Verkehrspolitik

„Wir dürfen nicht nett sein“

Wie Fahrrad-Rebell Heinrich Strößenreuther für den Volksentscheid kämpft – und dafür, sicher durch Berlin fahren zu können.

Beim Fahrrad-Sit-In am 29. Juli in der Oranienstraße: Heinrich Strößenreuther, Anführer der Initiative Volksentscheid Fahrrad

Beim Fahrrad-Sit-In am 29. Juli in der Oranienstraße: Heinrich Strößenreuther, Anführer der Initiative Volksentscheid Fahrrad

Foto: Volksentscheid Fahrrad / Norbert Michalke / BM

Würde ein Fremder jetzt einen Blick in diesen Raum werfen, dann wäre das Urteil schnell gefällt: Sekte. Keine Frage. Über die Bürgersteige von Neukölln laufen junge Menschen, sie tragen Kisten mit Mate und Bier. Die Hosen sind kurz, die Waden darunter stramm. Im Gemeinschaftsraum der Katholischen Kirche bilden sie einen Stuhlkreis. Alle schließen die Augen.

„Stellt euch vor, Ihr sitzt auf Eurem Fahrrad“, summt eine junge Frau. „Ihr steigt aus dem Sattel und spürt den Wind in Euren Haaren.“ Der Häuptling tritt in die Mitte. Er schwört die Gemeinde ein. Auf Wahlkampfveranstaltungen von Verkehrssenator Andreas Geisel (SPD) sollen sie gehen, inkognito, und fragen, warum er beim Radverkehr geschlafen habe. Vor diesem fahrradunfreundlichen Senat bräuchten sie keine Angst haben. „Wir dürfen nicht nett sein.“

Eine Truppe, die mit klugen Argumenten an die Arbeit geht

Es ist ein Donnerstagabend, und das Team um Häuptling Heinrich Strößenreuther hat sich zum „Kick-off für den Berliner Fahrradsommer“ verabredet. Rund 50 Menschen sind gekommen, der harte Kern des „Volksentscheid Fahrrad“.

Es wäre leicht, die Initiative als Sekte zu bezeichnen. Als fanatischen Haufen Öko-Spinner, der irgendwo Ende der 60er-Jahre hängen geblieben ist. Es wäre ebenso falsch. Wer genau hinschaut, erkennt eine Truppe, die sich zwar mit esoterischen Gruppenspielen in Stimmung bringt. Die danach aber mit viel System und klugen Argumenten an die Arbeit geht. Mit dem Ziel: eines Tages entspannt und sicher in Berlin Rad zu fahren.

Der Jüngste ist 18, der Älteste fast 70 Jahre alt

Wer sind diese Menschen, die mit ihrer Kampagne enormen Druck auf die Berliner Regierung erzeugt haben? Viele haben beruflich mit Umwelt oder Nachhaltigkeit zu tun, sind Unternehmer, Architekten, Ingenieure und Stadtplaner. Einige studieren noch, einer arbeitet als Inspektor für Kernkraftwerke. Der Jüngste ist 18, der Älteste fast 70 Jahre alt. Hier und heute sind sie in erster Linie Radfahrer, die sich auf Berlins Straßen nicht wohlfühlen.

Sie haben genug von kaputten Radwegen, die im Nichts enden. Jemand erzählt, dass sein Freund nicht kommen konnte, da er einen Fahrradunfall hatte. Dann werden Ideen für Aktionen gesammelt, mit denen man im Wahlkampf Aufmerksamkeit bekommen könnte. Spontan-Proteste vor den Wahlkreisbüros der Abgeordneten. Radwege auf die Straße malen. Parkplätze besetzen. Sie dürfen nicht nett sein.

Innerhalb von drei Wochen mehr als 100.000 Unterschriften

Auch ohne Guerilla-Offensive hat die Gruppe schon bundesweit Beachtung erlangt. Innerhalb von drei Wochen wurden mehr als 100.000 Unterschriften (davon 90.000 gültige) für das neue Radverkehrsgesetz gesammelt. Zur Bundestagswahl 2017, so der Plan, sollen die Berliner dann abstimmen, ob sie zwei Meter breite Radwege an allen Hauptstraßen und 200.000 neue Abstellplätze haben wollen.

Neben dem Glauben an die Sache ist der Erfolg strukturell bedingt. Strößenreuther, der den Volksentscheid Ende 2015 an den Start brachte, hat Teams bilden lassen, die sich um ihren Bereich kümmern. Alle zwei Wochen gibt es Treffen, daneben läuft das meiste im Internet ab. „Vieles kann ich schon gar nicht mehr kontrollieren“, sagt Strößenreuther, und das sei auch gut so. Architekt Tim Lehmann, der mit der Idee eines Radschnellwegs auf der stillgelegten Bahntrasse zwischen Zehlendorf und Potsdamer Platz Schlagzeilen machte, war wie Strößenreuther bei der Deutschen Bahn. „Dort ging es nicht so strukturiert zu“, sagt er.

