Sport

Jedes dritte Schulkind in Neukölln kann nicht schwimmen

| Lesedauer: 10 Minuten
Anna Hopp und Wolfgang Merkel
Diese Kinder haben Spaß im Wasser. Sie machen einen Seepferdchen-Ferienkurs im Hallenbad auf der Fischerinsel in Berlin Mitte

Diese Kinder haben Spaß im Wasser. Sie machen einen Seepferdchen-Ferienkurs im Hallenbad auf der Fischerinsel in Berlin Mitte

Foto: Joerg Krauthoefer

Babyschwimmen, Seepferdchen-Kurs: Je früher Kinder sich an das Wasser gewöhnen, desto besser. Aber das Schulschwimmen fällt oft aus.

Die neun Kinder haben Spaß. Sie lachen, springen ins Becken und strengen sich an, von der einen Seite zur anderen zu kommen. Die Mädchen und Jungen im Vorschulalter gehören zum Seepferdchen-Ferienschwimmkurs in der Schwimmhalle auf der Fischerinsel in Berlin-Mitte. Einen Tag später sollen sie ihr Abzeichen bekommen – wenn sie die Prüfung bestehen. Ein Mädchen hat ihr Seepferdchen schon vor einigen Tagen gemacht, bei manch anderen ist nicht so sicher, ob sie es schaffen werden.

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Die Kinder haben meist noch Probleme, sich länger über Wasser zu halten. Bei einigen klappt es schon so gut, dass wenigstens der Großteil des Gesichtes aus dem Wasser schaut. Andere schlucken so viel Wasser, dass man sich fast wundert, dass überhaupt noch Wasser im Becken ist. Einige können noch an ihrer Schwimmtechnik feilen. Man erkennt sie daran, dass sie alle paar Minuten am Beckenrand ausruhen müssen. Die Berliner Bäderbetriebe haben eine Höchstzahl von zehn Teilnehmer für die Anfängerschwimmkurse festgelegt, damit man sich um jedes Kind kümmern kann. Trotzdem hängen ein paar noch hinter her. Aber ein Anfang ist gemacht, und das ist gut so.

In Berlin sterben weniger Menschen bei Badeunfällen als anderswo

Denn die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) warnt, dass immer mehr Kinder nicht mehr schwimmen lernen. In manchen Regionen Deutschlands ist es schon jedes zweite bis dritte Kind, das nicht schwimmen kann. So zum Beispiel auch im Berliner Bezirk Neukölln. Anders die älteren Deutschen. Zumindest sagen derzeit 90 Prozent der Bundesbürger, dass sie schwimmen können. Das dürfte sich mit der Zeit ändern, die DLRG fürchtet, dass es in Zukunft zu mehr Badeunfällen kommen könnte, weil die Kinder nicht mehr schwimmen lernen.

Bundesweit sterben am Meer, in Seen und Bädern jährlich knapp 500 Menschen oder fünf bis sechs pro eine Million Einwohner. Die Zahl ist stark davon abhängig, wie sich der Sommer präsentiert: Ein schöner, langer und heißer Sommer ist mit vielen Ertrunkenen erkauft. So etwa 2003 als nach DLRG-Statistik bundesweit 644 Menschen starben.

Berlin steht vergleichsweise gut da. Hier sind es pro eine Million Einwohner „nur“ 2,5 bis drei Tote oder, in absoluten Zahlen, neun bis zehn, 2003 waren es 13. Im vergangenen Jahr ertranken allerdings 16 Menschen. Ob das ein einmaliger Ausreißer ist oder ein anhaltender negativer Trend, kann man noch nicht beurteilen. Sind die Berliner dennoch, im Bundesvergleich, die besseren Schwimmer?

