Zauberei

Was Alexander Merk zum Meister-Magier macht

Alexander Merk liebte schon als Kind Tricks. Aus einer Passion hat der 29-Jährige inzwischen einen Beruf gemacht.

Der Berliner Zauberer Alexander Merk

Der Berliner Zauberer Alexander Merk

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Als Zauberer muss man so schlicht wie möglich aussehen. Am besten so, dass nichts vom Eigentlichen ablenkt. Alexander Merk beherrscht das ziemlich gut: glatt rasiert, schnittig sitzender, dunkelblauer Anzug, darunter ein Hemd. Dazu detailliert, aber unaufgeregt frisiertes Haar. Merks klare Ausstrahlung, der direkte Blick, alles wirkt sauber einstudiert. Auch seine Sprache ist ohne einen Akzent. Und das, obwohl er in Bayern aufgewachsen ist und erst seit sechs Jahren in Berlin lebt.

Würde er in seinem Auftreten und seiner Art allerdings markiger sein, mit bayerischer Mundart sprechen zum Beispiel, in irgendeiner Form übertrieben oder verrückt wirken, würde das wahrscheinlich etwas vom Perfekten nehmen. Und damit auch vom Zauber, um den es geht.

Lottoscheine verwandelt er in Zehneuroscheine

Merk, der kürzlich erneut zum Deutschen Meister in seinem Beruf gekürt wurde, ist dadurch in etwa so wie eine aalglatte Fläche, auf die man alles projizieren kann. Die aber andersherum genauso alles auf einen als Zuschauer projizieren, einen alles glauben lassen kann. Selbst dann, wenn er an diesem Morgen in der Markthalle Neun in Kreuzberg nur einen seiner schnellen Tricks macht: Lottoscheine mit einem Wisch in ein paar Zehneuroscheine verwandeln. Häh?! Auch die Gesichter der Kaffee trinkenden, unbeteiligten Menschen schauen plötzlich ganz interessiert.

Dieser „Häh“-Moment bleibt auch dann noch, wenn Merk den Trick zum zweiten und dritten Mal zeigt, weil man ihn darum bittet. Man versteht nicht, wie er das macht, nicht mal, wenn man meint, haargenau hingeguckt zu haben. „Ziehen Sie mal die Ärmel hoch“, fordert ihn jemand auf. Aber nichts da. Man sieht in keinem Moment, wo er Lotto- gegen Euroscheine tauscht.

Ein fast schon unerträgliches Nichtwissen, das einen da überfallt. Man will hinter das Rätsel kommen. Das Verlangen bleibt offensichtlich, selbst wenn man erwachsen ist. Wo man doch eigentlich meint, gar nicht mehr an das Irrationale zu glauben. Anders als es Kinder tun, lässt man sich ab einem gewissen Alter ja nicht mehr so leicht „an der Nase herumführen“, hinterfragt die Dinge akribisch und will verstehen, was man da sieht. „Das Gehirn sagt: Das kann nicht sein! Die Augen sagen: Wir sehen es aber!“, fasst Merk diesen menschlichen Wissensdurst zusammen.

Da ist also immer diese nicht zu stillende Neugier, weil man dahinterkommen möchte, wieso ein Mensch, wie man selbst, etwas kann, was man nicht beherrscht. Merk aber bleibt stumm, verrät niemandem, wie seine Tricks funktionieren. Nicht mal seinen Freunden. Aber wozu auch? Etwas Mystik tut der Welt gut – uns umgibt ja sonst genug harte Realität. Darum aber gehe es sowieso nicht: „Das wäre in etwa so, wie wenn ein Klavierspieler seinen Flügel aufklappt und zeigt, dass die Seiten darin die Musik erzeugen.“ Aber das mache am Ende nicht den Reiz der Musik aus, die man hört. „Es ist viel mehr die Wirkung, die dabei entsteht.“

Fotoblick mit faszinierender Präzision

Als Merk einen Satz Karten mit nur einem Handgriff perfekt zum Fächer für das Foto drapiert, ist das natürlich nur eine Fingerübung. Trotzdem ist allein das beeindruckend. Das Auffächern klingt wie ein animiertes Geräusch. So satt. Den Fotoblick übrigens hat er auch mit faszinierender Präzision drauf: eine Augenbraue hochziehen, Stirn kräuseln. Ein gespielt ungläubiger Blick.