Seit drei Jahren ist Strößenreuther als Fahrrad-Aktivist unterwegs

Das Büro in Mitte liegt direkt an der Spree. Am anderen Ufer schlummert das Kater Blau im Sonnenlicht. Mit langen Schritten führt Strößenreuther – Körpergröße 1,94 Meter, Rahmengröße 28 Zoll – um das Gebäude. Drinnen überwiegt nackter Beton, wie er in den Denkschmieden der Hauptstadt seit einiger Zeit angesagt hat. Seit drei Jahren ist der 48-Jährige als Fahrrad-Aktivist unterwegs, seit fast einem Jahr gibt es für ihn nur noch den Volksentscheid. Seine Liebe zur Umwelt entdeckte er, so erzählt er, als beim Urlaub in Kanada plötzlich ein Bär vor seinem Zelt auftauchte.

Für den Klimaschutz, sagt Strößenreuther, sei der Radverkehr alternativlos. Sein Lieblingsthema lautet Flächen-Gerechtigkeit. Aus dem Effeff kann Strößenreut­her darüber referieren, wie viel Platz ein Auto, wie viel ein Rad einnimmt. Wie hoch der Anteil zurückgelegter Wege der einzelnen Verkehrsmittel ist, wie ein sicherer Radweg aussehen muss. Und wie genau das alles in Berlin nicht funktioniert. Rund 4000 Kilometer fährt er im Jahr selbst, das ist länger als die gesamte Tour de France. Nicht ohne Stolz erzählt Strößenreuther, dass Ärzte ihn bei Checks als Leistungssportler einstufen.

Der „Häuptling“ nimmt kein Blatt vor den Mund

An Selbstbewusstsein mangelt es nicht. Strößenreuther ist sicher, dass sein Weg der richtige, sein Gesetz die Rettung ist. Ein Jahrzehnt war der Vater eines Sohnes Konzernstratege bei der Bahn, inzwischen nennt er sich „Deutschlands führenden Berater für Fernbus-Unternehmen“. Als „Verkehrsrebell im schwarzen Anzug“ hat ihn „Die Zeit“ bezeichnet, in der Verkehrsverwaltung spricht man dagegen schon mal vom „arroganten Unternehmensberater.“

Denn Strößenreuther nimmt kein Blatt vor den Mund, sein Mittel ist die Provokation. Senator Geisel und Kollegen sind für ihn „Berufspolitiker, die nie ein Unternehmen geführt haben“, ihre Verkehrspolitik ein Zeichen von „Totalversagen“. Bei einem internen Treffen mit Geisel mussten die Aktivisten dem Senator nach eigenen Angaben erstmal den Unterschied zwischen Fahrradstraßen und Radschnellwegen erklären. Am liebsten attackiert Strößenreuther den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD). Der habe das Wort „Fahrrad“ gefühlt noch nie in den Mund genommen und baue lieber Autobahnen.

Und doch sind erste Reaktionen erfolgt. Senator Geisel erwägt, die Mittel für den Radverkehr fast zu verdreifachen. Auf der Frankfurter Allee soll eine Autospur zur Radspur werden. „Lustige, kleine Maßnahmen“, nennt Strößenreuther das. Er müsse provozieren, anders ginge es nicht. Nur so könne er den Politikern deutlich machen, dass man mit dem Thema Radverkehr Wahlen gewinnen könne.

Michael Müller hat noch nicht zugesagt

Neben sieben Prozent der Berliner Wahlberechtigten und etlichen Verbänden hat Strößenreuther so auch die gesamte Opposition hinter sich gebracht. „Die Idee eines Fahrrad-Volksentscheids lag auf der Straße, die Jungs machen das genau richtig“, sagt der Abgeordnete Stefan Gelbhaar (Grüne), der bei der Unterschriftensammlung half. Innerhalb der Initiative ist Strößenreuthers Stil nicht unumstritten. „Heinrich sollte vielleicht nicht immer so laut schreien“, sagt Philipp Bastian, der sich um die Formulierung des Gesetzes kümmerte. Doch der Erfolg gibt Strößenreuther recht. „Wir stehen zu 100 Prozent hinter ihm“, sagt Bastian.

Recht gibt den Aktivisten auch die Statistik. Vergangenen Montag starb eine 85-Jährige in Grunewald nach Kollision mit einem Autofahrer. Sie ist Todesopfer Nummer zehn, damit hat Berlin 2016 bereits so viele Fahrradtote zu beklagen wie im gesamten letzten Jahr. Statt eines Rückgangs der leicht und schwer verletzten Radfahrer um 25 bis 30 Prozent, wie 2011 von Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) versprochen, sei deren Zahl um ebendiese Zahl gestiegen, merken sie beim „Volksentscheid Fahrrad“ verbittert an. Der Regierende Bürgermeister Müller wurde deshalb zu einer „Fahrradstadt-Sofortprogramm-Tour“ eingeladen. Müller hat noch nicht zugesagt.