Verkehrspolitik

Zwölf Radschnellwege für Berlin gesucht

Der Senat kündigt die Prüfung von neuen, kreuzungsfreien Fahrradrouten an. Ideen gibt es viele, die Kunst wird sein, sie umzusetzen.

So stellt sich die CDU Steglitz-Zehlendorf den Radschnellweg auf der stillgelegten Stammbahn-Trasse vor. Die Idee hat es schwer, doch es gibt zahlreiche andere

So stellt sich die CDU Steglitz-Zehlendorf den Radschnellweg auf der stillgelegten Stammbahn-Trasse vor. Die Idee hat es schwer, doch es gibt zahlreiche andere

Foto: CDU Steglitz-Zehlendorf

Sie heißen Velobahnen (Schweiz) oder Fietssnellwegen (Niederlande), hierzulande nennt man sie Radschnellwege. Es ist Radinfrastruktur der Moderne, die im Ausland sowie in einigen Teilen Deutschlands bereits auf dem Vormarsch ist. Doch Berlin hinkt hinterher. Der Senat weigerte sich lange, das Potenzial auszuloten – trotz des zunehmenden Radverkehrs. Geradezu empört waren die Reaktionen auf die Forderung der Initiative „Volksentscheid Fahrrad“ nach 100 Kilometern Radwegen für die Hauptstadt.

Jetzt scheint das Thema doch in die Verkehrsverwaltung vorgedrungen zu sein. Wie Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) am Montag mitteilte, werden 30 mögliche Verbindungen gesammelt und zwölf davon detailliert auf ihr Potenzial geprüft. Gesucht werden möglichst durchgehende, ausreichende breite Radwege, die die Außenbezirke an die Innenstadt anbinden. 400.000 Euro stehen für das Vorhaben im Landesetat bereit.

Angefangen hatte die Debatte um Radschnellwege im vergangenen Jahr, als die Ideen eines Radwegs unter der Trasse der U1 beziehungsweise auf der stillgelegten Bahntrasse zwischen Zehlendorf und Potsdamer Platz aufkamen. Beide haben dem Vernehmen nach kaum eine Chance auf Realisierung. Letztere noch am ehesten, wenn nach der Wahl die CDU die Verkehrsverwaltung übernehmen würde; die Christdemokraten in Steglitz-Zehlendorf bekennen sich klar zu dem Projekt.

Alternativen zu öffentlichem Nahverkehr und Auto

Doch es gibt auch andere Ideen in Hülle und Fülle. Definitiv vom Senat geprüft werden drei Vorschläge, die der Fahrradclub ADFC im Rahmen eines Wettbewerbs ermittelte. „Das Thema wird heiß diskutiert“, sagte die Landesvorsitzende Eva-Maria Scheel. Radschnellwege seien ein Garant für zügige, nachhaltige Mobilität. Auch weil immer mehr Berliner an den Stadtrand ziehen, werden verkehrliche Alternativen abseits von öffentlichem Nahverkehr und Auto relevant.

Die Bedingungen des ADFC-Wettbewerbs: Die Routen sollten mindestens fünf Kilometer lang und vier Meter breit, möglichst frei von Kreuzungen und starken Steigungen sein. Platz eins ging an den „Panke-Trail“, eine rund 13 Kilometer lange Strecke zwischen dem Pankower Ortsteil Buch und dem Mauerpark, die zu großen Teilen parallel zur Trasse der S-Bahnlinie 2 verlaufen soll. Sie würde zahlreiche Ortsteile in Pankow verbinden und eine schnelle Verbindung nach Wedding und Mitte schaffen, heißt es in der Begründung der Jury. Und das bei nur zwei Ampelkreuzungen.

Auf Platz zwei kam der „Radschnellweg Neukölln“. Er soll vom Görlitzer Park über die stillgelegte Trasse der Görlitzer Bahn sowie die Betriebswege der neuen Autobahn A100 südlich bis zum Teltowkanal führen. Auf Höhe der Sonnenallee gibt es eine Abzweigung in westlicher Richtung entlang der südlichen Ringbahn bis zum Bahnhof Tempelhof. Ebenfalls geprüft wird der „Radschnellweg Nord“, von Frohnau bis Bornholmer Straße. Sein Nachteil: Hierfür müssten sechs neue Brücken gebaut werden.

Einen Sonderpreis erntete ein visionärer Vorschlag von ADFC-Landesgeschäftsführer Philipp Poll. Seine Route führt vom Charlottenburger Tor bis nach Rixdorf – und zwar über den Landwehrkanal. Der Radweg würde hier auf Pontons und Stegen verlaufen. Die Jury räumte ein, dass sie den technischen und finanziellen Aufwand nicht abschätzen konnte. Und die Wasserbehörde wäre wohl auch nicht so glücklich, merkte Staatssekretär Gaebler an.

Die Berliner Grünen hatten parallel zum ADFC ebenfalls Vorschläge gesammelt. Eingereicht wurden unter anderem eine Verbindung von Wannsee bis Westkreuz entlang der A115 durch den Grunewald sowie vom U-Bahnhof Rathaus Spandau bis zur Straße des 17. Juni. Insgesamt kamen 13 Routen mit einer Gesamtlänge von 130 Kilometern zusammen. „Der rot-schwarze Senat behauptete bisher, es gäbe nicht genug potenzielle Routen für Radschnellwege – das ist falsch“, sagte der Abgeordnete Stefan Gelbhaar.

Ein Planungsbüro in Hannover wird untersuchen, welche Radschnellwege infrage kommen. Wichtig sei, dass die Verbindungen auch von Fußgängern genutzt werden können, sagte Gaebler, alles andere sei unrealistisch. Auch müsse man sehen, ob Bundesmittel für die Umsetzung beansprucht werden könnten, rechtlich könne dies schwierig werden. Zuletzt hatte der Bund erstmals Mittel in Höhe von 30 Millionen Euro für Radschnellwege in den Bundesverkehrswegeplan 2030 aufgenommen.

So oder so wird es bis zur Radschnellweg-Revolution noch dauern. „Wird werden nicht nächstes Jahr mit dem Bau beginnen“, bremste Gaebler. Für mehr Beschleunigung wolle man aber versuchen, den Planungsvorlauf von drei auf zwei Jahre „einzudampfen“. Dabei helfen soll die geplante neue Landesgesellschaft, die die zentrale Steuerung beim Bau von Radwegen übernehmen soll.

Damit es nicht so lange dauert, wie auf der gefährlichen Gitschiner Straße in Kreuzberg. Hier vergingen bis zum Beschluss eines Radwegs rund zehn Jahre.