Integration

Berlin gehen die Flüchtlingshelfer aus

Ein Hype auf Zeit? Seit dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle sind viele Freiwillige abgesprungen. Die Unterstützung ist komplizierter geworden.

In der Flüchtlingsunterkunft Flughafen Tempelhof fehlen Ehrenamtliche, sagt Sascha Kellermann, Vorstandsmitglied vom Verein THF Welcome

In der Flüchtlingsunterkunft Flughafen Tempelhof fehlen Ehrenamtliche, sagt Sascha Kellermann, Vorstandsmitglied vom Verein THF Welcome

Foto: Christian Kielmann

Im schummrigen Licht eines fensterlosen Raumes werden die letzten Vorbereitungen getroffen: Kartons auspacken, Kleidungsstücke falten, Schuhe sortieren. Dann ab in die Regale. Für Marie und Jonas ist es das erste Mal. Ihre Ausbildung beginnt in zwei Wochen, bis dahin wollen sie die Zeit sinnvoll nutzen. An der Tür klebt ein Zettel mit Hinweisen in vier Sprachen: „Wir geben immer unser Bestes, um euch zu helfen. Leider können wir nicht immer alle Wünsche erfüllen.“

Früher gab es mehr Menschen wie Marie und Jonas. Letztes Jahr, als der Flüchtlingszustrom seinen Höhepunkt erreichte, hatte die Kleiderkammer im stillgelegten Flughafen Tempelhof jeden Tag geöffnet, neun Stunden und länger. Bis zu 200 freiwillige Helfer wollten Teil der Willkommenskultur sein. Heute sind ein halbes Dutzend gekommen. Die Kleiderkammer hat an zwei Tagen in der Woche für fünf Stunden geöffnet, und manchmal fallen auch diese Schichten aus.

Wegen der Funkausstellung wird eine Messehalle geräumt

Dabei ist die Nachfrage nicht weniger geworden. Die Zahl der Flüchtlinge in der Notunterkunft steigt stetig, seit Ende Juni um 30 Prozent auf 1500. „Ein Ende ist nicht in Sicht“, sagt Sascha Kellermann von der Initiative „THF Welcome“. Zwar kommen durchschnittlich nur noch 30 Flüchtlinge am Tag nach Berlin. Doch woanders fehlt Platz: In der Messe wird eine Halle wegen der Internationalen Funkausstellung (IFA) geräumt, und die 30 Containerdörfer namens „Tempohomes“ kommen, anders als ihr Name verspricht, nicht so schnell wie versprochen.

Wer deshalb nach Tempelhof muss, ist auf die Unterstützung von Initiativen wie „THF Welcome“ angewiesen. Auf Menschen wie Kellermann. Doch die sind rar geworden, auch anderen Flüchtlingsinitiativen geht es so. „Wir hatten eigentlich gehofft, dass jetzt, in den Sommer- und Semesterferien, mehr kommen“, sagt Kellermann. Fehlanzeige.

Das Flüchtlingsthema steht in den Nachrichten nicht mehr an erster Stelle, die Lage am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) hat sich beruhigt. Parallel dazu ist das Interesse an der Flüchtlingsunterstützung gesunken. „Es war vielleicht eine Illusion, davonauszugehen, dass diese breite Solidaritätsbekundung aus dem Sommer ein dauerhafter Zustand bleiben würde“, sagt Kellermann und meint den Ruck, der damals durch ganz Deutschland inklusive Hauptstadt ging. Der im Rückblick aber nur wie eine wohlig warme Erinnerung wirkt, der man sich an kalten Tagen bedient. Ein Sommermärchen 2015 – mit Flüchtlingen statt Fußball.

Dabei ist die Berliner Politik auf die Unterstützung der freiwilligen Helfer nach wie vor angewiesen. Als „weiterhin sehr wichtig“ bezeichnet Sozialsenator Mario Czaja (CDU) die Ehrenamtlichen. Tatsache ist: Ohne sie funktioniert es nicht. Doch eigentlich sollten sie nur unterstützend tätig sein, so fordert es die Berliner Opposition. „So etwas wie Kleiderausgabe müsste an zentralen Stellen von den Bezirken organisiert werden“, sagt der Abgeordnete Hakan Tas (Linke).

Vom Ausnahmezustand zurück in den Alltag

In einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung nennen 90 Prozent der Verantwortlichen in den Kommunen das freiwillige Engagement als „wichtigste Ressource für die Bewältigung der Flüchtlingskrise“. Glaubt man der Studie, ist die Hilfsbereitschaft immer noch groß. Zahlreiche Helfer seien weiterhin dabei und „hoch motiviert“. Die Strukturen hätten sich gewandelt, viele Initiativen würden zunehmend professioneller arbeiten, Vereine gründen, Netzwerke aufbauen. Doch das sind vor allem die mit dem „langen Atem“, wie es der Berliner Flüchtlingsrat formuliert. Mal eben ein paar Hosen in Tempelhof zu verteilen, hat für die meisten seinen Reiz verloren.