Die Unterschiede zwischen den Bezirken sind groß

Unter den Berliner Kindern ist die Zahl der Schwimmer jedenfalls vergleichsweise groß. Nach einer Statistik der Senatsbildungsverwaltung sind gegenwärtig nur 18,2 Prozent der Schüler am Ende der 3. Klasse keine Schwimmer. Seit 2009 wird die Statistik geführt, seither hat sich die Zahl der Schwimmer unter Grundschülern zwar leicht verringert, der Negativtrend der vergangenen Jahre scheint aber gestoppt. Es gibt aber große Unterschieden in den Bezirken. In Neukölln kann fast jedes dritte Kind nicht schwimmen, in Pankow dagegen nur eines von zehn.

Mehr Nichtschwimmer gibt es seit Beginn der Erhebung vor allem in den Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf (Anstieg von 10,9% auf 14,9%), Steglitz-Zehlendorf (6,7% auf 11,5%), Lichtenberg (8,7% auf 14%) und Reinickendorf (18,2% auf 24,4%). Positiv ist der Trend dagegen in den Bezirken Mitte (Abnahme des Nichtschwimmeranteils von 30,1% auf 26,5%), Neukölln (33,3% auf 31,0%) und Marzahn-Hellersdorf (13,1 auf 10,8%). Die Senatsbildungsverwaltung hat an gut 20 Grundschulen mit besonders schlechten Ergebnissen eine verstärkte Kooperation mit dem Berliner Schwimmverband initiiert.

Dem Seepferdchen-Kurs sollten weitere folgen

Aber was heißt überhaupt „schwimmen können“? Michael Neiße vom Landesverband Berlin der DLRG relativiert: Das populäre Schwimmabzeichen „Seepferdchen“ sei sicher wichtig – aber nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zum „richtigen“ Schwimmen. „Beim Seepferdchen muss das Kind 25 Meter irgendwie überbrücken und einen Ring aus hüfthohem Wasser holen. Das ist oft nur ein ‘Rumpaddeln’, aber das Kind kann damit nicht sicher schwimmen.“ Jedes Kind sollte deshalb eines der weiteren Schwimmabzeichen machen, längere Strecken in einem ausgewählten Schwimmstil überwinden – Brust, Kraul oder Rückenschwimmen – und auch mehr Tauchübungen absolvieren.

Ein Grund für den Trend, dass zumindest bundesweit weniger Kinder schwimmen lernen, könnte darin liegen, dass Mädchen und Jungen heute generell weniger Freizeitaktivitäten draußen entfalten. Kinderärzte beklagen schon lange, dass ihre Beweglichkeit abnimmt – sie widmen sich zu viel den Gameboys, Computern und Smartphones.

Aus Sicht der DLRG ist ein wichtiger Grund, dass zu wenig Schulschwimmen angeboten wird. Auf Bundesebene hätten 25 Prozent der Grundschulen keinen Zugang mehr zu Schwimmbädern, sagt Achim Wiese von der DLRG-Bundeszentrale. Bäder würden geschlossen oder in Spaßbäder umgewandelt, in denen man nicht mehr wirklich schwimmen (lernen) kann. Deshalb seien auch die Wartezeiten, um außerhalb der Schule einen Kinderschwimmkurs zu belegen, sehr lang. „Wir haben oft Wartezeiten von zwei Jahren.“

Grundschullehrer haben oft keinen Rettungsschwimmernachweis

Für Berlin gilt das allerdings nicht, sagt Matthias Oloew von den Berliner Bäderbetrieben (BBB). „Die Schwimmzeiten in Berlin sind konstant. Nach wie vor sind 50 Prozent für Schulen und Vereine reserviert. Aber viel Schulschwimmunterricht fällt aus.“ Das ist nicht nur Folge des allgemeinen Lehrermangels – es mangelt auch an der richtigen Ausbildung der Grundschullehrer. Denn nicht alle haben die Befähigung zum Rettungsschwimmer. Anders die Sportlehrer für die Sekundarstufe, sie machen den Rettungsschwimmerschein obligatorisch im Studium.

