Wahlkampf

Berliner CDU geht mit Pokémonjagd auf Stimmenfang

In Wedding treffen sich 300 Menschen, um Pokémons zu fangen. Es handelte sich um eine Wahlkampfaktion der CDU. Das missfiel einigen.

Was zum Pokémon Go Spaziergang bewegt

Was bewegt Hunderte Menschen zu einem gemeinsamen Pokémon Go-Spaziergang? Wir waren bei einem Event in Wedding dabei.

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Auf dem Bürgersteig hockt ein Traumato. Das ist, wie man von den Profis hier erfährt, ein ziemlich nutzloses Pokémon, aber der kleine Racker mit dem kurzen Rüssel hat immerhin hypnotische Fähigkeiten, er kann sein Gegenüber also für sich vereinnahmen. Und irgendwie geht es ja genau darum. An diesem Mittwochabend sollen nicht nur Pokémon, sondern vor allem Wähler gefangen werden.

Nach und nach füllt sich der Weg vor der Beuth Hochschule für Technik in Wedding mit jungen Menschen. Sie starren konzentriert auf ihre Handys. Kein Flashmob, kein Komatrinken unter freiem Himmel. Die Leute haben sich zur „Pokémon Go Tour Berlin“ verabredet, gemeinsam wollen sie dieses Spiel zocken, bei dem via Smartphone kleine bunte Monster auf der Straße gefangen, trainiert und in den virtuellen Wettkampf geschickt werden. Mehr als 1700 sagen via Facebook zu, am Ende kommen rund 300. Eine Mädchen zieht noch schnell seinen Lidstrich nach. Ihr Spiegel hat die Form eines Pokéballs.

Pokémon Go spaltet Gesellschaft und Gemüter

Der Hype um Pokémon Go treibt längst seltsame Blüten. Mehr als 100 Millionen Mal wurde das Spiel Stand Anfang August bereits heruntergeladen. In größeren und kleinere Gruppen gibt es immer wieder Pokémon-Treffen, in Berlin bevorzugt im Tiergarten, Humboldthain oder Lustgarten. Wegen der Größe der heutigen Veranstaltung ist in Wedding sogar die Polizei im Einsatz. Pokémon Go gilt immerhin als riskant. Weil die Spieler oft nur Augen für ihr Smartphone haben, gab es bereits tödliche Unfälle.

Unternehmen haben das Spiel auf ihrem Werksgelände verboten, in manchen Ländern ist es inzwischen ganz untersagt. Soziologen hingen loben seine soziale Kraft und Mütter freuen sich, dass ihre Kinder an die frische Luft kommen. Der Reisekonzern TUI bietet neuerdings Pokémon-Reisen nach Berlin an. Alle wollen auf der Welle mitschwimmen.

Florian Nöll bildet da keine Ausnahme. Der Nachwuchs-Politiker tritt für die CDU Moabit zur Wahl an und hat sich als Wahlkampf-Maßnahme die Pokémon-Tour ausgedacht. Auf seinem T-Shirt steht „Nöll“, darunter ist ein Pokéball abgebildet. Der gebürtige Westfale will den Hype für seine Sache nutzen: über Pokémon Go mit potenziellen Jung-Wählern ins Gespräch kommen. Das Spiel biete da neben den klassischen Kanälen eine super Möglichkeit, sagt Nöll. Weil es eben jeder spielt. Nöll macht auch Wahlkampf über die Dating-App Tinder; auf dem Weg ins Abgeordnetenhaus ist jedes Mittel recht. Oder mit Nölls Worten: „Haben wir schon immer so gemacht, gibt es nicht.“

Zahlreiche Rosannas, Golbats und Taubsis sind zu fangen

Das dynamische Wahlkampf-Team, das ebenfalls „Nöll“-T-Shirts trägt, gibt letzte Instruktionen: Bitte nur auf dem Bürgersteig laufen, so will es die Polizei. Dann setzt sich der Tross in Bewegung. Eine rund einstündige Tour durch den Brüsseler Kiez ist geplant. Die Gegend wimmelt von Pokémons aller Art: Rosannas, Golbats und Taubsis.

Das Spielen in der Gruppe hat seine Vorteile. Bringt einer ein sogenanntes Lockmodul an den Start, das die Pokémon anzieht, profitieren alle. Janis ist auch aus einem anderen Grund gekommen: „Wenn man alleine spielt, schauen einen die Leute oft so dumm an“, sagt die 20-Jährige. Ein anderer verrät, dass er über Pokémon-Go-Treffen einen Haufen neue Freunde gefunden hat.

Mittendrin läuft Nöll und gibt fleißig Interviews. Über Sicherheit und marode Schulen wolle er mit den jungen Leuten sprechen. Fragen, was sie bewegt. Als Abgeordneter würde er sich für Chancengleichheit und bezahlbaren Wohnraum einsetzen, sagt er. Und die Berliner Verwaltung digitalisieren, „der Gang aufs Bürgeramt sollte komplett online möglich sein.“

„Würden wir eine CDU-Pokémon-Tour machen, würde niemand kommen“

Nöll ist Neuling, erst seit zwei Jahren ist er politisch aktiv. In erster Linie ist der 33-Jährige in der Start-up-Branche unterwegs, dort gilt er als einer der führenden Köpfe im Land. Seine erste Web-Agentur gründete er als Schüler, inzwischen ist er Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Start-ups. Die Kandidatur in Moabit wirkt dagegen eher wie ein Experiment. Dazu passt die Masche mit den Pokémon, die allgemein Einzug in die CDU gehalten hat. Der Reinickendorfer Abgeordnete Tim Zeelen richtete vor seinem Wahlkreisbüro jüngst einen Lockpunkt ein.

Unter den Spielern weiß am Mittwochabend fast niemand, dass die Christdemokraten hinter der Pokémon-Tour stecken. Nöll hat das Event bewusst privat initiiert. Einer aus seinem Team erklärt das so: „Würden wir eine CDU-Pokémon-Tour machen, würde niemand kommen.“ Tatsächlich sind die Teilnehmer wenig begeistert, als sie den wahren Hintergrund erfahren „Es kann ja wohl nicht sein, dass die CDU Pokémon Go für ihren Wahlkampf missbraucht“, sagt eine junge Frau namens Heidi. Ihr Freund daneben würde die Partei jetzt erst recht nicht wählen. Er finde Politik sowieso „zum Kotzen.“ Die Politikverdrossenheit unter den Gamern scheint groß.

Ein Anwohner fühlt sich belästigt: „Was soll das?“

Lieber Pokémon Go spielen. Nach nicht mal einer halben Stunde ist der Marsch beendet. Die Gruppe hat auf einer kleine Grünfläche mitten im Wohngebiet Halt gemacht, hier tummeln sich besonders viele Monster. Ein Anwohner erscheint. Er fühle sich belästigt, was das Ganze hier soll?, beschwert er sich bei einem Polizisten. „Können die nicht was Sinnvolles machen und Müll auf sammeln oder so“? Irgendwann löst Nöll die Veranstaltung auf Bitte der Polizei auf und zieht von dannen. Nach und nach zerstreut sich die Versammlung, die Handy-Akkus sind sowieso erschöpft. „Die Tour war nicht berauschend“, wird am nächsten Tag im Netz zu lesen sein.

Und Nöll? Der hat am Ende gefühlt mit keinem der Teilnehmer wirklich gesprochen. Dafür aber bekommen, was er wollte: Aufmerksamkeit. Und dazu ein neues Pokémon namens Tauboga.