Amei von Hülsen-Poengsen traf sich kürzlich mit anderen Initiativen und suchte nach Gründen. „Es ist keine Frage der fehlenden Motivation“, sagt die Sprecherin von „Willkommen im Westend“. Manche Helfer hätten auf Dauer nicht in diesem Ausnahmezustand leben können und sich wieder ihrem Alltag zugewandt. Einige zerbrachen an der psychischen Belastung. Andere wollten sich nicht mehr mit profanen Dingen wie Kleiderausgabe beschäftigen. Eine Professorin, früher im Westend aktiv, arbeitet an ihrer Hochschule inzwischen an einem Programm für Flüchtlinge. „Du kannst nicht jedem über Monate eine Kelle in die Hand geben und ihn bitten, Suppe zu verteilen“, sagt von Hülsen-Poengsen.

Viele Ehrenamtliche verzweifeln an den Behörden

Das ist auch längst nicht mehr die einzige Aufgabe. Die Unterstützung hat eine neues Level erreicht. Gefragt ist Hilfe, die mehr Einsatz verlangt als Brote schmieren: Begleitungen im Jobcenter, Beratung bei der Familienzusammenführung oder Deutschkurse – der nächste Schritt zur Integration. Es sind Aufgaben, die Durchhaltevermögen und einen langen Atem erfordern. Oft auch eine besondere Qualifikation. Wer Geflüchteten bei diesen Dingen hilft, bürdet sich selbst auch einiges auf.

Anruf beim Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk (EJF). Die Einrichtung kümmert sich im Auftrag des Senats um die Vermittlung von Wohnungen für Flüchtlinge. „Zum Erfolg kommt man eigentlich nur, wenn man auf eigene Initiative sucht“, sagt die Leiterin der Beratungsstelle, Friederike Subklew-Sehume. Sprich mit Helfern, die den Nerv haben, sich durch „25 Dokumente“ zu arbeiten. „Da muss man schon gewieft sein“, sagt Subklew-Sehume. Viele Freiwillige würden die Flüchtlinge deshalb erst dann unterstützen wollen, wenn diese schon in einer Wohnung leben.

Andernfalls gerät man an die überforderten Behörden. Ist eine Wohnung gefunden, kann es passieren, dass die Bewilligung des Geldes für Miete und Kaution so lange dauert, dass der Vermieter wieder abspringt. „Dadurch geht viel Energie verloren“, sagt Titus Laska vom „Bündniss Neukölln“. In der Initiative überlegen sie jetzt, wie sie das Geld vorstrecken können.

"Behördenirrsinn" zerstört das Vertrauen der Geflüchteten

Auch Amei von Hülsen-Poengsen und ihre Mitstreiter verzweifeln regelmäßig am „Behördenirrsinn“. Wenn sie den Flüchtlingen erzählen, dass sie eines Tages in den „Tempohomes“ selbst kochen dürfen, und diese Aussage zurücknehmen müssen, weil der Senat sich umentschieden hat. Wenn sie immer wieder auf später vertrösten müssen, weil das Unterbringungsproblem nicht gelöst ist. „Das zerstört ihr Vertrauen zu uns“, sagt von Hülsen-Poengsen. Und bricht die Motivation der Helfer. In manchen Initiativen werden Neulinge bereits darauf hingewiesen, es sich „gut zu überlegen“.

Besserung erfolgt nur in kleinen Schritten. Anfang des Jahres genehmigte die Finanzverwaltung neue Stellen, zwei Flüchtlingskoordinatoren pro Bezirk. Ihre Arbeit wird gelobt. Am Ende sind sie aber zu weit weg vom Geschehen – und längst zu wenige, um die Ehrenamtlichen wirklich zu entlasten. „Moabit hilft“, die wohl populärste Einrichtung in Berlin, kann sich inzwischen vier Vollzeitstellen leisten. Weil sie eben so populär ist. Es bleibt eine Ausnahme.

Die „Dienstleister der Kanzlerin“, wie sie die „FAS“ zuletzt nannte, werden also weiter das Rückgrat in der Flüchtlingshilfe bilden müssen, auf unbestimmte Zeit, und Amei von Hülsen-Poengsen weiß auch, warum sie nicht gleich Morgen damit aufhört: „Wenn man mit einer Familie in ihrer neuen Wohnung das erste Mal mit am Esstisch sitzt, dann hat sich der Aufwand gelohnt.“