Lebensrettung

Blutspende für Yonn statt Party im Astra

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Isabel Metzger
Mutter Lisa hat zusammen mit Ehemann Nico eine Blutprobe abgegeben. In der Mitte Tochter Jade

Mutter Lisa hat zusammen mit Ehemann Nico eine Blutprobe abgegeben. In der Mitte Tochter Jade

Foto: Jörg Krauthöfer

Für Yonn findet im im Astra Kulturhaus eine Typisierungsaktion statt. Der Siebenjährige braucht dringend eine Stammzellenspende.

Das Astra Kulturhaus: Ein Treffpunkt für Partybesucher. An den Wochenenden gehen hier Bier und Cocktails über den Tresen. Für den Abend steht „Summer of Rock“ auf dem Programm. An diesem Nachmittag dagegen sind die roten Vorhänge in der Clubmitte zurückgezogen. Das Licht der Disco­kugel wandert über eine taghelle Tanzfläche. An den umfunktionierten Bierbänken sitzen rund 40 Helfer. Sie sind gekommen um Spendern Blut abzunehmen. Eine der Blutproben könnte die richtige sein, um dem siebenjährigen Yonn das Leben zu retten.

Yonn hat MDS (Myelodysplastisches Syndrom). Sein Körper produziert nicht ausreichend gesunde Blutzellen. Bei den Betroffenen verläuft die Krankheit normalerweise tödlich. Die einzige Chance ist eine Stammzellenspende. Yonn weiß davon nichts. Mutter Nina und er sind heute zu Hause geblieben. Für ihren Sohn spielt die Mutter Alltag. Auch dieser Sonnabend ist so ein ganz normaler Tag. Und doch könnte er Yonn das Leben retten.

Nach der Diagnose im Juni wollten nur ein paar Bekannte der Familie Blut spenden, darunter Nina Schrader. Doch bald war ihr klar: „Da muss man eine große Aktion draus machen.“ Mehr als einen Monat lang haben Freunde der Familie um mögliche Spender geworben. Ihnen soll an diesem Nachmittag Blut entnommen werden. Eine Typisierungsaktion für die DKMS, eine Datei in der alle potenziellen Knochenmarkspender registriert werden.

Die letzte Hoffnung

Aus dem Mittelgang kommt Klatschen. „Da hat jemand Geld gespendet“, sagt Nina. Das Geld können die Helfer gut gebrauchen. Die letzten Wochen waren sie Klinkenputzen. Haben Plakate geklebt, getwittert, Flyer verteilt: davon allein 5000 Stück. Auf Facebook haben sie innerhalb von drei Wochen über 1000 Likes gesammelt (#TeamYonnBerlin). Tagelang haben sie bei Berliner Clubs, Hallen, Veranstaltungsräumen angerufen, um einen geeigneten Ort für die Blutabnahme finden. Eine mühselige Aufgabe, mitten in der Urlaubszeit.

Bekannte und Fremde hat Nina zusammen­getrommelt, Spenderneulinge und Profis aus dem Gesundheitswesen. Josephine (27) aus Charlottenburg sitzt an einem Tisch zur Blutabnahme. „In Berlin arbeite ich als Ärztin in der Transplantationsstation“, sagt sie. „Auch dort suchen wir immer nach Spendern.“ Sie kennt das lange Warten der Patienten, sagt sie. Auch das Leiden. „Als Ärztin habe ich gelernt damit umzugehen, aber für die Betroffenen ist es die letzte Hoffnung.“

Es dürfte schwierig werden. Laut Deutscher Krebsgesellschaft beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass die entscheidenden Gewebemerkmale von zwei fremden Menschen übereinstimmen, zwischen 1 zu 20.000 und 1 zu mehreren Millionen. Trotzdem könnte einer der mehr als 340 Spender an diesem Tag der richtige sein.

„Fast schmerzlos“

Marlen (27) zum Beispiel, aus Prenzlauer Berg. Sie streckt den entblößten Arm über den Tisch. „Irgendwelche Probleme? Wird Ihnen leicht schwindelig oder schlecht?“ Kopfschütteln. Josephine sprüht Alkohol in Marlens linke Armbeuge und zieht zwei Milliliter Blut in das Röhrchen. „Fast schmerzlos“, sagt die Spenderin und drückt ein Pflaster auf den Einstich.

Ins Astra geht Marlen normalerweise nur zum Tanzen oder für Konzerte. „Life is precious“ – Leben ist kostbar, ist auf ihren rechten Unterarm tätowiert. Von der Typisierungsaktion hat sie auf Facebook gelesen. „Ich fand den Text bewegend“, sagt sie. „Ein kleiner Junge, das ist richtig schlimm. Wenn man so leicht ein Menschenleben retten kann, dann mach ich natürlich mit.“

In den nächsten Tagen wird sich herausstellen, ob eine der Proben zu Yonn passt. „Aber jeder, der sich jetzt registriert hat, ist wertvoll“, sagt Nina Schrader. „Wenn nicht für Yonn, dann für einen anderen Patienten.“