Wirtschaft

Warum es immer mehr Firmen in den Berliner Speckgürtel zieht

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Gudrun Janicke
Udo Büntgen-Hartmann, Geschäftsführer der Firma Alcaro, ist in Großbeeren inzwischen der größte Investor

Udo Büntgen-Hartmann, Geschäftsführer der Firma Alcaro, ist in Großbeeren inzwischen der größte Investor

Foto: Sophia Kembowski / dpa

Innerhalb weniger Jahre hat sich der Berliner Speckgürtel zu einem der wichtigsten Standorte entwickelt. Die Gründe sind vielfältig.

Lkw fahren über das riesige Gelände, die Kennzeichen der Lastwagen sind international. Im Güterverkehrszentrum (GVZ) Großbeeren am Südrand Berlins werden Container von Ladeflächen gehoben und gestapelt. An anderer Stelle fahren Gabelstapler Pakete in Hallen oder transportieren Lieferungen aus den Lagern an die Rampen für die Laster. Unvorstellbar – noch vor gut 20 Jahren sagten sich hier Fuchs und Hase gute Nacht.

Gerade erst wurde Richtfest gefeiert: Für den britischen Online-Versandhändler Asos für Beauty und Mode entstehen 44.000 Quadratmeter in Hallen. Es ist das sechste Bauvorhaben für Udo Büntgen-Hartmann, geschäftsführender Gesellschafter der Alcaro Invest GmbH. „Wir fühlen uns hier wohl und sind mit offenen Armen empfangen worden“, sagt der Kölner, der seit 2009 in Großbeeren aktiv ist. „Uns wurden keine Steine in den Weg gelegt.“

4000 bis 5000 Arbeitsplätze sind entstanden

Mittlerweile ist er der größte Investor auf dem 220 Hektar großen Areal in Großbeeren (Teltow-Fläming). Etwa 36 Hektar Grundstücksfläche hat Büntgen-Hartmann erworben und maßgerecht für seine Mieter bebaut. „Etwa 4000 bis 5000 Arbeitsplätze sind entstanden“, erzählt er. Alcaro investierte bislang 135 Millionen Euro.

Der Speckgürtel ist der Hotspot für Logistiker. Von hier aus werden Bekleidung, Lebensmittel, Pharmazeutika, Drogerieartikel, Möbel oder auch Kfz-Teile verschickt. Die Hauptstadtregion mit mehr als fünf Millionen Menschen ist ein lukrativer Markt. Der Online-Versandhändler Amazon hat hier seit 2013 sein Logistik-Center.

Was zieht die Firmen nach Brandenburg? Für sie sei vor allem die Infrastruktur entscheidend, so das Logistiknetzwerk Berlin-Brandenburg. Seit dem Jahr 1990 wurden nach Angaben des Potsdamer Wirtschaftsministeriums rund sieben Milliarden Euro in die Straßenverkehrsinfrastruktur investiert. Über 12.000 Straßenkilometer, ein großer Teil des Schienenverkehrsnetzes sowie Binnenwasserstraßen und Häfen wurden erneuert und ausgebaut. In der Region gibt es fast 900 Kilometer Bundesautobahnen, 3000 Kilometer Schiene und rund 1300 Kilometer Bundeswasserstraßen.

Motoren der Entwicklung

In einem Vergleich des Branchenverbandes hat es das GVZ Großbeeren 2015 auf Platz vier von 200 europäischen Standorten geschafft. Auf die ersten drei Plätze setzte die Deutsche GVZ-Gesellschaft Verona in Italien sowie Bremen und Nürnberg. Zwei Dutzend Kriterien wurden berücksichtigt – vom Service bis zur Infrastruktur. „Brandenburg und Berlin zählen mittlerweile zu den führenden Logistikstandorten Deutschlands“, sagt Brandenburgs Wirtschaftsstaatssekretär Hendrik Fischer. Vor allem die Güterverkehrszentren um Berlin und in Frankfurt (Oder) seien Motor der Entwicklung. „Das ist eine echte Erfolgsgeschichte.“

„In Großbeeren stehen 220 Hektar zur Verfügung“, sagt Rüdiger Hage, Geschäftsführer der Infrastruktur- und Projektentwicklungsgesellschaft mbH (IPG) in Potsdam. Im Auftrag des Landes und der Kommunen entwickelt die Firma seit Anfang der 90er-Jahre die drei GVZ Großbeeren, Wustermark und Freienbrink. Einstige Rieselfelder mauserten sich zu gefragten Logistikzentren. Allein in Großbeeren haben sich etwa 80 Firmen angesiedelt, die rund 540 Millionen Euro investierten. 8000 Menschen fanden hier inzwischen einen Arbeitsplatz.

Kampf um jeden Investor

Noch vor Jahren mussten die IPG-Mitarbeiter um jeden Investor kämpfen. „Der Standort ist heute bekannt. Anfragen aus ganz Europa kommen fast von allein ins Haus“, sagt Hage. „Doch jetzt wird es eng: Frei sind nur noch 32.000 Quadratmeter“ – verglichen mit der Gesamtgröße Handtücher.

Das spürt auch Alcaro-Geschäftsführer Büntgen-Hartmann. „Die Wachstumsrate der Region ist enorm“, betont er. Als letztes Projekt entwickelt er eine Immobilie, für die er noch keinen Kunden hat – und denkt dabei an die steigende Nachfrage. „Dann ist für uns in Großbeeren Schluss.“

„Auf Vorrat“ bebaut auch der Fonds Fidelity International mit einem Partner eine 38.000 Quadratmeter große Fläche. Erste Einheiten sollen ab dem ersten Quartal 2017 bezugsfertig sein. „Wir sind davon überzeugt, dass sich sowohl Berlin als auch der Logistiksektor weiterhin wirtschaftlich sehr dynamisch entwickeln werden“, sagt Arno Väth, Immobilienfonds-Manager bei Fidelity International.

„Wir haben die Gegend liebgewonnen“

Die Platzfrage im Speckgürtel wird aber drängender. „Wir müssen den Mut haben, enger zusammenzurücken“, stellt Hage nüchtern fest. Oder sich in den anderen Brandenburger GVZ umzusehen. In Wustermark (Havelland) westlich von Berlin etwa sind beispielsweise noch 20 Prozent der 127 Hektar frei. Gerade auf der Suche nach einem geeigneten Standort ist die Drogeriemarktkette dm. Vielleicht wird sie in Brandenburg fündig, eine endgültige Entscheidung gibt es nach Unternehmensangaben noch nicht. Alcaro-Chef Büntgen-Hartmann befasst sich zumindest schon gedanklich mit den Bedingungen in Wustermark. Mit einem Lächen sagt er: „Wir haben die Gegend liebgewonnen.“