Wortlaut

Der offene Brief der angehenden Grundschullehrer

Angehende Berliner Grundschullehrer sind wütend über eine zu schwere Matheklausur. Ihrem Ärger machen sie in einem offenen Brief Luft.

Sehr geehrte [Damen und Herren]*,

als freie Interessengemeinschaft Studierender des Studiengangs "Bachelor Grundschulpädagogik" der Freien Universität Berlin wenden wir uns im Auftrag der Studierenden an Sie.

Der Mangel an Grundschullehrern in Berlin ist ein öffentlich diskutiertes Thema. Aufgrund dessen wurde in den letzten beiden Jahren die Anzahl der Studienplätze in unserem Studiengang erhöht. D. h. es wird mehr Menschen ermöglicht, sich für den Beruf des Grundschullehrers zu qualifizieren. Dies begrüßen wir sehr.

Im Zuge einer gleichzeitig stattfindenden Studienreform haben sich die Selektionsmodalitäten innerhalb unseres Studiums jedoch verschlechtert.

Seit der Reform im Jahr 2015 müssen alle Studierenden der Grundschuldpädagogik 20 fachbezogene Leistungspunkte in Mathematik erwerben. Dies ist durchaus zu befürworten, da sich die Qualität unserer Ausbildung hierdurch erhöht. Die Anforderungen, die im Rahmen des Moduls an die Studierenden gestellt werden, sind allerdings deutlich zu hoch. Die mathematischen Aufgabenstellungen sind in Hinblick auf Arbeitsaufwand und Schweregrad für Studierende der Grundschulpädagogik nicht angemessen. Anlässlich des sich kulminierenden Unmutes innerhalb unseres Studiengangs führen wir im Folgenden eine Klausur an, die wir am 11.08.2016 im Bereich "Mathematisches Professionswissen für das Lehramt an Grundschulen 1 und 2" zu schreiben hatten.

Die Klausur enthielt Fragestellungen, deren Bearbeitung eklatant von den in der Vorlesung und den Tutorien einstudierten Lösungswegen abwich. Die inhaltliche Schwerpunktsetzung entsprach überdies nicht den stofflichen Konkretisierungen, die seitens der Dozentin in der Vorlesung und der Tutoren gemacht wurden. Darüber hinaus war die angesetzte Zeit von 90 Minuten für die Bearbeitung der Aufgaben nicht ausreichend. Dass der Schweregrad der Klausuraufgaben unrealistisch hoch angesetzt war, lässt sich auch daran erkennen, dass während der Korrektur eine Aufgabe, die mit 10 Punkten bewertet werden sollte, aus der Gesamtwertung gestrichen wurde. Dadurch wurde die Gesamtpunktzahl von 61 auf 51 Punkte reduziert. Zum Bestehen der Klausur waren dadurch statt 30 Punkten nur noch 22 Punkte von Nöten. Dennoch haben von 108 Studierenden 40 die Mindestpunktzahl nicht erreicht und somit die Modulprüfung nicht bestanden. Der Durchschnitt derjenigen, die bestanden haben, liegt bei 3,9 und das bei einem Fach mit 20 Leistungspunkten.

Die beschriebene Klausur ist lediglich die neueste Ausprägung eines Studienschwerpunktes, der Studierende in eine "Zweiklassengesellschaft" spaltet, da sich viele Studierende eine unbedingt benötigte Nachhilfe nicht leisten können. Zudem sind all jene benachteiligt, die keine ausgeprägte mathematische Affinität mitbringen. Wir stellen somit in Frage, inwiefern innerhalb unseres Studiengangs eine Chancengleichheit für uns noch gewährleistet ist.

Die "Fachschaftsinitiative Lehramt und Grundschulpädagogik" befindet sich bereits mit den Verantwortlichen des Moduls im Gespräch, jedoch bisher ohne befriedigende Ergebnisse bzw. ein Entgegenkommen seitens der Dozentin Frau Dr. Christine Scharlach. Bei uns ist mittlerweile der Eindruck entstanden, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird.

In diesem Zusammenhang hat die "Fachschaftsinitiative Lehramt und Grundschulpädagogik" eine Umfrage unter den Modulteilnehmern durchgeführt, bei der sich 121 Studentinnen und Studenten kritisch und eindringlich geäußert haben. Die Umfrage erhalten Sie anbei, denn diese Stimmen sollen nicht ungehört bleiben.

Wir adressieren somit an Sie, um zum einen über die Probleme innerhalb des Moduls aufmerksam zu machen und zum anderen die Rückmeldungen der Studierenden selbst zum Anlass zu nehmen, den Studiengang diesbezüglich anzupassen.

Des Weiteren fordern wir ausdrücklich ein Entgegenkommen bezüglich der bereits erfolgten Modulprüfung. Aus unserer Sicht bestünde eine Möglichkeit darin, die Prüfungsleistung der Klausur durch die bereits erfolgte Abgabe der wöchentlichen Übungszettel zu ersetzen. Der zu erbringende Gesamtarbeitszeitaufwand des Moduls von 600 Stunden ist durch die Bearbeitung der Übungszettel in Verbindung mit dem Besuch der Vorlesungen und der Tutorien sowie den Vor- und Nachbereitungszeiten beider Veranstaltungen in unseren Augen ohnehin schon weit überschritten. Sollte dieser Lösungsvorschlag nicht in Frage kommen, werden wir die Klausur anfechten, da sowohl die Aufgabenstellungen nicht den aus Vorlesung und Tutorien bekannten Formaten entsprachen als auch die angesetzte Bearbeitungszeit von 90 Minuten nicht annähernd ausreichend für die Bearbeitung der Aufgaben war.

Da es sich nicht nur um ein hochschulpolitisches Anliegen handelt, sondern ebenso die kommunalpolitische Ebene betrifft, erwarten wir zeitnah eine Lösung der von uns angesprochenen Probleme.

Mit diesem Brief handeln wir keineswegs nur in unserem Interesse, sondern wir denken auch an alle jene, die nach uns die fachmathematischen Module absolvieren werden müssen.

Wir freuen uns über Ihre Rückmeldung und verbleiben

mit freundlichen Grüßen,

i.A. Neele Rother

*anonymisiert

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.