„Grundschullehrer ohne Rettungsschwimmerkurs wollen verständlicherweise nicht das Risiko eingehen, ein Kind nicht retten zu können“, berichtet DLRG-Mitarbeiter Wiese. In Berlin versucht man den Schwimmunterricht so gut wie möglich zu sichern, indem man sich Unterstützung von Mitgliedern der DLRG und von Schwimmvereinen holt. „Ab dem 5. Schuljahr ist es aber oft zu spät. Da ist es kaum noch möglich, ein Kind zum Schwimmer zu machen“, so Achim Wiese. Die Schulträger müssten investieren, sagt er, und ihren Grundschullehrern Rettungsschwimmkurse anbieten und bezahlen.

Matthias Oloew schränkt die Bedeutung des Schulschwimmens noch aus einem anderen Grund ein. „Viele Kinder sind beim Schulschwimmen zum ersten Mal im Bad. Man muss sie ans Wasser gewöhnen. Der Schwimmunterricht wäre viel effektiver, wenn sie schon das Seepferdchen hätten und sich bereits über Wasser halten könnten.“

Am besten, man nimmt Kinder in jedem Alter mit ins Wasser

Die DLRG rät, Kinder mit drei oder vier Jahren zum ersten Mal in einen Schwimmkurs zu schicken. „Wir sagen: Wenn sie Radfahren lernen, ist das auch die richtige Zeit fürs Schwimmenlernen“, so DLRG-Mitarbeiter Neiße aus Berlin. Noch besser ist es, schon beim Babyschwimmen anzusetzen. „Das bieten teilweise schon die Geburtskliniken an. Dann haben die Kinder noch den Reflex, im Wasser die Luft anzuhalten.“ Wenn Kinder danach in jedem Alter mit ins Wasser genommen werden, haben sie weniger Scheu und lernen leichter schwimmen, so die Erfahrung.

Allerdings sind die Bademöglichkeiten für Kleinkinder sehr begrenzt. Auch in Berliner Bädern, räumt BBB-Mitarbeiter Oloew ein. „80 Prozent der Wasserflächen sind Sportbecken, dazu kommen Tauch- und Sprungbecken. Letztlich sind nur knapp vier Prozent der Wasserflächen für Kinder von drei oder vier Jahren geeignet.“ Nötig wären mehr für Kinder attraktive aufgelockerte Flachwasserbereiche.

Die Mütter wollen Sicherheit für die Kinder, aber auch Sport und Spaß

Die Kindergruppe im Hallenbad auf der Fischerinsel macht Fortschritte. Aber ob alle den Kurs schaffen werden? Wenn nicht, macht man ihn eben noch mal. Das scheint für niemanden ein Problem zu sein. Die Mütter sagen zwar, dass es wichtig für sie sei, dass ihr Kind schwimmen kann, am besten bevor es in die Schule kommt. Doch sie wollen ihren Kindern keinen Druck machen. Hauptgrund für die Kursteilnahme sei die Sicherheit, aber „natürlich sind auch der Sport und Spaß wichtig“, sagt eine der Mütter. Eine andere ist oft mit der Familie in Brandenburg und findet es deshalb sehr wichtig, dass ihr Kind schwimmen kann, wenn sie gemeinsam in den See steigen.

Auf die Frage, ob ihre Kinder Angst vor dem Wasser hatten, sagen alle „nein“, es gab „nur eine große Vorsicht“. Auch das hat sich bei den meisten gegeben, die meisten springen nun mutig ins Wasser. Nur eine Mutter räumt ein, dass ihre Tochter sich noch immer nicht richtig rein traut.

Sollten die Kinder das Seepferdchen-Abzeichen schaffen, würden die Mütter sie gerne in einen Folgekurs schicken. „Im Frühjahr vielleicht. Aber nur wenn sie wollen.“

Weitere Informationen zu Schwimmkursen: Die Berliner Bäderbetriebe bieten ab September wieder neue Kurse an, Tel. 2219 0011, service@berlinerbaeder.de. Die Berliner DLRG bietet Informationen zu Schwimmkursen auf ihrer Website, unter der Telefonnummer 362 0950 und per Mail über info@berlin.dlrg.de. Es gibt auch eine Seite mit Kursangeboten speziell in einzelnen Bezirken. Eine Liste der privaten Schwimmschulen in der Stadt bietet das offizielle Berlin-Portal.