Groß Glienicke

Wo sich die Berliner High Society traf

In Groß Glienicke wird das Haus Alexander restauriert. Es zeigt ein Stück Geschichte des 20. Jahrhunderts

Groß Glienicke.  Hüfthoch recken sich die Brennnesseln. Moos und Löwenzahn haben sich zwischen den weißen Steinplatten hervorgezwängt. Ein jüngst gepflanzter Birnbaum ist vertrocknet, stattdessen schießt üppig wilder Spargel ins Kraut. Das Areal rund um das „Haus Alexander“ am Groß Glienicker See wirkt verwildert, der Weg zum verfallenen eingeschossigen dunklen Holzhaus ist nur zu erahnen.

Kaum vorstellbar, dass hier in den 20er-Jahren die Berliner High Society ein- und ausging, dass der Nobelpreisträger Albert Einstein den Blick aufs Wasser genoss und der Intendant Max Reinhardt Anekdoten aus dem Berliner Theaterleben erzählt hat, während die Kinder von Alfred Alexander im Garten Tennis spielten. 1927 hatte der jüdische Promi-Arzt und Präsident der Berliner Ärztekammer das Sommerhaus auf Pachtland errichten lassen. Seit 2003 stand es leer, rottete vor sich hin. Jetzt wollen es engagierte Bürger der Gemeinde Groß Glienicke sanieren und dort einen Ort der Begegnung schaffen – mithilfe der Nachfahren des einstigen Erbauers.

Im Jahr 2017 soll das Haus Besuchern geöffnet werden

„Dieses scheinbar unscheinbare Haus kann Geschichte aufbieten“, erzählt Moritz Gröning, einer derer, die sich für den Erhalt von „Haus Alexander“ starkmachen. Der 41-Jährige ist Rechtsanwalt in Berlin und hat nur einen Nebenwohnsitz in Groß Glienicke. Doch die Gemeinde hat es ihm angetan. Erst 2010 ließ er selbst sein Haus an der Seepromenade in Groß Glienicke fachgerecht sanieren, 2011 wurde er dafür mit dem Brandenburgischen Denkmalpflegepreis ausgezeichnet.

Jetzt greift Gröning Thomas Harding, dem in England lebenden Urenkel von Alfred Alexander, bei der Rekonstruktion von „Haus Alexander“ unter die Arme. Dutzende Groß Glienicker Bürger beteiligen sich an der Rettungsaktion des heute im Besitz der Stadt Potsdam befindlichen Hauses. Für das Sanierungsprojekt haben sie 2014 den Verein „Haus Alexander“ gegründet, der mit seinen Nutzungsideen künftig Besucher anlocken will.

Im September sollen die ersten Handwerksfirmen anrücken. „Im nächsten Jahr wollen wir das Haus gern eröffnen“, kündigt Gröning an. In einer kleinen Ausstellung soll auf die Historie des mittlerweile denkmalgeschützten Sommerdomizils und seiner einstigen Bewohner eingegangen werden.

Den Abriss von „Haus Alexander“ konnten die Groß Glienicker verhindern, auch, weil sie mit einem sogenannten „Clean-Up-Day“ 2014 auf das Projekt aufmerksam machten. „Indem sie zu Hacke, Schere und Spaten griffen, um das Areal vom Unrat zu befreien, haben sie der Stadt als Eigentümerin ihr Interesse signalisiert“, sagt Dieter Dargies, Mitglied im Verein „Haus Alexander“. Der 50 Mitglieder starke Verein war es, der die Beschäftigung mit der Geschichte von „Haus Alexander“ eigentlich ins Rollen brachte. „Wir wollten die Schicksale der jüdischen Bewohner im Ort aufarbeiten“, erzählt Dargies. Vereinsmitglied Sonja Richter stieß dabei auf das Objekt „Haus Alexander“ und nahm Kontakt mit dem Nachfahren der Familie auf, mit Thomas Harding. Der kam prompt.

Geplant ist ein interreligiöses Begegnungszentrum

„Zum Großreinemachen vor zwei Jahren reisten 14 Mitglieder der Familien Alexander und Harding aus England und Frankreich an – trotz noch immer erheblicher Vorbehalte gegen Deutschland“, sagt Gröning, der mit Thomas Harding mittlerweile eine persönliche Freundschaft pflegt. „Verwandte der Hardings wurden in Konzentrationslagern ermordet, Alfred Alexander konnte 1936 nach England fliehen.“

Nachfahre Harding recherchierte die Geschichte des Hauses. Lange Vergessenes wurde wieder ans Tageslicht befördert. Das Ferienhaus befand sich zu DDR-Zeiten im Grenzbereich, die Mauer zerschnitt das Grundstück, das Haus wurde umgebaut. Veränderungen, die wieder rückgängig gemacht werden sollen. Erhalten blieben wertvolle Delfter Fliesen, die Alfred Alexander bei Besuchen in den Niederlanden kaufte und über dem Kamin im Haus anbrachte. „Sie haben sicherlich ihr Übriges dazu getan, dass das Haus als etwas Besonderes gilt“, glaubt Dargies. Harding hat die Geschichte seiner Familie und ihres Domizils jetzt in Buchform festgehalten.

„Die Rekonstruktion des Gebäudes ist vom Gutachter mit 300.000 Euro veranschlagt worden“, sagt Gröning. 85.000 Euro habe man von privaten Spendern eingesammelt. Die Familie Alexander habe wesentlich zur Einwerbung der Spenden beigetragen. Das Land Brandenburg legt gut 32.000 Euro dazu. Nun will auch der Bund 140.000 Euro dazu beitragen.

Der Verein „Haus Alexander“ plant neben der Rekonstruktion des Sommerhauses Größeres auf dem Areal: den Bau eines neuen Begegnungszen­trums für Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen. Muslime, Juden oder Atheisten sollen sich hier austauschen können. Seminare und Vorträge sollen angeboten, auch Übernachtungsmöglichkeiten geschaffen werden.

Für das Vorhaben konnten Harding und Gröning bereits die Universität Potsdam, das Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk, eine Stiftung der jüdischen Begabtenförderung, sowie das Avicenna-Studienwerk, eine Stiftung der muslimischen Begabtenförderung, gewinnen. „Uns geht es um den interreligiösen Dialog“, sagt Gröning.

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