Charlottenburg

Berlins Top-Sportler ohne Trainingszentrum

Die Leistungssportanlagen am Olympiastadion sind unbenutzbar, weil Verband und Senat über die Sanierungskosten streiten.

Hier darf wieder gekickt werden: Jungs von Eintracht Mahlsdorf in der Carola-Neher-Sporthalle in Hellersdorf

Hier darf wieder gekickt werden: Jungs von Eintracht Mahlsdorf in der Carola-Neher-Sporthalle in Hellersdorf

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Berlins Olympioniken von 2020 müssen noch warten, es droht Trainingsrückstand für kommende Wettbewerbe. Eine der wichtigsten Leistungssport-Trainingsanlagen der Stadt, das Horst-Korber-Sportzentrum am Glockenturm hinter dem Olympiastadion in Charlottenburg, liegt seit mehr als drei Monaten im Dornröschenschlaf. Dabei hatten schon Anfang Mai die letzten Flüchtlinge die Hallen für Leichtathleten und Ballsportler geräumt. Der Senat hatte die Hallen fast ein Jahr lang für fast 1000 Flüchtlinge als Erstaufnahme genutzt.

Seit dem Auszug streiten sich der Landessportbund (LSB) als Eigentümer der Hallen mit dem Land Berlin, welche Schäden denn nun aus der Zeit der Flüchtlingsunterbringung stammen und welche nicht. Der LSB hatte eine Millionenrechnung präsentiert, die der Senat nicht übernehmen wollte. Es folgten mehrfache Begehungen, Gutachten und Expertenrunden zwischen der vom Land beauftragten Berliner Immobilien-Management GmbH (BIM) und dem LSB.

Der Streit dreht sich um eine Million Euro

Man sei in den letzten Zügen, um eine Einigung zu finden, hieß es aus der Senatsverwaltung für Inneres und Sport. Aus dem LSB klingt das anders. Es gebe erhebliche Diskrepanzen in der Bewertung, sagte LSB-Präsident Klaus Böger der Morgenpost. Die Rede ist von rund einer Million Euro Kosten, die der LSB geltend macht, die der Senat aber nicht tragen will.

Die BIM wolle die Spitzensport-Anlagen nur in einen „gebrauchsfertigen Zustand“ wiederherstellen, heißt es. Der Sportbund beharrt darauf, die Anlagen so wiederzubekommen, wie sie vor dem Einzug der Flüchtlinge waren. Es handele sich ja nicht um eine Freizeitanlage, so Böger, sondern um komplexe Infrastruktur für Spitzen-Leichtathleten, Hockeyspieler, Hand- und Volleyballer.

Der Chef des Landessportbundes mahnt den Senat, seine Versprechen einzuhalten

Angesichts der Zeitverzögerung, der nötigen Ausschreibungen und den anstehenden Sanierungsarbeiten macht sich der LSB-Chef und Ex-Bildungssenator Sorgen: „Ich sehe nicht, wie die Hallen für den kommenden Winter zur Verfügung stehen können“, sagte Böger. Er mahnte den Senat, seine Zusagen auch beim Freizug der anderen noch von Flüchtlingen belegten Sporthallen einzuhalten.

Am Montag hatte eigens der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) die Carola-Neher-Sporthalle in Marzahn-Hellersdorf wieder für den Sport freigegeben. Dennoch sei der Senat in Verzug, so der LSB-Chef.

Das große Streitthema der Sporthallen bildete aber nur einen kleinen Randaspekt, als Sportsenator Frank Henkel am Dienstag nach der Senatssitzung den Sportbericht für die Jahre 2012 bis 2015 vorstellte. Der Senator lobte das positive Image der „Sportmetropole“ und pries die Erfolge Berliner Athleten bei den laufenden Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Fünf von 20 deutschen Medaillen seien durch oder mit Beteiligung von Berliner Athleten erkämpft worden: „Jede vierte deutsche Medaille ist Made in Berlin“, lobte Henkel: „Das ist eine gute Bilanz.“

Im kommenden sollen 200 Millionen Euro in den Berliner Sport fließen

Der Senator hob die gestiegenen Ausgaben für den Sport hervor, die sich Berlin unter seiner Regie leiste. Mehr Geld für Übungsleiter, Jugend- und Landestrainer gebe es. Die absoluten Summen sind aber eher bescheiden. 4600 Übungsleiter kosteten das Land über vier Jahre 6,14 Millionen Euro, die Kinder- und Jugendtrainer zwischen 2012 und 2015 zwei Millionen. Die Mittel seien auch angesichts der sozialpolitischen Rolle des Sports „nicht ausreichend“, befand Henkel. LSB-Chef Böger sieht das genauso.

Auch die Ausgaben für die Sanierung von Sportanlagen sind zuletzt verdoppelt worden. Tatsächlich kam die Erhöhung von neun auf 18 Millionen Euro pro Jahr aber erst durch das Abgeordnetenhaus zustande, in Henkels Haushaltsentwurf war kein Plus enthalten gewesen. Das Geld sei „immer noch nicht ausreichend“, sagte Henkel.

Sein Abteilungsleiter nannte die Zahl von 183 Millionen Euro für 2016 und 200 Millionen für 2017, die die Senatsfinanzverwaltung als Ausgaben für den Sport insgesamt rechne. Das sei aber mehr als der reine Etat der Sportverwaltung, hieß es. Darin seien auch Ausgaben für den Berliner Sport aus anderen Ressorts enthalten.

Die Zahl der Vereinsmitglieder ist auf rund 630.000 gestiegen

Generell geht aus dem Bericht hervor, dass Sport in der Hauptstadt an Bedeutung gewinnt. Die Zahl der Mitglieder in den 2400 Berliner Sportvereinen ist seit 2012 von rund 600.000 auf etwa 630.000 gestiegen. Die Experten prophezeien schon im Zuge der wachsenden Bevölkerung eine weiter steigende Nachfrage. Aber auch der „Organisationsgrad“ in jeder Altersgruppe werde steigen. Hinzu kommen Hunderttausende weitere Berliner, die Joggen, Fitnessstudios besuchen, im Park kicken, in Bädern ihre Bahnen ziehen oder auf dem Tempelhofer Feld Kitesurfen, ohne sich im Verein zu organisieren.

Sportbund-Chef Böger mahnte den Senat, die Sportförderung endlich wie versprochen auf verlässliche Säulen zu stellen. Bisher hängt die Finanzierung des LSB an den tendenziell sinkenden Einnahmen der Lotto-Stiftung. Und auch mehr Sportanlagen fordert der Präsident. Wenn über die wachsende Stadt gesprochen werde, dann vor allem über Wohnungen, Verkehr, Kitas und Schulen, jedoch selten über Fußballplätze und Sporthallen.