Fahrradclub

Berlin soll beim Radverkehr mehr Kopenhagen wagen

Der Fahrradclub ADFC fordert für die Zeit nach der Wahl verbindliche Zusagen zum Radverkehr. Eine Partei solle man dafür nicht wählen.

Von Autos umzingelt: Die Leipziger Straße in Mitte wird von den meisten Fahrradfahrern eher gemieden

Von Autos umzingelt: Die Leipziger Straße in Mitte wird von den meisten Fahrradfahrern eher gemieden

Foto: Norbert Michalke≈ƒ Norbert Michalke / BM

Die Klatschpresse ist stets erfreut, wenn das dänische Kronprinzenpaar Mary und Frederik mit den Kindern mal wieder eine Radtour macht. Oder wenn einer von beiden die Zwillinge im Lastenrad in den Kindergarten kutschiert. Schöne Bilder gibt das. Und sie beweisen: Radfahren ist bei den Nachbarn im Norden Chefsache.

So sollte es auch in Berlin sein, findet der Fahrradclub ADFC. "Wir fordern die Berliner Senatoren und Bürgermeister auf, regelmäßig mit dem Fahrrad zu fahren", sagte Vorstand Frank Masurat am Montag bei der Präsentation der Forderungen für die kommende Legislaturperiode. Der Punkt mit der Vorbildfunktion ist dabei nur einer am Rande. So fordert der ADFC vor allem mehr Personal für den Radverkehr. Einmal in Form von 100 Polizisten einer Sondereinheit Fahrradstaffel; die bisherige Staffel umfasst gerade mal 20 Beamte. Außerdem 120 zusätzliche Mitarbeiter für die Ordnungsämter, die etwa das Zuparken von Radwegen verstärkt ahnden sollen. Dazu noch drei Dutzend Mitarbeiter für den Fachbereich Radverkehr auf Landes- und Bezirksebene. Derzeit beschäftigen nur zwei von zwölf Bezirken einen Radverkehrsplaner.

Der ADFC will, dass Bewegung ins Thema kommt. Vor mehr als einem Jahrzehnt wurde vom Senat eine Radverkehrsstrategie beschlossen und 2013 zuletzt aktualisiert. In dem Papier ist das Ziel verankert, den Anteil der zurückgelegten Wege mit dem Rad auf 20 Prozent zu steigern – aktuell sind es 13 Prozent. Doch passiert ist seither nur wenig. Der ADFC fordert mehr Verbindlichkeit. Nach der Abgeordnetenhauswahl am 18. September soll der neue Senat innerhalb von neun Monaten einen Plan vorlegen, wie die Radverkehrsstrategie umgesetzt werden soll. Inklusive Geldzusagen für die nächsten zehn Jahre. Vor allem aber soll "Radfahren in Berlin Chefsache werden", so Masurat.

ADFC fordert 40 Millionen Euro Investitionen pro Jahr

Damit das klappt, und Berlin tatsächlich noch zur "Fahrradstadt" wird, muss auch mehr Geld fließen, heißt es beim ADFC. Zurzeit investiert Berlin 3,80 Euro pro Jahr und Einwohner in den Radverkehr – zum Vergleich: Kopenhagen 21,40 Euro. Gefordert werden 11,40 Euro, das sind 40 Millionen Euro jährlich. Verkehrssenator Geisel (SPD) hat diese Summe bereits zur Diskussion gestellt. "Die Finanzen sind dann auch ein kleineres Problem als die Personalsituation", sagte Masurat.

Ferner fordert der ADFC sicherere Radwege an Hauptstraßen, den Umbau von mindestens 20 gefährlichen Kreuzungen im Jahr, Grüne Wellen, Radschnellwege, mehr Fahrradstraßen sowie Abstellmöglichkeiten, besonders an Fern-, Regional- und Busbahnhöfen. Zudem soll Berlin sich zu einem festen Radverkehrsanteil im Wirtschaftsverkehr verpflichten. Besonders Lieferwagen blockieren Radwege, sie könnten verstärkt durch Lastenräder ersetzt werden, so der ADFC

Das ADFC-Programm deckt sich in weiten Teilen mit dem Radverkehrsgesetz des "Volksentscheid Fahrrad", der dafür mehr als 100.000 Unterschriften sammelte. Beim Volksentscheid sind die Forderungen aber stärker quantifiziert – 200.000 neue Abstellplätze, 100 Kilometer Radschnellwege etc. "So etwas müsste bei den Koalitionsvereinbarungen noch im Detail geklärt werden", so Masurat. ADFC und "Volksentscheid Fahrrad" wollen sich weiter gegenseitig unterstützen. "Unsere Forderungen sind nahezu deckungsgleich", sagte Volksentscheid-Sprecherin Kerstin Stark. "Wir sind aber weiterhin überzeugt, dass es für den Radverkehr eines verbindlichen Gesetzes bedarf."

CDU mit den wenigsten Rad-Übereinstimmungen

Oder Parteien, die sich zum Radverkehr bekennen. So verglich der ADFC bei einer Befragung seine Forderungen mit den Programmen der Parteien im Abgeordnetenhaus. Während es bei Linken und Grünen die größten Übereinstimmungen gab (rund 90 Prozent), schnitt die CDU schwach ab (weniger als 20 Prozent). Sie will nur sieben Millionen Euro pro Jahr in den Radverkehr stecken und schlug vor, die Verkehrslenkung Berlin aufzulösen. Eine Alternative dafür nannte sie laut ADFC nicht.

Mit dem Rad ins Büro ist im Trend

Anstieg: Immer mehr Berliner nutzen das Fahrrad für ihren Arbeitsweg. "Wir erwarten einen weiteren Anstieg des Radverkehrs", sagt Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverkehrsverwaltung. Laut einer Studie nutzten 2013 schon 16 Prozent der Arbeitnehmer das Fahrrad als Verkehrsmittel.

Kein Netz: Laut dem Fahrradclub ADFC fahren mittlerweile sogar mehr Menschen mit dem Rad zur Arbeit als mit Bus oder Straßenbahn. Im Trend seien "Kombinierer" – jene, die Rad und öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Experten kritisieren allerdings, dass es kein zusammenhängendes Radverkehrsnetz gibt, kritisiert Stark. Dadurch käme Fahrradfahren im Berufsverkehr für viele Pendler nicht infrage.

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