Berufsorientierung

IHK Berlin baut Brücken für eine bessere Bildung

Von Berufsrouten-App bis Forschungscontainer: Die IHK fördert mit 15 Millionen Euro Qualifizierungsprojekte für junge Menschen.

Ein Chemie-Containerlabor für Studienabsolventen mit Gründungsabsicht und eine interaktive Berlinkarte, die über Ausbildungsberufe informiert – das sind zwei der 23 Projekte, mit denen die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin die berufliche Bildung, den Wissenstransfer und die Integration von Flüchtlingen fördern will. Kammerpräsidentin Beatrice Kramm fasst die Initiative mit dem Begriff „Innovationstransfer“ zusammen.

Die Mitglieder der IHK hatten auf ihrer Vollversammlung 2014 beschlossen, überschüssige Haushaltsmittel in Höhe von 15 Millionen Euro zur Förderung innovativer Bildungsprojekte einzusetzen, um die Berufsorientierung von Jugendlichen zu verbessern, Schulen und Unternehmen zu vernetzen und damit den Fachkräftebedarf zu sichern. Aus mehreren Hundert Projekten wurden in einem zweistufigen Verfahren 23 ausgewählt. Nachdem nun die Entscheidungen über die zweite Förderrunde gefallen sind, gehen 15 neue Projekte an den Start.

Immer mehr Stellen nicht besetzt

Hintergrund der Initiative ist der zunehmende Personalmangel in der Wirtschaft. Aktuell fehlen 52.000 Fachkräfte, so eine IHK-Studie. In den Jahren 2021 bis 2025 werden voraussichtlich mehr als 113.000 Stellen nicht besetzt werden können. Um gegen diesen Trend zu steuern, bemüht sich die IHK um die Stärkung der Berufsausbildung.

Auch die Besetzung von Ausbildungsplätzen wird problematischer. Mehr als jedes dritte Unternehmen (36,6 Prozent) kann nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen, weil es keine geeigneten Bewerber gab, weil überhaupt keine Bewerbungen eingingen, weil die Azubis nicht zum Ausbildungsbeginn erschienen oder Verträge nach Beginn der Lehre aufgelöst wurden. Bei allen vier Kategorien weist der Trend seit Jahren nach oben.

Betriebe fordern mehr Disziplin und Motivation

Ein großes Defizit ist die Ausbildungsreife der Bewerber. Die häufigsten Klagen aus Unternehmen heraus gibt es über Leistungsbereitschaft und Motivation der Azubis. Ähnlich häufig werden Defizite bei der Belastbarkeit genannt. Kritik über das Ausdrucksvermögen sowie an der Disziplin sind ebenfalls Themen, über die sich Ausbilder mit steigender Tendenz beschweren.

Ein weiteres häufiges Defizit sind die Berufsvorstellungen der Bewerber. Vier von fünf Unternehmen sagen, dass Ausbildungsplätze nicht besetzt werden, weil Bewerber unklare Berufsvorstellungen haben. Das Wissen um die Anforderungen einzelner Berufe geht seit Jahren zurück: Im Jahr 2012 gab nicht einmal jedes zweite Unternehmen ein solches Wissensdefizit als Grund für die Vakanz von Lehrstellen an.

Tausende Stellen unbesetzt

Obwohl das Ausbildungsjahr offiziell bereits am 1. August begonnen hat, meldet die Lehrstellenbörse der IHK noch 1300 offene Stellen. Die Handwerkskammer verzeichnet auf ihrer Börse noch 900 freie Plätze. Der jüngste Bericht der Agentur für Arbeit weist eine noch höhere Diskrepanz aus: Danach suchen noch 8238 Jugendliche in Berlin eine Lehrstelle. 6548 Ausbildungsstellen waren Ende Juli noch nicht besetzt.

Das mit einem Fördervolumen von mehr als einer Million Euro aufwendigste Projekt ist das Containerlabor des TU-Chemieprofessors Reinhard Schomäcker. Hochschulabsolventen sollen sich in diesem Labor befristet einmieten können, um eigene Unternehmen aufzubauen. Schomäcker stellt ab Oktober 100 Quadratmeter Laborfläche zu Verfügung, die hinsichtlich des Sicherheitsstandards und der Grundausstattung wissenschaftlichen Anforderungen gerecht werden. Damit schließt er eine existenzielle Förderlücke. Denn Mittel aus Gründerprogrammen wie Exist dürfen nicht für Mieten benutzt werden. Schomäcker wird von Anfragen überrannt. Ein Team will mit komplexen Molekülen einen Handybildschirm entwickeln, der Blindenschrift anzeigt, ein anderes forscht an durchstichsicheren Kunststoff-Handschuhen für Chirurgen, ein drittes entwickelt aus Nanopartikeln ein Lötmittel für die Hochleistungselektronik.

Eine App für die Lehrstellensuche

Das Team von Nihat Sorgeç will eine zeitgemäße Lehrstellensuche anbieten und hat dazu eine in Leipzig erprobte Internetanwendung auf Berlin übersetzt. „Viele Jugendliche kennen nur zehn bis 15 Berufe“, sagt Sorgeç. Das will er ändern. Die App bietet Routen an, auf der Jugendliche neue Berufe und Betriebe kennenlernen können.