Essen in Berlin

Street-Food - Mit Gespür für gutes Straßenessen

Mit Streetfood erfolgreich zu sein, ist nicht so leicht wie man vielleicht glaubt. Stefanie Rothenhöfer hilft jungen Unternehmern.

Um jungen Unternehmern zu helfen und  um die junge Food-Community zu stärken, hat  Stefanie Rothenhöfer den Food Entrepreneurs Club (FEC) gegründet

Um jungen Unternehmern zu helfen und um die junge Food-Community zu stärken, hat Stefanie Rothenhöfer den Food Entrepreneurs Club (FEC) gegründet

Foto: Amin Akhtar

In ihrer E-Mail-Adresse nennt sie sich noch "tuckshoplady", doch dieses Etikett hat Stefanie Rothenhöfer längst hinter sich gelassen. "Tuckshop Ladys nennen Australier die alten Frauen, die hinten aus den Kantinen das Essen rausgeben", sagt die 29-Jährige. Das fand sie vor fünf Jahren, als sie sich vornahm, mit Streetfood Berlin zu erobern, hübsch.

Inzwischen reicht sie selbst kein Essen mehr über den Tresen. Die studierte Gastronomiemanagerin, die auch bei Feinkost Käfer in München gelernt sowie in Paris und New York gearbeitet hat, macht es sich stattdessen zur Aufgabe, Neu- und Quereinsteiger im Streetfood-Bereich zu beraten. Denn diese haben häufig ein tolles Rezept oder eine gute Idee, aber wenig Erfahrung in der Gastronomie, in Warenkunde, Buchhaltung und Marketing. Mit ihrer Internetplattform Food Entrepreneurs Club (FEC) will Ro-thenhöfer sie dabei unterstützen, ihre Geschäftsideen umzusetzen und damit die "Foodrevolution" vorantreiben, die gerade im Gange ist, wie sie sagt.

Gleichzeitig nachhaltig und profitabel wirtschaften

Die Streetfood-Welle mit ihren bunten Märkten, Ständen und Vintage-Trucks ist für Stefanie Rothenhöfer nur der Anfang. "Das Bewusstsein für gutes Essen wächst", sagt sie. Auch wenn es ein langer und schwieriger Weg dahin sei, ist sie davon überzeugt, dass es möglich ist, gleichzeitig nachhaltig und profitabel zu wirtschaften und dabei Spaß zu haben. Berlin sei der richtige Ort dafür, sagt die Heidelbergerin, auch um den Trend deutschlandweit zu etablieren.

Einmal im Monat veranstaltet sie nun im Halleschen Haus in Kreuzberg, einem beliebten Treffpunkt der Food-Gemeinde, den FEC-Tuesday, eine Infoveranstaltung mit Experten und Fragerunde zu Themen wie "Wie eröffne ich ein Drinkbusiness?", "Wie finde ich einen Investor?", "Wie erreiche ich meine Zielgruppe?". Sie arbeitet mit Foodbloggern zusammen und bietet Gründern praxisbezogene Einzelberatungen und Workshops mit Experten an, etwa für das Erstellen eines Businessplans, die Entwicklung von Wachstumsstrategien oder zur Fleischkunde. Sie organisiert Fahrten zu Biobauern und anderen Erzeugern und will künftig auch Events anbieten, um den Jungunternehmern Absatzmöglichkeiten zu verschaffen.

In der Startphase gibt es 1000 Fragen

Dass es zu Beginn "1000 Fragen" gibt, hat sie in den Anfängen der Markthalle Neun selbst erfahren, als sie zusammen mit einer Geschäftspartnerin ihr erstes eigenes Unternehmen gründete. "Da hätte ich guten Rat jenseits des Branchenverbands Dehoga und ein Netzwerk brauchen können", sagt sie.

Begeistert von dem boomenden Streetfood-Angebot in New York und London, das sich dort mit Truckflotten, witzigen Läden und guter Qualität behauptet, wollte sie diese Idee nach Berlin tragen. Die beiden Gastronominnen gehörten mit Spezialitäten aus verschiedenen deutschen Regionen und Craftbeer in der Markthalle zu den Foodies der ersten Stunde.