Seine Professionalität wundert nicht, immerhin zaubert der 29-Jährige, seit er vier Jahre alt ist. Das sagt er zumindest. Glauben tut man ihm jedenfalls, dass er seine Faszination für dieses Handwerk, also das Zaubern, bereits seit Jahren mit großem Enthusiasmus lebt. Selbst als er noch als Grafiker bei einer Zeitung arbeitete, verbrachte er seine Urlaubstage mit Zaubern. Diese Leidenschaft, mit der er schon früh Geld verdienen konnte, machte er dann mit 23 Jahren zu seinem Hauptberuf.

Seine Eltern fanden das legitim. „Die kennen mich ohnehin nur zaubernd“, sagt Merk. Damals, als Kleinkind, war es der typische Zauberkasten, den ihm seine Eltern zu Weihnachten geschenkt haben. Mit dem fing letztlich alles an. Heute, 25 Jahre später, steht er auf Theaterbühnen vor ein paar Hundert Zuschauern. Bis zu 120 Shows absolviert er mittlerweile pro Jahr. Das Publikum sieht aufmerksam zu, wenn er Gedanken fremder Menschen liest oder diese so verzaubert, dass sie sogar dazu in der Lage sind. Wieder nur: Häh?!

Allein in diesem Jahr war er schon in 15 Ländern unterwegs, um solche Kunststücke zu zeigen. „Als Nächstes fahre ich auf eine 17-tägige Kreuzfahrt und unterhalte dort die Passagiere“, sagt er. Von Europa bis nach New York können sich die Gäste dann an Bord von seinen Geschichten, deren Stilmittel die Zauberei ist, wie er sagt, einlullen lassen.

Tricks entwickeln und üben, üben, üben

Dabei ist Zaubern letztlich auch nur eine Art Handwerk – eine Fingerfertigkeit, die eigentlich jeder lernen kann. Merk muss hart trainieren, damit das in seinen Shows hundertprozentig sitzt. Er muss seine Tricks entwickeln und jeden einzelnen bis zur Perfektion planen. „Denn jeder Fehler nimmt den Zauber“, sagt er, „das darf nicht passieren, auch wenn das natürlich trotzdem manchmal der Fall ist.“ Zum Beispiel, wenn man plötzlich niesen muss. Oder, noch viel schlimmer: mit Magen-Darm-Virus mehrere Gläser Wasser für einen Zaubertrick auf der Bühne trinken. „Seitdem das mal so war, konsumiere ich nichts mehr auf der Bühne“, sagt er lachend.

Zauberei bringen viele schnell mit Kindern in Verbindung. Einen etwas juvenilen Touch hat dieses Handwerk durchaus. Das sei aber, so Merk, nur in Deutschland so. „In England und Frankreich gleicht man als Zauberer einem Rockstar.“ Vielleicht habe das auch damit zu tun, dass Zauberei in Deutschland als „Kleinkunst“ bezeichnet wird, mutmaßt Merk. „Am Ende heißt das aber nur, dass man – wie auch ein Stand-up-Comedian – mit kleinen Mitteln Kunst macht. Sein Hauptwerkzeug ist seine Sprache. Das merkt man. Ohne ein Ähm oder Überlegen antwortet er auf jede Frage.

Zum Zaubern gehört aber doch auch etwas kindliche Fantasie. „Ich schreibe mir alles auf, was mir zu einem Zeitpunkt einfällt, und daraus ergibt sich dann häufig eine Geschichte für meine Show“, sagt Merk. Da gab es zum Beispiel den unlogischen Satz, der in seinem Kopf aufkam: „Einen unsichtbaren Mann unsichtbar machen.“ Auch daraus entwickelte er irgendwann eine Nummer, als er in seinen Notizen wieder über diese Aussage stolperte. Dabei holt er einen angeblich unsichtbaren Mann auf die Bühne. Erst als er eine Decke über seinen „Körper“ legt, zeichnet sich darunter tatsächlich etwas Menschliches ab. Und wieder nur: Häh?!