Nahverkehr

Berlin-Brandenburg-Bus - Vorzeigeprojekt kommt nicht voran

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Thomas Fülling

Der Bus 893 soll ein Musterbeispiel für den Nahverkehr zwischen Berlin und Brandenburg sein. Doch der Alltag sieht anders aus.

Berlin/Panketal.  Für Sven Fiedler ist das Abenteuer öffentlicher Nahverkehr erst einmal beendet. Im Frühjahr hatte sich der Zepernicker entschlossen, für seinen Arbeitsweg nach Berlin auf das Auto zu verzichten. Die Entscheidung fiel ihm leicht, war er doch mit Bus und S-Bahn eigentlich genauso so schnell in der Innenstadt wie zuvor. Und mit einer Monatskarte waren die Fahrten am Ende auch kaum teurer. Inzwischen steigt der 47-Jährige wieder ins Auto. Vor allem wegen seiner schlechten Erfahrungen. „Der Zubringer-Bus zum S-Bahnhof Buch ist eine Katastrophe. Er steht immer wieder im Stau – und ich verpasse den Anschluss. Und mitunter fällt er auch ganz aus.“

Komfortabler 20-Minuten-Takt

Der Zubringer-Bus, das ist die Linie 893 der Barnimer Busgesellschaft (BBG). Eigentlich ein Vorzeigeprojekt innerhalb des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB). Seit August 2014 verbindet die Linie die einwohnerstarken brandenburgischen Umlandgemeinden Panketal und Ahrensfelde (Barnim) mit dem S-Bahnhof Buch und mit dem Berliner Stadtteil Hohenschönhausen – und das in einem komfortablen 20-Minuten-Takt sogar am Wochenende. Busse der BBG und der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) fahren im Wechsel auf der Strecke. Die BVG stellte dafür Linien ein, die zuvor ohne große Fahrgastzahlen nur bis zur Stadtgrenze führten.

Eine länderübergreifende Kooperation im öffentlichen Nahverkehr ist in Berlin/Brandenburg eher selten, im Potsdamer Raum gibt es etwa Vergleichbares und in der Region um Teltow. Was vor allem daran liegt, dass die Zuständigkeit für den Busverkehr in Brandenburg bei den Landkreisen und nicht beim Land liegt. Der BVG als Landesbetrieb wiederum ist es EU-rechtlich untersagt, außerhalb der Stadtgrenzen eigene Strecken zu betreiben. Im Fall der Linie 893 fährt die BVG formal als Subunternehmen der Barnimer Busgesellschaft.

Verspätungen durch Staus und Ausfälle

Das anfangs vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) bejubelte Projekt ist ins Schlingern geraten. Dafür sorgen zum einen umfangreiche Straßenbauarbeiten im Pankower Ortsteil Buch, die 2015 begannen. Betroffen davon ist vor allem die stark genutzte Wiltbergstraße am S-Bahnhof Buch. Für Autofahrer wurde in Buch eine Umleitungsstrecke über den Pölnitz- und den Röbellweg eingerichtet. An der Ecke Alt-Buch/Pölnitzweg befindet sich seither eine Ampel, an der es regelmäßig zu kilometerlangen Staus kommt. In diesen Staus bleiben auch die 893er-Busse stecken.Der Fahrplan ist so für die meisten Fahrten nicht mehr zu halten.

Die beteiligten Verkehrsunternehmen BBG und BVG reagierten auf das Chaos erst gar nicht, nach Kritik der Fahrgäste dann mit dem knappen Hinweis in den Fahrplanauskünften, dass es wegen der Straßenbauarbeiten vereinzelt zu Verspätungen und Ausfällen kommen könnte. Auf eine Anpassung des Fahrplans an die widrigen Verhältnisse in Buch verzichtete die für die Linie 893 hauptverantwortliche BBG jedoch. Zumindest bis Mitte Juni dieses Jahres. Da war es in Wartenberg gleich zu mehreren Wasserrohrbrüchen gekommen. Die Busse konnten den Birkholzer Weg nicht mehr passieren. Die Linie 893 wurde in der Folge in zwei Teilstrecken geteilt: Auf der einen Seite zwischen Zepernick und Klarahöh, auf der anderen Seite zwischen Klarahöh und dem Prerower Platz in Berlin.

Fehlerhafte Daten in der Fahrauskunft

Die BBG nutzte diese Änderung gleichzeitig dafür, den Takt montags bis freitags kräftig auszudünnen. Seit Mitte Juni werden nur noch zwei statt drei Fahrten pro Stunde angeboten. Und zwischen den einzelnen Fahrten tun sich plötzlich Fahrplanlücken von 40 Minuten auf. Was viele Nutzer der Buslinie 893 besonders verärgerte: In den Fahrinformationssystemen wie etwa den Smartphone-Apps des VBB oder der BVG wurden auf der Linie 893 weiterhin Fahrten im 20-Minuten-Takt ausgewiesen.

„Die realen Fahrdaten werden uns von den Unternehmen zur Verfügung gestellt. Das ist in diesem Fall nicht erfolgt“, bestätigte eine VBB-Sprecherin die irreführenden Angaben.Inzwischen entsprechen die Anzeigen in den digitalen Auskunftssystemen wieder dem Fahrplan, doch die Angebotslücken haben nicht nur Fahrgäste wie Sven Fiedler von der Busnutzung abgeschreckt. „Besonders ärgerlich ist, dass der 40-Minuten-Abstand in jeder Stunde anders ausfällt. Mal tut sich die Lücke in der ersten halben Stunde auf, dann wieder in der zweiten“, sagte Verena W., die an diesem Tag vergebens auf den Bus wartete.

Ab Montag gilt wieder der Normalfahrplan

Nach Ende der Reparaturarbeiten durch die Wasserbetriebe soll ab dem heutigen Montag wieder der Normalfahrplan gelten. Das Stauproblem in Buch ist damit allerdings nicht gelöst. Die Straßenbauarbeiten, so die Ankündigung des Bezirksamtes Pankow, werden voraussichtlich vier Jahre, also bis 2019 dauern. Dem Vorzeigeprojekt Bus 893 droht bis dahin die Luft auszugehen. Auch weil das länderübergreifende Pilotvorhaben nur mit finanzieller Beteiligung der Umlandgemeinden überhaupt zustande gekommen ist. Die wollen ihre Zuschüsse eigentlich Ende dieses Jahres einstellen. Bis dahin sollte sich die Linie durch die hinzugewonnenen Fahrgäste eigentlich selbst tragen. Angesichts der Unzuverlässigkeit der Busse gilt das inzwischen jedoch als fraglich.

Neues Konzept geplant

Angesichts der vielen Beschwerden hat sich nun der Barnimer Vize-Landrat Carsten Bockhardt (CDU) eingeschaltet. Sein Vorschlag: Bis zum Abschluss der Bauarbeiten in Buch fährt der 893er-Bus an der Staustelle vorbei. Die Verbindung zum S-Bahnhof soll ein Shuttlebus sichern, der gleichfalls im 20-Minuten-Takt ab der früheren Endhaltestelle für die BVG-Linie 251 fährt. Wenn die Berliner Verkehrsbetriebe mitziehen, soll das neue Konzept soll ab Oktober ausprobiert werden.