Ein Erfolg wurde es nicht. Das Konzept sei zu kompliziert gewesen, Craftbeer kannte damals noch keiner, und eine klare Geschichte, um ihr Angebot zu verkaufen, hatten sie auch nicht, meint Rothenhöfer rückblickend. "Wir waren naiv und auch etwas zu früh am Start." Ohne einen Bankkredit würde sie es heute auch nicht mehr machen – und ja, es gebe Banken, die kleine Start-ups unterstützen. Just als mit dem ersten "Street Food Thursday" der Durchbruch kam, gaben die beiden Frauen auf.

Internetplattform mit vielen Tipps und Angeboten

Bereut hat Rothenhöfer, die freundlich, schnörkellos und klar auftritt, ihre Entscheidung nicht. Sie hat dazugelernt. Sie entwickelte Food-Konzepte für die Markhalle Neun, knüpfte Netzwerke und organisierte Veranstaltungen. Als beim ersten Stadt-Land-Food-Festival der Thementag "Wie eröffne ich ein Streetfood-Unternehmen?" zeigte, wie groß der Beratungsbedarf ist, entwickelte Stefanie Rothenhöfer die FEC-Plattform mit grundsätzlichen Tipps und Angeboten als Anlaufstelle für Einsteiger sowie als Netzwerk und Inspirationsquell für die Food-Community.

Wie viele Streetfood-Unternehmer es inzwischen in Berlin gibt, weiß niemand so genau. Rothenhöfer schätzt ihren Marktanteil in der Gastrobranche auf etwa drei Prozent. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) hat Berlins Streetfood-Vielfalt zwar als Standortfaktor erkannt, aber nicht in Zahlen erfasst. Obwohl man sich diesen Bereich mal genauer anschauen sollte, wie IHK-Sprecher Alexander Dennebaum einräumt.

Die Szene professionalisiert sich. Während die Streetfood-Märkte in Berlin inzwischen eher Eventcharakter haben, Einsteigern als Experimentierfläche und Fortgeschrittenen als Werbeplattform dienen, schickt die Markthalle Neun Foodtrucks zu den Büroangestellten am Potsdamer Platz. Die ersten Gründer etablieren ihre Marken in Cateringunternehmen, Restaurants oder Bistros, wie etwa das "Chicha" mit peruanischem Streetfood in der Neuköllner Friedelstraße, das "Lode & Stijn" mit Fine Dining am Lausitzer Platz und "Gorilla Barbeque", das bisher einen Truck und ein Cateringunternehmen betreibt und im September einen Laden im Graefekiez eröffnet.

Die Szene professionalisiert sich

Um die optimale Mischung aus Experiment und Machbarkeit hinzubekommen, seien in der nächsten Stufe Erweiterungen auf mehrere Filialen, Franchisesysteme und eine Standardisierung des Angebots zu erwarten, sagt Rothenhöfer. Handwerkliche Produktion in guter Qualität sei auch in größeren Mengen möglich. Und Prozesse könnten auch ohne Billigware optimiert werden, etwa wenn sich ein Bäcker als Zulieferer auf spezielle Brötchen spezialisiere.

Streetfood steht auch für ein Lebensgefühl – für Qualität, Regionalität, Nachhaltigkeit und Achtsamkeit – dafür gebe es durchaus eine Zielgruppe, die auch bereit sei, dafür Geld auszugeben. "Es muss allerdings überragend schmecken und – ganz wichtig – eine gute Geschichte erzählen, mit der man die Gäste für die eigene Passion begeistert", sagt Rothenhöfer. Ein gutes Produkt setze sich immer durch. "Die Vielfalt wird wachsen. Im Vergleich zu New York stehen wir erst am Anfang. Da ist noch viel Luft nach oben."

Die "Big Five des Streetfood" für Einsteiger

Tipps Streetfood muss schnell gemacht und überall schnell verzehrt werden können. Anders als bei Fast Food sind die Qualitätsansprüche hoch. Einsteiger sollten ihre Ideen und die eigene Belastbarkeit zunächst ohne großes Risiko in den Markthallen testen, rät Stefanie Rothenhöfer. Größte Herausforderung sei die lange Durststrecke am Anfang, in der man kein Geld verdiene. Wer loslegen will, sollte die "Big Five des Street Food" beachten:

1. Biete weniger als fünf Produkte an

2. Nutze weniger als fünf Zutaten pro Gericht

3. Die Gerichte sollten in weniger als 50 Sekunden vor den Augen der Kunden zubereitet und beim Gast sein

4. Es sollten weniger als fünf Mitarbeiter für Vorbereitung, Küche und Verkauf nötig sein

5. Der Preis pro Gericht sollte bei fünf bis 7,50 Euro liegen

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.