein Jahr später zum Abschied nach 25 Volksbühnenjahren hätte erfolgen können. Aber wer weiß: Vielleicht wird die Volksbühne 2017 noch mal „Theater des Jahres“.

Solche Doppelauszeichnungen sind nichts Außergewöhnliches, zuletzt gab es sie beim Schauspielhaus Köln (2010 und 2011) und beim Zürcher Schauspielhaus (2001 und 2002), das seinerzeit unter der Leitung des kulturpolitisch umstrittenen Christoph Marthaler stand. Und Claus Peymann hat die Auszeichnung sogar dreimal hintereinander bekommen, von 1976 bis 1978; er leitete damals das Staatstheater Stuttgart.

Beim Maxim Gorki, zuletzt 2014 „Theater des Jahres“, lobt „Theater heute“ die „völkerverbindende Arbeit“ des Hauses unter der Leitung von Shermin Langhoff und Jens Hillje. Die Bühne hat einen Lauf: Die Inszenierung „Und dann kam Mirna“ erhielt den Friedrich-Luft-Preis 2015 der Berliner Morgenpost – und in der aktuellen Kritiker­umfrage ist Yael Ronens gemeinsam mit dem Ensemble entwickelter Abend „The Situation“ zum deutschsprachigen Stück des Jahres gewählt worden.

Aber auch die Volksbühne kann sich noch über eine weitere Auszeichnung freuen: Der überraschend im vergangenen Sommer im Alter von 54 Jahren gestorbene Bert Neumann, der auch den Gesamtauftritt des Hauses verantwortete, ist „mit seiner Volksbühnen-Versiegelung, die wie ein Abschied wirkte“ posthum zum Bühnenbildner des Jahres gewählt worden. Ebenfalls acht Stimmen erhielt Marcel Köhler vom Deutschen Theater, der mit seiner Rolle des Arkadij in „Väter und Söhne“ Nachwuchsschauspieler des Jahres wurde.

Dann doch ein kleiner Wermutstropfen: Für den Titel „Theater des Jahres“ reichten sechs Voten – allerdings hatte das Wiener Burgtheater im vergangenen Jahr auch nicht mehr. Insgesamt gaben 43 Kritiker ihre Stimmen ab, die verteilen sich erneut auf zahlreiche Bühnen. Das „Theater heute“-Jahrbuch (184 S., 29,50 Euro) ist im Buchhandel erhältlich.

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